Inhalt / Kritik

The Exit of the Trains Ieşirea trenurilor din gară

„The Exit of the Trains“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es ist ein Phänomen, das viele kennen, denn obwohl man meint alleine schon durch seine Schulbildung oder die gesellschaftliche Aufarbeitung des Themas sehr viel über den Holocaust zu wissen, gibt es doch immer wieder Geschichten, die einem offenbaren, dass man eigentlich erst an der Oberfläche gekratzt hat. Selbst Historiker entdecken immer wieder neue Schicksale oder Gegebenheiten, die vieles von dem, was man eigentlich dachte, in einem neuen Zusammenhang erscheinen lassen. An dieser Stelle zeigt sich der Wert einer solchen Aufarbeitungs- und Erinnerungskultur, wie sie in Europa mittlerweile bekannt ist, speziell vor dem Hintergrund, dass  Antisemitismus und Hass nach wie vor Phänomene sind, die wir beobachten und die (leider) in den letzten Jahren noch zugenommen haben. Dabei hilft es bestimmt sich zu erinnern, wohin ein solcher Hass führt, wenn man alleine die Geschichten der vielen Menschen sich anhört, welche beispielsweise im Informationszentrum unterhalb des Berliner Holocaust Mahnmals zu finden sind.

Jedoch ist die Aufarbeitung wie auch das Dokumentieren auch nur eines Vorfalls eine wahre Mammutaufgabe. Für ihr Projekt The Exit of the Trains, welches im Rahmen der Berlinale 2020 Weltpremiere feierte, nahmen sich der rumänische Regisseur Radu Jude sowie der Historiker Adrian Cioflâncă eines solchen Ereignisses an, welches nicht nur den Schrecken der Judenverfolgung anhand eines Beispiels abbildet, sondern zugleich auch wie das Land Rumänien solche Vorfälle vergisst oder verfälscht. In der Dokumentation geht es um den 29. Juni 1941, einem Sonntag, an dem in der rumänischen Stadt Iasi ein Judenpogrom durchgeführt wurde, welches 13,000 Opfer forderte. Anhand von Fotografien sowie eines Voice-Overs, das die individuelle Geschichte dieses Menschen von jenem Tag rekapituliert, erstellen Jude und Cioflâncă ein extensives Bild dieses einen Tages, der tiefe Spuren in der Historie der Stadt wie auch in vielen Familienbiografien hinterließ. In einem kurzen zweiten Teil wird anhand von weiterem Bildmaterial belegt, was man bereits in den vorangegangenen Geschichten hörte und man bekommt als Zuschauer einen Eindruck von dem Völkermord, der in Iasi stattgefunden hat.

Worte und Schweigen

Filme wie The Exit of the Trains oder Uppercase Print, der ebenfalls im Jahre 2020 auf der Berlinale gezeigt wurde, markieren einen interessanten Abschnitt im Schaffen Radu Judes, der zu Anfang seiner Karriere sich immer wieder durch Arbeiten wie beispielsweise Everybody in Our Family (2012) von der Filmlandschaft seiner Heimat abhob. Wie in diesem Familiendrama geht es um Themen und Dinge, die unausgesprochen bleiben, die vertuscht werden und aufgrund dessen eine fatale Eigendynamik entwickeln. Wie Jude in Interviews zu The Exit of the Trains und Uppercase Print sagt, geht es ihm vor allem darum, Vergangenes zu dokumentieren, was in der Erinnerung Rumäniens keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt. In der Dokumentation steht von daher das Sammeln und das Ordnen im Vordergrund, sowie die Konfrontation des Zuschauers mit den Einzelschicksalen.

Insgesamt ist The Exit of the Trains ein sehr minimalistischer Film, welcher den Fokus auf die Geschichten legt und weniger auf deren Ästhetisierung. Schon nach wenigen Minuten erschließen sich dem Zuschauer erste Verbindungen und das Gesamtbild jenes Tages, jener Gräueltaten und des Verhaltens der Beteiligten wird deutlicher. Das Wiederholende wird zu einem zentralen Bestandteil der Dokumentation, genauso wie die Wirkung auf die Zuschauer, der schließlich erkennt, dass hier die Geschichte eines unglaublichen Verbrechens erzählt wird. Ein Eindruck, der nochmals von Bedeutung ist, wenn man sich den Bildern des zweiten Segments von The Exit of the Trains nähert.

Credits

OT: „Ieşirea trenurilor din gară“
Land: Rumänien
Jahr: 2020
Regie: Radu Jude, Adrian Cioflâncă
Drehbuch: Radu Jude, Adrian Cioflâncă
Kamera: Marius Panduru

Trailer

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The Exit of the Trains
„The Exit of the Trains“ ist eine Dokumentation über ein Judenpogrom in einer Stadt in Rumänien, über deren Opfer und deren Ablauf. Radu Jude und Adrian Cioflâncă legen ein historisches Dokument vor, in welchem Einzelschicksale im Vordergrund stehen und dessen Dimensionen dem Zuschauer das Ausmaß eines Verbrechens deutlich machen.
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