Inhalt / Kritik

„Dream Horse“ // Deutschland-Start: 12. August 2021 (Kino)

Sonderlich aufregend ist das Leben von Jan (Toni Collette) ja nicht. Die Kinder sind aus dem Haus, ihr Mann Brian (Owen Teale) schenkt ihr kaum noch Beachtung, auch ihre Jobs als Kassiererin und Barkeeperin bringen wenig Abwechslung. Eher zufällig kommt sie eines Tages auf die Idee, ein Rennpferd züchten zu wollen. Ahnung vom Thema hat sie keins, eigentlich auch nicht das dafür notwendige Geld. Doch ihre Begeisterung steckt an. Erst überzeugt sie den Buchhalter Howard (Damian Lewis), der wegen einer ähnlichen Geschichte schon kurz vor dem Ruin stand, bei der Sache mitzumachen. Und auch diverse andere Einwohner und Einwohnerinnen ihres kleinen walisischen Dorfes machen nach anfänglicher Skepsis mit und legen ihre Ersparnisse zusammen. Der Mut wird belohnt: Ihr Pferd „Dream Alliance“ läuft schon bald allen anderen davon …

Wenn ein Niemand es allen zeigt

Auch wenn Filme, die in einem sportlichen Kontext angesiedelt sind, in der Theorie sehr frei sind, welche Geschichte sie erzählen wollen, verlassen sie sich doch oft auf sehr ähnliche Komponenten. Das mit Abstand wichtigste Motiv ist das des Underdogs, der sich an einem Wettbewerb oder Wettkampf versucht und trotz Chancenlosigkeit am Ende gewinnt. Rocky dürfte das bekannteste Beispiel dafür sein, wie sich jemand von ganz unten bis an die Spitze kämpft, selbst wenn der Weg mit diversen Niederlagen verbunden ist. Und auch sonst wimmelt das Genre von Fällen, in denen jemand zur großen Freude des Publikums das Unmögliche schafft und damit den Zuschauern und Zuschauerinnen das Gefühl vermittelt, dass im Leben alles möglich ist.

Im Grunde ist Dream Horse nicht sehr viel mehr als die Wiederholung dieses Erfolgsrezeptes. Der Unterschied ist lediglich, dass die Rolle des Underdogs auf eine ganze Reihe von Figuren verteilt wurde – eines mit vier Beinen, viele mit zweien. Eigentlich sollte man meinen, dass Dream Alliance der Protagonist des Films ist. Nicht nur, dass sämtliche Hoffnungen auf dessen Schultern liegen und er die wild zusammengewürfelte Gruppe eint. Er muss auch die ganzen körperlichen Höchstleistungen vollbringen. Tatsächlich aber sind die eigentlichen Rennen in der Minderheit. Dann und wann dürfen wir zwar tatsächlich bei einem zusehen, wenn Regisseur Euros Lyn zwischendurch für etwas erhöhten Puls sorgen will. Aber es bleibt eine Ausnahme.

Das Pferd als Mittel zum Zweck

Das ist auch deshalb etwas überraschend, da der Film auf einer wahren Geschichte basiert. Einige Jahre lang lief Dream Alliance in größeren Wettbewerben und feierte dabei einige Erfolge, auch wenn dem Pferd aufgrund von Verletzungen und anderen körperlichen Einschränkungen die ganz große Karriere versagt blieb. Vielleicht auch deshalb verlagert sich der Fokus bei Dream Horse, trotz des Titels, weg von dem Pferd hin zu der bunten Schar an Leuten, die es gemeinsam finanziert haben. Genauer sind es Jan und Howard, für die man sich hier besonders interessierte. Der Rest darf zwar Geld dazulegen und an entscheidenden Stellen so tun, als hätte er eine wirkliche Bedeutung. Die Leute bleiben aber stärker im Hintergrund.

Das kann man dann schade finden, weil das Thema der Gemeinschaft, welches der Idee zum Pferd zugrunde liegt, auf diese Weise nicht so wirklich zum Tragen kommt. Die schauspielerische Leistung macht dieses Manko aber wieder wett. Toni Collette (Knives Out – Mord ist Familiensache) als große Tierliebhaberin verbreitet so viel Enthusiasmus und aufrichtige Begeisterung, dass man sich selbst aus der Ferne noch anstecken lässt. Und auch Damian Lewis (Verräter wie wir) überzeugt in der Rolle des Buchhalters, der eine gefährliche Balance zu halten versucht. Schließlich hat er sich schon einmal die Finger verbrannt und dabei fast alles verloren, inklusive seiner Ehe. Auch wenn man hier weiß, dass alles gut ausgehen muss und wird, ohne Wirkung sind die dramatischen Szenen nicht.

Schön bebildertes Wohlfühlkino

Ein weiterer Pluspunkt sind die schönen Aufnahmen aus dem ländlichen Wales. Schließlich bekommen wir dieses nicht so wahnsinnig oft auf der großen Leinwand geboten. Und natürlich sorgen auch die etwas kauzigen Figuren, die dort leben, für Kurzweil. Man verbringt einfach gern seine Zeit mit ihnen. Es gibt also schon ein paar gute Gründe, weshalb man sich die Tragikomödie, die auf dem Sundance Film Festival 2020 Weltpremiere hatte, anschauen kann. Selbst wenn Dream Horse ohne Zweifel recht formelhaft ist und sich nie aus den vorgegebenen Bahnen entfernt, man kann sich hier zurücklehnen und eine angenehme Zeit haben. Ein bisschen Wohlfühlen, verbunden mit der Vorstellung, alles im Leben erreichen zu können, ist schließlich nie wirklich verkehrt.

Credits

OT: „Dream Horse“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Euros Lyn
Drehbuch: Neil McKay
Musik: Benjamin Woodgates
Kamera: Erik Wilson
Besetzung: Toni Collette, Damian Lewis, Owen Teale, Joanna Page, Karl Johnson, Steffan Rhodri, Anthony O’Donnell, Nicholas Farrell, Siân Phillips

Bilder

Trailer

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Dream Horse
Wenn in „Dream Horse“ eine walisische Dorfgemeinschaft zusammenlegt, um ein Rennpferd zu finanzieren, dann entspricht das grundsätzlich dem typischen Underdog-Sport-Motiv. Da dieses aber sympathisch umgesetzt und schön bebildert ist, wird trotz der bekannten Formel eine gelungene Wohlfühl-Tragikomödie daraus.
7von 10
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.