Inhalt / Kritik

„Moon, 66 Questions“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Nachdem sie jahrelang keinen Kontakt zu ihrem Vater Paris (Lazaros Georgakopoulos) hatte, sieht sich die junge Artemis (Sofia Kokkali) gezwungen, zu ihm nach Athen zurückzukehren, als er aufgrund seiner Multiplen Sklerose nicht mehr in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen. Während der Rest ihrer Familie ihr verspricht, so schnell es geht, sich um eine Pflegekraft zu bemühen, welche ihr etwas Arbeit abnimmt, liegt es an Artemis, sich um ihren Vater zu kümmern, auf seine Medikation zu achten, durch Übungen mit ihm die eigentliche Physiotherapie zu ergänzen und letztlich vor allem ihm Gesellschaft zu leisten. Die junge Frau gibt sich alle Mühe, die ihr aufgetragenen Pflichten zu erfüllen, doch der schweigsame Vater, der ihr weder bei den Übungen noch bei anderen Gesprächsthemen irgendeine Emotion zeigt, wird langsam aber sicher für sie zu einer gewaltigen Herausforderung. Darüber hinaus leidet Artemis unter der Isolation im Haus ihres Vaters, dessen Wohlergehen sie mehr und mehr einnimmt, sodass sie kaum Zeit hat für ihre Freunde.

Ein Gang auf der Mondoberfläche

Auch wenn die Geschichte des Erwachsenwerdens für jeden einzigartig ist, so lässt sich doch im Genre der Coming-of-Age-Geschichten ein gewisser Hang zu bestimmten Figuren, Themen und Erzählweisen feststellen, was Filme und Romane innerhalb des Genres immer etwas beliebig erscheinen lässt. In Interviews über ihr Spielfilmdebüt Moon, 66 Questions, der in diesem Jahr auf der Berlinale zu sehen sein wird, spricht Regisseurin Jacqueline Lentzou noch ein anderes Problem mit dem Genre an, nämlich, dass vielen der Geschichten die Annahme zugrunde liegt, der Prozess des Erwachsenwerdens könne sich anhand eines entscheidenden Moments im Leben einer Figur abspielen, wenn doch unser aller Erfahrung dagegen spricht. Moon, 66 Questions lässt sich deshalb als ein Film über einen Teil dieses Prozesses sehen, in dem es einer Tochter gelingt, einen Zugang zu ihrem Vater aufzubauen, der ihr so distanziert und so fremd erscheint.

Neben den von Lentzou angesprochenen Merkmalen des Genres gehört auch eine gewisse Vorhersehbarkeit in der Handlung vieler dieser Geschichten dazu, die eine Kausalität vorspielt, die in Wahrheit nicht oder nur selten gegeben ist. Wie die jungen Protagonistinnen in Filmen wie Giorgos Lanthimos’ Dogtooth oder in Athina Rache Tsangaris Attenberg spiegelt sich die Rätselhaftigkeit der Umwelt wie auch die Abgeschlossenheit des Privaten in einer Figur wie der von Sofia Kokkali gespielten Artemis wider. Nicht nur ihr Vater, sondern auch die Welt an sich gibt ihr mehr und mehr Rätsel auf, angefangen von dem Verhalten ihrer Familie, innerhalb derer einige Angehörige das Einstellen einer Pflegekraft nicht schnell genug abwickeln können und nicht umhin können ihre seltsamen Ressentiments gegenüber anderen Nationalitäten zum Besten zu geben. Artemis versucht einen Zugang zu dieser Welt zu finden, aber wird immer wieder von dieser vor den Kopf gestoßen.

Ähnlich den ersten Gehversuchen ihres Vaters in der Physiotherapie gleichen auch ihre Schritte in dieser Welt den ersten unbeholfenen Gängen eines Astronauten auf dem Mond. Angetrieben von Neugierde und einer nicht unwesentlichen Experimentierfreude versucht sich Artemis in Rollenspielen und anderen Methoden, um sich auszuprobieren, mögliche Gesprächsverläufe nachzuvollziehen, wobei ein glücklicher und ein unglücklicher Ausgang immer sehr nah beieinander liegen.

Der Zugang zu anderen Systemen

In ihrer Rolle als Artemis erlaubt Sofia Kokkali dem Zuschauer einen Zugang zu dieser Person und ihrem Innenleben zu erhalten, nur um dann im nächsten Moment uns vor den Kopf zu stoßen, zu verblüffen und zu überraschen. Das von ihr eingangs angesprochene „Kommunikationsproblem“ zwischen ihr und Paris ist beiderseitig, von einer Angst und einer Hemmung geprägt, etwas anzusprechen, was Paris Schweigen oder die gelegentlichen einsilbigen Antworten erklärt wie auch die zunehmende Unsicherheit seiner Tochter, die selbst einen Zugang zu ihrem Vater haben will und Verantwortung übernehmen möchte.

Auch in formaler wie auch erzählerischer Hinsicht ist Moon, 66 Questions ein Film, der von dieser Unbestimmtheit und diesem Gefühlschaos seiner Protagonistin bestimmt ist. Die eingestreuten Heimvideo-Sequenzen aus einer Zeit, als es Paris noch besser ging, unterlegt vom Artemis‘ Kommentar, beschreiben eindrücklich das Aufweichen einer Distanz zwischen Vater und Tochter, die Möglichkeit einer Annäherung.

Credits

OT: „Moon, 66 Questions“
Land: Griechenland, Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Jacqueline Lentzou
Drehbuch: Jacqueline Lentzou
Kamera: Konstantinos Koukoulios
Musik: Delphine Malaussena
Darsteller: Sofia Kokkali, Lazaros Georgakopoulos, Niklas Tsakiroglou

Bilder

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Moon, 66 Questions
„Moon, 66 Questions“ ist ein formal sehr eigenwilliges Drama über das Erwachsenwerden. Jacqueline Lentzous Spielfilmdebüt zeichnet sich durch tolle Hauptdarstellerin sowie einer ernsthafte Auseinandersetzung mit Themen wie Verantwortung, Nähe und Distanz aus, die man im Genre bisweilen schmerzlich vermisst.
7von 10

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