In Bad Luck Banging or Loony Porn erzählt der rumänische Filmemacher Radu Jude die Geschichte einer Lehrerin, deren privates Sexvideo bei den Eltern für Aufruhr sorgt. Für die bittere Satire um Scheinheiligkeit und Doppelmoral erhielt er dieses Jahr bei der Berlinale den Goldenen Bären. Zum Kinostart am 8. Juli 2021 unterhalten wir uns mit dem Regisseur über sein Werk, sexualisierte Lehrerinnen und die Möglichkeiten filmischen Erzählens.

Dein Film Bad Luck Banging or Loony Porn ist ja schon recht ungewöhnlich. Könntest du uns ein wenig davon erzählen, wie du auf die Idee dafür gekommen bist?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, da die Entwicklung eine Reihe von Phasen durchlief. Es gab da Fälle in der Presse, die mich über dieses Thema haben nachdenken lassen. Jahre später habe ich mit Freunden darüber diskutiert. Und es waren sehr hitzige Diskussionen, die Geschichte hat schon sehr polarisiert. Die einen waren für die Lehrerin, die anderen dagegen. Danach habe ich beschlossen, daraus einen Film zu machen, wusste aber nicht so recht wie, weil die Geschichte allein mir einfach nicht interessant genug erschien. Und so kam ich auf die Idee, einen gesellschaftlichen Kommentar zu drehen, eine Art filmischen Essay um diese Geschichte herum. Die aus drei Teilen bestehende Struktur entwickelte sich ebenfalls erst mit der Zeit. Zunächst wollte ich einen traditionelleren Film drehen. Aber letztendlich ist der Film ein Werkzeug, um über die Realität nachzudenken. Kino bedeutet für mich in erster Linie, über etwas nachzudenken, auch mittels der Struktur. Und erst als ich das wirklich alles zusammen hatte, konnte ich mit dem eigentlichen Film beginnen.

Und wann hat dieser Prozess angefangen?

Ich glaube, die erste Idee dazu hatte ich schon 2011. Die zweite kam dann 2014. 2018 habe ich angefangen, mich um Förderungen zu bewerben.

Dein Film spielt wie immer in Rumänien und nimmt auch auf das Land Bezug. Wie viel von der Geschichte ist spezifisch rumänisch, wie viel ist universell?

Das ist nicht so ganz einfach zu sagen. Auf der einen Seite ist Bad Luck Banging or Loony Porn ein lokaler Film, weil ich der festen Überzeugung bin, dass alle Filme lokal sein sollten. Wenn ich mir einen japanischen Film anschaue, will ich etwas über Japan erfahren. Bei einem chinesischen Film brauche ich nicht unbedingt Actionszenen. Natürlich sind chinesische Actionfilme legitim und ich kann auch wertschätzen, wie viel Arbeit in sie investiert wird. Aber mich interessiert dann doch mehr ein Film, der etwas über China aussagt, über die Gesellschaft dort. Gleichzeitig kann eine lokale Geschichte auch universell sein. Das ist ja das Tolle an Filmen, dass sie dich mitnehmen können zu weit entfernten Plätzen und du durch sie etwas sehen kannst, das du sonst nie sehen würdest. Unter dem Gesichtspunkt hat mein Film also schon etwas Universelles. Dabei habe ich aber nicht den Anspruch, dass er allgemeingültig ist. Er soll wie gesagt ein Kommentar sein und ist damit meine eigene Meinung. Jemand anderes wäre vielleicht zu einem ganz anderen Schluss gekommen. Der ist also eine Repräsentation der rumänischen Gesellschaft, gefiltert durch eine Kamera.

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Katia Pascariu als Lehrerin, deren Sexvideo in Bad Luck Banging or Loony Porn für einen Skandal an ihrer Schule sorgt (© Neue Visionen)

Dein Film beginnt mit der Sexszene, über die sich später alle streiten. Warum hast du dich entschieden, diese Szene auch zu zeigen, anstatt nur über sie zu reden? Sie ist ja schon ziemlich explizit. Sehr viel mehr, als wir es von einem regulären Film gewohnt sind.

Ja, das stimmt. Ich habe auch erst sehr spät entschieden, dass ich die Szene tatsächlich behalte. Genauso wäre es möglich gewesen, die Figuren nur über das Video diskutieren zu lassen und es gar nicht zu zeigen. Aber es war mir wichtig, dass das Publikum sich selbst ein Meinung bildet. Und dafür musste es sehen, worum es denn wirklich geht. Wenn es nur davon hört, dann wäre das nicht genug gewesen. Es gab auch die Überlegung, das Video an einer anderen Stelle einzubauen. Letzten Endes wollte ich es aber gleich am Anfang haben, damit sich das Publikum wirklich in die Eltern hineinversetzen kann. Indem ich das Publikum zwinge, sich das Video anzuschauen, zwinge ich es auch, eine eigene Meinung zu bilden. Denn du kannst dir das nicht anschauen, ohne eine Meinung zu haben.

