Inhalt / Kritik

Fleabag Staffel 1

„Fleabag – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 3. Februar 2017 (Amazon Prime Video) // 14. Mai 2021 (DVD/Blu-ray)

Fleabag (Phoebe Waller-Bridge) ist eine junge Frau, die im Herzen Londons versucht, ihr eigenes Leben, das von ihr mit eröffnete Café sowie die Verpflichtungen gegenüber ihrer Familie unter einen Hut zu bringen. Während ihr Liebesleben geprägt ist von One-Night-Stands sowie der On/Off-Beziehung zu Harry (Hugh Skinner), ist jenes ihrer älteren Schwester Claire (Sian Clifford) etwas komplizierter und wesentlich unbefriedigender, zumindest in den Augen Fleabags. Martin (Brett Gelman) ist nämlich alles andere als einfach, hängt meist faul im gemeinsamen Haus herum und benimmt sich in Gesellschaft oft daneben, was Claires Unsicherheit noch steigert. Doch auch die Ehe von Fleabags Vater (Bill Paterson) zu ihrer Stiefmutter (Olivia Colman), einer exzentrischen Künstlerin, sorgt für Gesprächsstoff und für Spannungen, können Fleabag und sie sich doch nicht leiden. Doch es sind nicht nur die Spannungen innerhalb ihrer Familie sowie ihre Beziehung zu ihr, die das Leben von Fleabag verkomplizieren, sondern auch ihre finanzielle Lage, denn seit dem Unfalltod ihrer besten Freundin und Geschäftspartnerin Boo (Jenny Rainsford) muss Fleabag nicht nur für den Hamster aufkommen, mit dem sie ihre Freundin einst aufmuntern wollte, sondern zugleich für das Café, in das sich immer weniger Kunden verirren.

Als dann auch noch die Beziehung zu Harry endgültig in die Brüche geht, fällt Fleabag in eine tiefe Sinnkrise, in welche sich die Trauer um den Tod Boos mischt. Eine Zufallsbekanntschaft im Bus wie auch ein weiteres Techtelmechtel versprechen zumindest ein schnelles Vergnügen sowie ein Alibi auf Familienfeiern, dass man doch geschafft hat, eine Beziehung zu halten. Keiner jedoch kommt ran an Fleabag, die es schafft, auch ihre Freunde und Verwandten, vor den Kopf zu stoßen und gegen sich aufzubringen, denn nach außen hin will sie die selbstbewusste, starke Frau sein. Mit der Zeit jedoch kann sie dieses Image nicht mehr halten und droht zu zerbrechen.

„Ich bin verrückt, aber mir geht es gut.“

Anlässlich des renommierten Edinburgh Fringe Festivals 2013 trat die Schauspielerin Phoebe Waller-Bridges zum ersten Mal als Fleabag auf eine Bühne. Doch was als ein Monolog begann, wurde schon bald sehr viel mehr, als Waller-Bridges den Charakter ausbaute und Produzenten einwilligten, eine Serie um die eigenwillige, sexuell aktive, zynische und witzige Heldin zu drehen. Bis heute hat die von Amazon Studios mitproduzierte Serie eine wahre Heerschar an Preisen eingeheimst, darunter zwei Golden Globes, zwei BAFTA Awards wie auch zwei Emmys. Waller Bridges, welche nicht nur in der Titelrolle zu sehen ist, sondern zudem als Produzentin und Drehbuchautorin der Serie fungiert, konnte mit ihrer Darstellung als Fleabag überzeugen und wurde auch mit zahlreichen Ehrungen bedacht.

Dass Fleabag einst als Theaterstück begann, genauer gesagt als Monolog, sieht man der formalen Struktur der ersten sechs Folgen in jeder Hinsicht an. Immer wieder sucht die von Waller-Bridges gespielte Heldin die Verbindung zum Zuschauer, kommentiert Handlungen entweder durch meist markige, lustige Sprüche oder eben durch eine entsprechende Gestik oder Körpersprache. Mit Blick auf die Themen der Serie erscheint für den Zuschauer der Kontrast zwischen Denken und Handeln der Protagonistin deutlich, doch zugleich, wie die Heldin unter diesem Widerspruch leidet, der letztlich mit dafür verantwortlich ist, dass vieles in ihrem Leben nicht so läuft, wie sie es sich vorstellt. Es ist nämlich nicht alleine ein loses Mundwerk, das Fleabag in ihrem Alltag und den Beziehungen zu anderen, im Wege steht, es ist auch der eigene, gesellschaftlich legitimierte Anspruch an eine Frau von heute, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen, wobei naturgemäß dennoch an die gute Figur zu denken ist.

Neue Frauen und wie man ihnen entspricht

Fleabag ist keine Figur, die Sympathien im Zuschauer weckt durch ihre Handlungen oder ihre teils sarkastischen Kommentare. Vielmehr ist sie „eine von uns“, also eine junge Frau, die darum kämpft, in der modernen Großstadt zu bestehen, ein erfülltes Leben haben will und wirtschaftlich erfolgreich sein will. Phoebe Waller-Bridge spielt facettenreich und sensibel eine moderne Frau, die nicht als eine Art Leitbild verstanden werden will, wie es der Feminismus verlangt, sondern bei all den alltäglichen Sorgen und Nöten vor allem ihre Leben leben will, wie sie es will, doch dabei hin- und hergerissen scheint zwischen verschiedenen Erwartungen, wie auch dem nicht überwundenen Trauma des Todes ihrer besten Freundin.

Über den Verlauf der ersten Staffel lernt der Zuschauer eine ganze Reihe unterschiedlicher Figuren kennen, welche an einem ähnlichen Zwiespalt zwischen gesellschaftlicher Erwartung und eigenen Vorstellungen stehen oder daran drohen zu scheitern. Neben Waller-Bridge wäre hier die von Kontrollwahn und Perfektionismus geplagte Claire zu nennen, die von Schauspielerin Sian Clifford als eine Frau nahe am Nervenzusammenbruch gezeigt wird. Die Flüchtigkeit und Unsicherheit modernen Beziehungen, von denen einst Dichter wie Mascha Kaleko und Erich Kästner in der Epoche der Neuen Sachlichkeit schrieben, ist in Fleabag präsenter denn je und wirft einen Blick auf das daraus resultierende Geschlechterbild.

Credits

OT: „Fleabag“
Land: UK
Jahr: 2016
Regie: Harry Bradbeer, Tim Kirkby
Drehbuch: Phoebe Waller-Bridge
Musik: Isobel Waller-Bridge
Kamera: Tony Miller, Laurie Rose
Besetzung: Phoebe Waller-Bridge, Sian Clifford, Olivia Colman, Bill Paterson, Brett Gelman, Hugh Skinner, Hugh Dennis, Jenny Rainsford

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Fleabag – Staffel 1
Die erste Staffel von „Fleabag“ ist eine überaus unterhaltsame Mischung aus Komödie und Drama. Den Machern der Serie ist ein intelligentes, sehr hellsichtiges Porträt über moderne Geschlechterbilder, Feminismus und Liebe geglückt, welches nicht zuletzt aufgrund der phänomenal guten Darstellung von Phoebe Waller-Bridges zu überzeugen weiß.
10von 10

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