Inhalt / Kritik

From Hell

„From Hell“ // Deutschland-Start: 28. Februar 2002 (Kino) // 23. Oktober 2009 (Blu-ray)

Es ist das Jahr 1888 und während auf der einen Seite die Londoner High Society in ihrer behüteten eigenen Welt lebt, sieht die Realität in Vierteln wie Whitechapel ganz anders aus, denn dort definieren Verbrechen, Prostitution und Armut die Lebensumstände der Menschen. Schon immer war die Gegend für ihre Gewalttaten bekannt, doch als eine Prostituierte ermordet aufgefunden wird, stellt dies alles bisher Dagewesene in den Schatten und die Medien schon bald voll sind von Schlagzeilen über „Jack the Ripper“ wie der Mörder genannt wird. Mit den Ermittlungen wird Inspektor Frederick Abberline (Johnny Depp) betraut, der bei Scotland Yard zwar wegen seiner Aufklärungsquote geachtet wird, doch von seinen Vorgesetzten angezweifelt wird wegen seiner unorthodoxen Ermittlungen und weil er behauptet, er habe Visionen über die Verbrechen in seinen von Opium durchtränkten Träumen. Auch dieses Mal hat er einen solchen Traum gehabt, der ihn aber schnell von der offiziellen Variante, dass es sich bei dem Mörder um einen Juden oder einen Metzger handeln könne, abweichen lässt, sind die Morde, bei aller Bestialität, doch gekennzeichnet von einer gewissen Präzision, was eher auf einen Arzt hindeutet.

Da er bei der Führungsetage mit seiner Theorie auf wenig Gegenliebe stößt, versucht Abberline auf eigene Faust nach Hinweisen zu suchen, was ihn zu den Freundinnen der ermordeten Frau führt, und damit zu Mary Kelly (Heather Graham), ebenfalls Prostituierte. Durch ihre Hinweise auf eine Verbindung der Frauen angetrieben, trifft er zudem aus Sir William Gull (Ian Holm), den ehemaligen Leibarzt der Königsfamilie, der nicht nur Abberlines Theorien über die Profession des Mörders bestätigt, sondern ihm zudem noch eine Enthüllung liefert, die ein ganz neues Licht auf die Morde wirft.

Die Geburt des 20. Jahrhunderts

Neben Watchmen – Die Wächter und V wie Vendetta gehört From Hell wohl zu den bekanntesten und auch besten Werken des englischen Autors Alan Moore, wobei die Verfilmung der Graphic Novel, deren erste Episode im Jahr 1989 veröffentlicht wurde, schon sehr lange brauchte, bis endlich die erste Klappe fallen durfte. Auch wenn die Vorlage etwas aus den bisherigen Filmen der Gebrüder Hughes hervorsticht, passt die Geschichte mit ihrem Gesellschaftsbild sowie der damit verbundenen Kritik durchaus zu ihrem Werk. Im Gegensatz zu Moores Geschichte nimmt sich die Verfilmung zwar einige Freiheiten heraus, doch bleibt dem düsteren Ton sowie den sozialkritischen Ansätzen durchaus treu.

In einem seiner Briefe an die Presse beschrieb der echte Jack the Ripper einst, über ihn würde man später sagen, dass er die Geburt des 20. Jahrhunderts eingeleitet hätte. Nicht nur dieses Zitat markiert den Anfang von From Hell, sondern gibt zugleich die erzählerische wie aus ästhetische Richtung des Filmes vor, der sich nicht nur als Serienmörderhatz versteht. Vielmehr erscheint das London in From Hell (Graphic Novel wie auch Film) als ebene jene industrielle Hölle, geprägt von Dunkelheit, Elend und einem generellen Verfall der Sitten, welcher durchaus nicht vor den Grenzen des Whitechapel Bezirks anhält, sondern sich bis weit in die höheren Schichten der Bevölkerung hinzieht. So beherrscht vor allem der Schmutz und die Dunkelheit die Bilderwelt von der ersten Minute an, zeigt Whitechapel als das Ende eines Fortschritts- und Wohlstandsversprechen, welches viele Menschen auf der Strecke ließ. Nicht umsonst hört man bei einigen der Mordszenen noch das ohrenbetäubende Schnaufen und Knirschen von Maschinen oder Lokomotiven, was die Opfer des Rippers gleichzeitig auch als Opfer eben jenes aggressiven Expansionsdenkens und misanthropischen Klassendenkens macht.

Die Abgründe des Empire

Jedoch hat der Fortschritt auch seine Grenzen erreicht, wie viele der Bilder zeigen. Das Empire wird gezeigt als eine Elite, die mit ihren Bürgern, von nur wenigen Ausnahmen abgesehen, eigentlich wenig zu tun hat und wie eine gottgleiche Gewalt über sie regiert. Der von Johnny Depp gespielte Abberline wird damit, nicht nur wegen seiner Verbindung zu spirituellen Welt, zu einer Art Mittler, der zu keiner Klasse wirklich angehört, sich aber wegen seiner Trauer um den Verlust seiner Frau in seine eigene kleine Höhle verkriecht und, wie viele andere Bürger, nach Betäubung im Opium und dem Absinth sucht. Da das Recht sich auf einfache Erklärungen, Vorverurteilungen und einen nicht unwesentlichen Hang zum Sadismus beschränkt, ist er, wie die Prostituierten im Film, einer jener Verlorenen und Zurückgebliebenen, auch wenn es in seinem Fall eher ein emotionales Zurückbleiben ist.

Mit der für viele seiner Rollen typischen Melancholie und Getriebenheit ist Abberline jemand, der die Abgründe des Empire offenlegt, dessen marode Strukturen, welche letztlich solche Monster wie Jack the Ripper gezeugt haben. Besonders eindrücklich und zudem sehr beklemmend sind eben jene Szenen, welche seine Ermittlungen in Nervenheilanstalten zeigen, in denen eben jene landen, die sich nicht den Gesetzmäßigkeiten der Politik beugen oder einfach nur unliebsame Mitwisser sind. Die leeren Augen der Lobotomie-Patienten werden in der Inszenierung der Hughes, ebenso wie die Opfer des Rippers, zu denen, welche die Moderne einfach überrollt hat.

Credits

OT: „From Hell“
Land: USA
Jahr: 2001
Regie: Albert Hughes, Allen Hughes
Drehbuch: Terry Hayes, Rafael Yglesias
Vorlage: Alan Moore
Musik: Trevor Jones
Kamera: Peter Deming
Besetzung: Johnny Depp, Heather Graham, Ian Holm, Robbie Coltrane, Ian Richardson, Jason Flemyng, Samantha Spiro

Trailer

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From Hell
„From Hell“ ist eine visuell beeindruckende, teils beklemmende Comicverfilmung. Mit einem tollen Johnny Depp in der Hauptrolle sowie einer von der Vorlage entlehnten Ästhetik gelingt eine Mischung aus Horrorfilm und Thriller, doch zugleich auch das Porträt einer Gesellschaft, die dabei ist, sich in einem Strudel aus Gewalt und Fortschrittswahn aufzulösen und damit dem Chaos anheimzufallen.
8von 10

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