Inhalt / Kritik

Ta'm-e gīlās / Le Goût de la cerise Der Geschmack der Kirsche

„Der Geschmack der Kirsche“ // Deutschland-Start: 16. Juli 1998 (Kino) // 22. Juni 2007 (DVD)

Am helllichten Tage fährt Herr Badii (Homayoun Ershadi) durch die Straßen Teheran sowie das hügelige Umland, auf der Suche nach jemandem, der eine Job für ihn erledigt. Durch Zufall nimmt er einen kurdischen Soldaten (Safar Ali Moradi) auf, der auf dem Weg zurück in seine Kaserne ist. Im Gespräch über seine eigene Zeit beim Militär versucht Badii das Vertrauen des jungen, scheuen Mannes zu gewinnen, der sich schließlich darauf einlässt, ihn eine Weile zu begleiten und sich, da er selbst an Geldproblemen leidet, sein Angebot anzuhören. Badii bringt ihn an eine Stelle im Hinterland, wo er bereits ein Loch ausgegraben hat und bittet den Soldaten, am nächsten Morgen dort vorbeizugehen und seinen Namen zu rufen. Sollte Badii nicht antworten, soll er ihn mit 20 Schaufeln Erde bedecken, doch wenn er eine Antwort bekommt, soll er Badii aus dem Graben helfen. Der junge Mann reagiert schockiert auf das Angebot, wie auch der afghanische Seminarist (Hossein Noori), der eigentlich nur einen Freund besuchen wollte, der als Sicherheitsmann bei einem Steinbruch arbeitet. Auch wenn Badii ihm sagt, er wolle davon nichts hören, versucht der Seminarist ihn mit theologischen wie auch moralischen Gründen davon zu überzeugen, das Selbstmord, egal, wie man ihn begründet, eine Sünde sei und er seinen Plan vergessen solle.

Schließlich kreuzen sich Baadis Wege mit denen eines Tierpräparators (Abdolrahman Bagheri), der an der Universität arbeitet. Auch diesem unterbreitet er das Jobangebot, was der Mann zwar annimmt, wobei er Badii aber zugleich das Versprechen abnimmt, er solle sich das noch einmal gut überlegen. Auf dieser letzten Fahrt, bis zur Universität, zählt ihm der Fahrgast Gründe auf, warum es sich doch lohnen würde zu leben.

Die flüchtige Pracht eines Lebens

Als Abbas Kiarostami im Alter von 76 Jahren in Paris verstarb, hinterließ er ein filmisches Werk, welches wie kaum ein anderes über die Fundamente des Lebens immer wieder nachdachte und wie Menschen untereinander agieren. Die poetische Kraft und die damit einhergehende Ambivalenz seiner Werke brachten ihn nicht selten in Konflikt mit den iranischen Zensoren, wie auch im Falle von Der Geschmack der Kirsche, stellt doch die Prämisse, dass ein Mann Selbstmord begehen will, ein Tabu innerhalb des Islam dar. Dies beeinträchtigte jedoch nicht den Erfolg des Filmes, der sich auf den Filmfestspielen in Cannes 1997 mit Shohei Imamuras Der Aal die Goldene Palme teilen durfte. Für viele Filmfreunde und -kritiker gilt Der Geschmack der Kirsche als das beste Werk des Regisseurs, stellt es doch die zentrale Frage nach dem Sinn des Lebens und ob es sich überhaupt lohnt zu leben, wenn man die eigene Existenz nur noch als Qual empfindet.

Schon immer war Minimalismus, erzählerisch wie auch ästhetisch, eine Herangehensweise in Kiarostamis Werk gewesen, wobei Der Geschmack der Kirsche keine Ausnahme bildet. Mit nur wenigen Darstellern und einer Kamera, die zwischen den Perspektiven des Wageninneren und den Landschaftaufnahmen wechselt, erzählt der Filmemacher eine an sich einfache Geschichte, die eigentlich auch ohne viele Worte auskommt. Auch wenn nicht alles an der Landschaft schön ist, durch die Badii mit seinem Wagen fährt, so zeigen sich in ihr doch alle Facetten des Daseins, von der Natur bis hin zum Eingriff des Menschen, insbesondere im Steinbruch, wobei der Protagonist weder das eine noch das andere wahrnimmt. Die scheinbar ziellose Suche, die Verzweiflung wie auch die Hoffnung dient scheinbar als Metapher für einen Lebensweg, der an vielen Stellen Halt sucht, sich enttäuscht abwendet und vielleicht auch nicht offen ist für das, was beispielsweise der Taxidermist ihm erklären will, wenn er sagt, er könne doch nicht ernsthaft auf den „Geschmack von Kirschen“ verzichten wollen, nur weil er auf ein Hindernis in seinem Leben gestoßen ist.

Leid und Sünde

Kiarostamis Kinos ist kontemplativ, sucht nach Antworten, doch erdreistet sich, einfache Lösungen zu präsentieren. Die Kriegsflüchtlinge, der kurdische Soldat wie auch der afghanische Seminarist, können ebenso wenig überzeugen wie der Taxidermist, dessen Arbeit bereits eine gewisse Nähe zum Tod signalisiert. Ebenso wenig scheinen bisweilen die Argumente Badiis zu überzeugen, weshalb die Kamera den Zuschauer im Schuss-Gegenschuss-Verfahren mit diesen Positionen konfrontiert, als würden wir selbst in diese Diskussion miteinbezogen werden. Die Argumentation von Leid und Sünde oder später von der Pracht des Lebens, vor der man nicht die Augen verschließen dürfe, sind immer auch an einen Zuschauer gerichtet, ohne dabei eine übermäßig didaktische Herangehensweise an die Geschichte zu affirmieren.

Credits

OT: „Ta’m-e gīlās“ / „Le Goût de la cerise“
Land: Iran, Frankreich
Jahr: 1997
Regie: Abbas Kiarostami
Drehbuch: Abbas Kiarostami
Kamera: Homayoun Payvar
Besetzung: Homayoun Ershadi, Abdolrahman Bagheri, Hossein Noori, Safar Ali Moradi

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Cannes 1997 Goldener Löwe Sieg

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Der Geschmack der Kirsche
„Der Geschmack der Kirsche“ ist ein vielschichtiges Werk über den Sinn des Lebens, ob es sich überhaupt lohnt weiterzuleben. Abbas Kiarostami gelingt durch seinen langsamen Erzählrhythmus und den für ihn fast typischen formalen Minimalismus ein kontemplativer Film, der den Zuschauer mit den Argumentationen konfrontiert und gleichzeitig einen Einblick liefert in das Seelenleben der Hauptfigur.
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