Und wie schwierig war es, diese Szene zu drehen?

Katia Pascariu ist eine sehr offene Schauspielerin und hatte keine Probleme damit, mit einem Porno-Schauspieler zu drehen. In der Hinsicht hatte ich schon sehr großes Glück mit ihr.

Warum wird das Sexvideo überhaupt zu einem Skandal? Die meisten Erwachsenen haben Sex, es gehört zu unserem Leben dazu. Warum sollte man da solche Videos nicht drehen dürfen?

Das darfst du mich nicht fragen. (lacht) Ich bin natürlich kein Psychoanalytiker oder anderweitig ein Spezialist in der Frage. Aber ich denke, dass es auch damit zu tun hat, dass es sich um eine Lehrerin handelt. Die Leute wollen, dass Lehrer ganz rein sind und sich auf das Unterrichten ihrer Kinder konzentrieren. Grotesk ist dabei nur: Gleichzeitig haben gerade Männer oft sexuelle Fantasien, die sich um Lehrerinnen drehen. Lehrerinnen und Krankenschwestern dürften die Figuren sein, die am häufigsten in Pornos auftreten. Wenn eine echte Lehrerin dann Sex hat und das auslebt, wird sie dafür kritisiert. Größer könnte die Scheinheiligkeit wohl nicht sein.

Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn es um einen Mann gegangen wäre?

Ich denke schon. Grundsätzlich kann ich mir die Geschichte schon so vorstellen, dass sie einem Mann geschieht. Aber meine Intuition sagt mir, dass die Leute dann anders reagiert hätten. Das siehst du ja auch, wenn jemand Ehebruch begeht. Tut ein Mann das, ist er ein echter Kerl. Ein Don Juan. Frauen werden in solchen Fällen hingegen als Huren beschimpft. Das ist schon eine sehr patriarchische Sicht der Dinge, zumindest hier in Rumänien. Ein Mann, den ich kenne, hat immer damit angegeben, mit wie vielen Frauen er seine betrügt. Aber als sie fremdgegangen ist, wurde er damit nicht fertig, war total niedergeschlagen und aggressiv.

Du hast eben gesagt, dass die Leute klare Vorstellungen davon haben, wie sich Lehrer und Lehrerinnen privat verhalten sollen. Ganz unabhängig von der Geschichte des Films: Sollte es eine Rolle spielen, wie sie sich verhalten? Ist ihr Privatleben relevant?

Das ist eine komplizierte Frage, die man glaube ich pauschal so gar nicht beantworten kann. Es sollte keine Rolle spielen, wenn es nicht in einem Zusammenhang mit der Arbeit steht oder irgendwie gegen das Gesetz ist. Im Fall, den wir im Film behandeln, sollte es keine Rolle spielen, das ist für mich ganz klar. Wenn ich aber hören würde, dass einer privat an Nazimärschen teilnimmt, dann spielt das für mich schon eine Rolle. Da ist jeder Fall doch anders. Das macht es manchmal schwierig, ein wirkliches Urteil zu fällen. Als Gesellschaft oder Gemeinschaft müssen wir immer weiter darüber diskutieren, was erlaubt ist und was nicht und was wir von anderen erwarten können. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren sollte ein junger Arzt zum Gesundheitsminister ernannt werden. Dann stellte sich aber heraus, dass er früher mal für eine Unterwäscheanzeige posiert hatte. Am Ende hat er den Posten nicht bekommen, eben wegen dieser Bilder. Und das ist schon lächerlich. Früher durftest du auch keine Tattoos haben. Das hat sich inzwischen aber geändert.

In deinen Filmen kritisierst du regelmäßig die Gesellschaft und erzählst von Sachen, die nicht stimmen. Mehrfach ging es dabei um die frühere Gesellschaft, in Bad Luck Banging or Loony Porn ist es die von heute. Hast du denn das Gefühl, dass sich die Gesellschaft überhaupt weiterentwickelt?

Das ist schwer zu sagen. Am Anfang von Wittgensteins Philosophische Untersuchungen steht ein schönes Zitat: Fortschritt sieht immer größer aus, als er es wirklich ist. Wenn sich die Gesellschaft weiterentwickelt, dann nur in kleinen Schritten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Radu Jude wurde am 28. März 1977 in Bukarest, Rumänien geboren. Er studierte an der Medienuniversität Bukarest und arbeitete zunächst als Regieassistent. Nach einer Reihe erfolgreicher Kurzfilme gab er 2008 sein Langfilmdebüt mit The Happiest Girl in the World über eine junge Frau, die ein Auto gewinnt. In seinen Filmen kritisiert er oft die rumänische Gesellschaft und ihren Umgang mit der Geschichte, beispielsweise in „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen.“ (2018) und Uppercase Print (2020).



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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