Inhalt / Kritik

Ausgerechnet Wolkenkratzer Saftey Last

„Ausgerechnet Wolkenkratzer!“ // Deutschland-Start: 1. Mai 1924 (Kino)

In dem kleinen, beschaulichen Nest Great Bend kann man wunderbar eine Familie gründen und zusammen alt werden. Doch dazu braucht es erst einmal einen Job und Geld, wovon Harold (Harold Lloyd) und seine Angebetete Mildred (Mildred Davis) nur träumen können. Damit dies nicht mehr allzu lange andauert und sie bald heiraten können, macht sich der junge Mann daher auf in die Großstadt, wobei er Mildred zugleich schwört, sie erst zu sich zu holen und zu heiraten, wenn er es zu etwas gebracht habe. Über die Monate scheint er dieses Versprechen einhalten zu können, schreibt er seiner Verlobten doch jeden Tag von seiner Stellung in einem Kaufhaus, seinem raschen Aufstieg sowie seinem Gehalt, wovon er ihr bisweilen immer wieder kleine Geschenke zukommen lässt. Doch in Wahrheit ist Harold nur ein kleiner, unbedeutender Verkäufer, der von seinen Vorgesetzten wegen des kleinsten Regelübertritts gemahnt wird und sich keinerlei Fehler erlauben kann. Zusammen mit seinem Freund Bill (Bill Strother) teilt er sich ein karges Apartment, wobei sie beide ihre liebe Not haben, jeden Monat die Rente zu zahlen und ihrer Vermieterin aus dem Weg gehen.

Zu allem Überfluss kommt ihn Mildred, da sie meint, ihr Liebster habe ja schon alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte, besuchen, was Harold natürlich vor eine große Herausforderung stellt. Nun muss er seiner Liebsten, die ihn auch noch während seiner Arbeitszeit im Warenhaus aufsucht, beweisen, dass er nicht gelogen hat und gibt sich alle Mühe, die Illusion aufrechtzuerhalten. Als er dann von seinem Vorgesetzten hört, dieser würde jedem eintausend Dollar geben, der eine zündende Werbeidee für das Kaufhaus habe, erinnert sich Harold an die Künste seines Freundes Bill als Fassadenkletterer und schlägt eine tollkühne Aktion vor: ein Unbekannter würde die Fassade des zwölfstöckigen Hochhauses besteigen. Am Tag der Aktion kommt jedoch alles anders, als es sich Harold vorgestellt hat.

Ein Aufstieg mit Hindernissen

Manchmal schreibt die Wirklichkeit die unglaublichsten Geschichten, wenn man nur Augen und Ohren offen hält, denn als Komiker Harold Lloyd auf einem Spaziergang beobachtete, wie Bill Strother das zwölfstöckige Brockman Building in Los Angeles erklomm, während eine Menschenmenge das todesmutige Unterfangen bestaunte, war die Idee zu seinem insgesamt vierten Film geboren. Strother soll von Lloyd noch an Ort und Stelle das Angebot erhalten haben, eine Rolle in Ausgerechnet Wolkenkratzer! zu übernehmen, was dieser sofort annahm. Herausgekommen ist ein durch seine Bilder ewig in den Annalen des Mediums verinnerlichtes Meisterwerk, welches nicht zuletzt von dem Für und Wider von Ambition und Ehrgeiz erzählt, doch genauso von der Menschenmühle Kapitalismus.

Ähnlich wie die Produktionen seiner Kollegen Charlie Chaplin oder Buster Keaton ist auch Ausgerechnet Wolkenkratzer! ein Film der großen Metaphern. Neben der berühmten Szene, in welcher Harold an den Zeigern einer Uhr hängt und in die Tiefe blickt, ist es auch das Klettern einer Fassade an sich, welches den Aufstiegsgedanken beinhaltet, welcher tief in Menschen wie Harold eingebläut ist. Die mehr als offensichtliche Anspielung auf das Konzept der „Leiter des Erfolges“, nach der bestimmte Eigenschaften einem Menschen Wohlstand und Glück verschaffen, ist, in Bezug auf das Kaufhaus, welches sich in dem Gebäude befindet, mehr eine Widerspiegelung der Betriebshierarchie, die der todesmutige Harold nun erklimmt und dabei zur Belustigung der Menge sowie der Begeisterung seines Vorgesetzten sein Leben riskiert. Es ist die Stärke eines Charakters, wie ihn Lloyd in seinen Filmen schuf, eines mittelständischen jungen Mannes, die Fehler dieses Modells offenbar zu machen, welches besonderer Verrenkungen bedarf oder eben entsprechender Beziehungen, damit sich seinen bescheidenen Traum vom Erfolg erfüllen kann.

Zeit ist Geld

Mehr noch als der Einsatz eines Einzelnen und der harten Arbeit sind vor allem Faktoren wie Zeit und Geld entscheidend in einer Welt, wie sie Ausgerechnet Wolkenkratzer! zeigt. Neben dem bereits erwähnten Bild von Harold am Minutenzeiger der Uhr, sind über die Handlung verstreut viele Anspielungen auf die Tyrannei der Zeit, angefangen bei der Stechuhr im Kaufhaus bis hin zu einer halsbrecherischen Fahrt durch die Straßen der Großstadt, damit man nicht zu spät zur Arbeit kommt. Kombiniert mit jenen bis heute noch turbulenten Kamerafahrten sowie dem vollen Körpereinsatz Lloyds wird schnell klar, warum gerade dieser Komiker und seiner Filme unter anderem als Modell für Actionfilme wie John Wick herhalten. Ähnlich wie der von Keanu Reeves gespielte Killer ist auch eine Figur wie Harold ein Sklave der Zeit, muss ewig gegen sie kämpfen und riskiert dabei Kopf und Kragen.

Darüber hinaus ist es die Tyrannei des Kapitals, die einen Charakter wie Harold zum Schwitzen bringt. Während er vor einem Juwelier steht und eine schöne Kette für Mildred sieht, sieht er im Kopf schon jenes Mittagessen verschwinden, welches er sich eigentlich von einem Teil des eben erhaltenen Lohnes kaufen wollte. Das Abwägen und -hetzen ist die Hauptbeschäftigung der Figuren Lloyds, die, immer die Zeiger der Uhr beachtend, dem Geld hinterherjagen, welches ihnen zumindest zeitweise Entspannung und Glück garantieren soll, was aber de facto  nie eintritt. So erklärt sich dann auch der Originaltitel „Safety Last!“, eine Verballhornung von „Safety first“ („Sicherheit kommt zuerst“), der das körperliche Wohlbefinden in den Hintergrund stellt, erst recht, wenn man es in einer dem Kapital verpflichteten Gesellschaft zu etwas bringen will.

Credits

OT: „Safety Last!“
Land: USA
Jahr: 1923
Regie: Fred Newmeyer, Sam Taylor
Drehbuch: Hal Roach, Sam Taylor, Tim Whelan
Kamera: Walter Lundin
Besetzung: Harold Lloyd, Mildred Davis, Bill Strother, Noah Young, Westcoff B. Clarke

Trailer

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Ausgerechnet Wolkenkratzer!
„Ausgerechnet Wolkenkratzer!“ ist ein Meisterwerk des Stummfilms und einer der besten Filme mit Harold Lloyd. Auf der einen Seite gelungenes und amüsantes Unterhaltungskino, mit vielen tollen, halsbrecherischen Stunts, erzählt der Film auch von einer auf Selbstoptimierung, Effizienz und Kapital ausgelegten Welt.
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