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Das Mädchen mit den goldenen Händen

„Das Mädchen mit den goldenen Händen“ // Deutschland-Start: 2. Dezember 2021 (Kino)

Ein großer Tag muss groß gefeiert werden – so denken zumindest die anderen. Und so kommen sie alle zusammen, um den 60. Geburtstag von Gudrun (Corinna Harfouch) zu würdigen. Das ganze Dorf ist da. Auch Tochter Lara (Birte Schnöink) ist eigens aus Berlin angereist. Nur ist das Verhältnis ein wenig schwierig. Es dauert nicht lange, bis es zu den ersten Auseinandersetzungen kommt, bei denen Gudruns Mann Werner (Peter René Lüdicke) regelmäßig die Wogen glätten muss. Doch auch dessen Beschwichtigungskünste stoßen an dem Abend an ihre Grenzen. Schließlich hat der Bürgermeister (Jörg Schüttauf) entschlossen, das leerstehende Herrenhaus, was zur Zeit der DDR ein Kinderheim gewesen ist, an Investoren zu verkaufen. Nicht nur, dass dies der Ort ist, an dem sie gerade feiern. Gudrun selbst war damals als Kind ohne Eltern in diesem Heim aufgewachsen und fühlt sich diesem noch immer stark verbunden …

Aus Prinzip schwierig

Ein kleines Déjà-vu durfte man an der Stelle schon haben. Corinna Harfouch spielt eine Frau, die ihren 60. Geburtstag feiert und sich dabei mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen muss sowie einem entfremdeten Kind? Das klingt schon sehr nach Lara, jenem sehr guten, aber leider nur wenig beachteten Drama um eine Frau auf einer ganz eigenen Odyssee. Vergleichbar rührig ist Gudrun zwar nicht. Dafür haben wir es erneut mit einer sehr ambivalenten Figur zu tun, der es noch nicht einmal in den Sinn kommt, es anderen Leuten leicht zu machen. Ihr Wille zählt, Widersprüche oder Gegenmeinungen werden knallhart abgewehrt oder schlichtweg ignoriert.

Sonderlich sympathisch macht sie das nicht. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis man so ziemlich jeden dafür bemitleidet, Teil von Gudruns Umfeld zu sein. Vor allem Lara scheint vom Schicksal bestraft zu sein, wenn sie von ihrer Mutter entweder ignoriert oder gedemütigt wird. Dass an der Figur mehr dran ist übergriffige Selbstgerechtigkeit, wird ab der Party klar. Wenn die Protagonistin ausflippt, als sie von dem geplanten Ende des Kinderheims hört, dann dürfen nicht nur die Anwesenden vor den Kopf gestoßen werden. Auch das Publikum von Das Mädchen mit den goldenen Händen wird erst einmal verwirrt auf die Leinwand starren und sich fragen: Was genau war das denn?

Eine Mauer des Schweigens

Die Antwort folgt erst später. Und sie folgt nicht so eindeutig, wie sich das manche vielleicht wünschen würden. Regisseurin und Drehbuchautorin Katharina Marie Schubert, sonst als Schauspielerin in Filmen wie Ein Geschenk der Götter oder Meine Nachbarn mit dem dicken Hund unterwegs, zeigt sich in ihrem Regiedebüt von einer eher verschlossenen Art. Aber das passt ja auch zu der Protagonistin, die über viele Themen nicht spricht. Ob das von Gudrun eine bewusste Entscheidung ist oder eine Notwendigkeit, das bleibt dabei etwas offen. Auch mit sechzig ist sie stark geprägt von ihrer Kindheit im Heim, die ihr nicht die nötige Sozialkompetenz vermitteln konnte. Das Mädchen mit den goldenen Händen zeigt uns eine Frau, die es nie gelernt hat, sich anderen gegenüber zu öffnen.

Eine solche Thematik wäre bei anderen vielleicht zu einem tränenreichen Wohlfühldrama geworden. Nicht bei Schubert, die ihre Hauptfigur zwischen aufbrausender Theatralik und sturer Sphinx auftreten lässt. Anteilnahme wird auf diese Weise natürlich erschwert. Und dennoch ist das Drama, das auf dem Filmfest München 2021 Premiere feiert, ein durchaus tragischer Film. Gerade weil Gudrun auf so irrationale Weise gegen das drohende Ende ihres Kinderheims kämpft, wird Das Mädchen mit den goldenen Händen zu einem sehr bewegenden Film. Hier ist jemand, der krampfhaft an der Vergangenheit festhält, um eine heruntergekommene Ruine streitet, aus Angst alles zu verlieren, was ihn ausmacht. Selbst wenn diese Sehnsucht danach eine sehr diffuse ist und sie sich gar nicht so recht in Worte packen lässt.

Tragischer Kampf um Vergangenheit und Identität

Vieles bleibt dann auch unausgesprochen, vielleicht sogar ein bisschen willkürlich. Da ist der eine oder andere Nebenstrang, der etwas unvermittelt abgebrochen wird, noch bevor er zu etwas geführt hat. Aber auch wenn Das Mädchen mit den goldenen Händen etwas sperrig bis rätselhaft ist, so geht einem die Geschichte doch sehr nahe. Sie ist auch, trotz des ungewöhnlichen Hintergrunds, deutlich universeller, als es zunächst den Anschein hat. Es geht hier eben nicht nur um ein Kinderheim oder die ehemalige DDR. Der Film schließt auch an die weit verbreiteten Sorgen an, die eigene Identität in Deutschland zu verlieren. Dies kann die Menschen im Osten betreffen, denen durch die Wiedervereinigung die Heimat genommen wurde. Aber auch bei der restlichen Bevölkerung dürfte einigen aus der Seele gesprochen werden: Schubert erzählt, wie man in einer sich verändernden Welt verlorengehen kann, vergessen und vertrieben. Man hilflos mitansehen muss, wie einem der eigene Platz genommen wird, weil andere das Sagen haben.

Credits

OT: „Das Mädchen mit den goldenen Händen“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Katharina Marie Schubert
Drehbuch: Katharina Marie Schubert
Musik: Marvin Miller
Kamera: Barbu Bălășoiu
Besetzung: Corinna Harfouch, Birte Schnöink, Peter René Lüdicke, Jörg Schüttauf, Gabriela Maria Schmeide, Ulrike Krumbiegel, Stephan Bissmeier, Imogen Kogge

Bilder

Trailer



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Das Mädchen mit den goldenen Händen
„Das Mädchen mit den goldenen Händen“ erzählt von einer Frau, die dagegen ankämpft, dass ihr inzwischen verfallenes Kinderheim verkauft wird. Die Protagonistin ist schwierig, die Entscheidungen irrational, viele Fragen bleiben unbeantwortet. Und doch ist das Drama sehr bewegend, zeigt auf, wie jemand symbolisch um die eigene Vergangenheit und Identität kämpft.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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