Faltenfrei
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Faltenfrei

Inhalt / Kritik

Faltenfrei
„Faltenfrei“ // Deutschland-Start: 17. November 2021 (Das Erste)

Mit Schönheit kennt sich Stella Martin (Adele Neuhauser) aus. Sie hat nicht nur zahlreiche Bestseller zu dem Thema geschrieben, sondern verkauft zusammen mit ihrem Ehemann Georg (Thomas Limpinsel) selbst eine Reihe von Beauty-Produkten, mit denen sie ganz gut Geld machen. Doch auch an Stella geht die Zeit nicht spurlos vorbei. So sagt man ihr doch glatt, ihr neues Buch sollte besser ohne ihr Porträtbild gedruckt werden. Und dann hört sie auch noch das Gerücht, Georg soll etwas mit ihrer deutlich jüngeren Assistentin Adina (Lisa Jopt) haben. Klar, dass sie dabei nicht einfach so zusehen kann: Schönheitschirurg Arthur (Manuel Rubey) soll ran und alles neu und straff machen. Doch die Operation geht schief. Nicht nur, dass ihr neues Äußeres keine Verbesserung darstellt. Sie kann außerdem plötzlich die Gedanken anderer hören …

Für immer jung

Die Menschen werden heute immer älter. Das ist schön. Weniger schön ist, dass dieses Alter dann auch sichtbar ist. Wir möchten zwar vielleicht älter werden, aber nicht unbedingt älter aussehen. Aber zum Glück gibt es ja Leute, die ihr Leben dem Kampf gegen diese Alterungsspuren gewidmet haben, gegen eine kleine Unkostenbeteiligung. Tatsächlich dürfte es kaum einen Bereich in der freien Wirtschaft geben, der ähnlich zynisch mit den Sehnsüchten der Menschen Kasse macht. Da werden irgendwelche Mittel verkauft, mit vollmundigen Versprechungen, ob Print, Blog oder Online-Video: Jeder und jede fühlt sich dazu berufen, eigene Tipps für ein jugendlichen Aussehen zu geben, und nutzt damit den auch durch die Medien forcierten Schönheitswahn aus. Hässlich und alt? Das geht nicht!

Für Filmschaffende ist das natürlich ein dankbares Thema, denn wo eine gesellschaftliche Schieflage, da das Potenzial, ein Publikum abzuholen. So auch bei Faltenfrei. Die ARD-Produktion verzichtet dabei darauf, aus dem zweifelsfrei ernsten Stoff ein Drama zu machen. Vielmehr soll der Film die Zuschauer und Zuschauerinnen daheim in erster Linie unterhalten. Drehbuchautor Uli Brée (Wer einmal stirbt, dem glaubt man nicht) nutzt dabei zunächst das Mittel der Zuspitzung, um seine Geschichte humorvoll zu gestalten. So ist die arrogante Stella, die gar nicht merkt, wie sehr sie von der Zeit überholt wurde, nicht wirklich mehr als eine Karikatur. Da werden brav die üblichen Klischees abgearbeitet, die einem zu diesem Thema so einfallen.

Der Wahnsinn anderer Gedanken

Amüsanter wird es, wenn sie nach einer Reihe chaotischer Ereignisse auf einmal ihre Fähigkeit des Gedankenlesens entwickelt. So etwas kann ganz praktisch sein, wenn man auf diese Weise einmal erfährt, was wirklich in anderen vor sich geht. Faltenfrei macht aber auch klar, dass das ein ziemlicher Fluch ist. Nicht nur dass man hierbei Sachen zu hören bekommt, die man besser nicht wissen wollte. Man hat auch keine Ruhe: Der Film zeigt ganz genüsslich, wie Stella an dieser Erfahrung verzweifelt und keinen Moment mehr für sich hat. Wohin sie auch geht, sie wird von den Gedanken der anderen verfolgt. Da kann man schon einmal latent wahnsinnig werden.

Gleichzeitig will die Komödie, die auf dem Filmfest München 2021 Premiere feierte, natürlich mehr sein als ein bisschen Bespaßung. Gemeinsam mit der unfreiwillig Superbegabten soll das Publikum ein bisschen darüber nachdenken, was Schönheit eigentlich bedeutet und welchen Raum wir ihr geben sollten. Wie damals bei Was Frauen wollen, bei der ein gedankenlesender Macho zum Frauenversteher und besseren Menschen wurde, ist auch Faltenfrei ein Film über jemanden, der durch dieses Talent dazulernt und empathischer wird. Das ist nie verkehrt, gerade in Zeiten wie diesen, bei der Empathie Andersdenken gegenüber aufgebraucht ist und niemand mehr einander zuzuhören in der Lage ist. Ein leichter Schubs in die richtige Richtung, das darf man schon machen.

Oberflächliche Tiefsinnigkeit

Nur ist Faltenfrei bei diesem Plädoyer für innere Werte und ein stärkeres Beisammensein nicht so wahnsinnig originell. Ist erst einmal das Szenario etabliert, dürfte es nur noch ganz wenige vor den Fernsehern geben, die nicht genau wissen, was da alles passieren wird. Es ist auch nicht so, als hätte man sich bei der Umsetzung größere Mühe gegeben. Wenn Stella beispielsweise ausgerechnet bei ihren Töchtern Fiona (Henriette Richter-Röhl) und Johanna (Olga von Luckwald) nichts hören kann, dann ist das schon recht plump. Aber sei’s drum: Sympathisch ist die Komödie. Außerdem geht Hauptdarstellerin Adele Neuhauser mit viel Spielfreude und Mut zur Hässlichkeit an ihre Aufgabe. Das reicht dann auch, um sich den Abend daheim auf der Couch gemütlich zu machen. Man sollte aber nicht die Erwartung haben, dass das hier mehr als auf tiefsinnig geschminkte Oberflächlichkeit ist.

Credits

OT: „Faltenfrei“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Dirk Kummer
Drehbuch: Uli Brée
Musik: Stefan Bernheimer
Kamera: Mathias Neumann
Besetzung: Adele Neuhauser, Lisa Jopt, Thomas Limpinsel, Henriette Richter-Röhl, Lasse Myhr, Olga von Luckwald, Sibylle Canonica, Manuel Rubey

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„Faltenfrei“ folgt einer überheblichen Beauty-Expertin, an der mittlerweile der Zahn der Zeit nagt und die nach einem Unfall plötzlich die Gedanken anderer hören kann. Der Film will auf humorvolle Weise die Oberflächlichkeit der Gesellschaft anprangern, ist dabei aber selbst nicht übermäßig tiefsinnig. Das ist nett, auch wegen einer spielfreudigen Hauptdarstellerin, mehr aber nicht.
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