Kritik

The Case You

„The Case You“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Kaum ein Berufszweig ist wohl derart umschwärmt und verklärt wie der der Schauspielerei. Ob es nun der Glamour-Faktor ist oder doch die Aussicht auf künstlerische Entfaltung, viele träumen davon, einmal vor der Kamera zu stehen. Doch eben weil es so viele sind, bleibt es oft beim Träumen. Und dort wo das Angebot die Nachfrage deutlich überschreitet, kommt es schnell zu Machtmissbrauch. Dass es diesen gibt, das war zwar kein so richtiges Geheimnis, das Bild der Besetzungscouch ist schließlich ein seit langer Zeit überliefertes. Welche ungeheuerlichen Ausmaße dieser Missbrauch aber annehmen kann, das wurde jedoch zum Teil erst durch die #MeToo-Bewegung öffentlich, als zahlreiche Betroffene Mut und Möglichkeit fanden, über ihre Erfahrungen zu reden.

Erinnerung an ein etwas anderes Casting

Dabei braucht es gar nicht den Blick ins ferne Hollywood, um Beispiele für Grenzüberschreitungen zu finden. Die gibt es auch hier, wie The Case You zeigt. In dem Dokumentarfilm arbeiten Regisseurin Alison Kuhn (Das Leben ist sonnig und schön) und einige Schauspielerinnen auf, was einige Jahre zuvor bei einem Casting für einen Film geschehen ist. Unzählige Jugendliche und junge Frauen waren dem Aufruf gefolgt, in der Hoffnung, eine Rolle in dem Film zu ergattern. Dafür waren sie auch bereit, alles zu geben. Und eben das machten sich der Regisseur und sein Team zunutze, trieben die ambitionierten Schauspielenden an, sämtliche Hemmungen fallen zu lassen – und sämtliche Hüllen.

Nun kann man sich natürlich über die Notwendigkeit von Nacktheit in Filmen streiten, die Grenze zwischen künstlerischem Ausdruck und reinem Voyeurismus ist manchmal schwer zu erkennen. Wohl auch deshalb gingen die fünf jungen Frauen, die in The Case You von ihren Erfahrungen berichten, am Ende weiter, als sie es eigentlich wollten. Wer noch am Anfang steht und vielleicht nicht die Erfahrung hat, von den beruflichen Optionen ganz zu schweigen, der vertraut im Zweifelsfall dann doch schon mal den Aussagen eines Regisseurs und einer Produzentin. In den Interviews wird deutlich, wie schwer sich die Schauspielerinnen damals taten, die Forderungen einzuordnen, dass erst später nach und nach eine Erkenntnis darüber entstand, was da tatsächlich geschehen ist.

Persönliche Aufarbeitung eines Missbrauchs

The Case You ist dabei nur teilweise eine Abrechnung mit den Vorgängen. So werden in dem Film beispielsweise nie Namen genannt: Wir erfahren nicht, wer der Regisseur war, welcher Film geplant war. Selbst gegen Ende, als ein Dokumentarfilm, der auf dem besagten Casting basiert, auf einem Filmfest gezeigt werden soll, bleibt Kuhn vage. Genauso wenig werden Szenen des Castings gezeigt, es gibt lediglich Beschreibungen der Vorfälle. Denn hier soll es nicht direkt um die Täter gehen, sondern die Opfer. Jahre später erhalten sie die Möglichkeit, sich in einem sicheren Umfeld über das auszutauschen, was ihnen widerfahren ist. Im Rahmen einer Schicksalsgemeinschaft.

Der Dokumentarfilm, der auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2021 deutsche Premiere feiert, ist damit einerseits persönliches Bekenntnis, gleichzeitig Anstoß zu einer allgemeinen Diskussion. Was darf Kunst? Wo liegen die Grenzen? Wie kann sichergestellt werden, dass diese Grenzen nicht überschritten werden? Dass diese Einblicke teilweise selbst dem Voyeurismus gefährlich nahe kommen, liegt in der Natur der Sache. Es gibt auch keine Lösungen dafür, wie sich vergleichbare Castings verhindern lassen. So oder so gehen die Aussagen nahe, machen betroffen, schockieren teilweise. Und sie erinnern daran, dass #MeToo eben nicht nur ein temporäres Schlagwort ist, sondern Ausdruck einer systemimmanenten Schieflage, bei der Machtmissbrauch zu einfach ist, wenn junge Träumende auf eine Branche treffen, die sich diese Träume zunutze macht.

Credits

OT: „The Case You“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Alison Kuhn
Drehbuch: Alison Kuhn
Musik: Dascha Dauenhauer
Kamera: Lenn Lamster

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The Case You
In „The Case You“ berichten fünf junge Frauen von einem Casting, bei dem systematisch sexuelle Übergriffe stattfanden. Der Dokumentarfilm macht nur durch die Aussagen der Interviewten betroffen und wütend, zeigt eine grundsätzliche Schieflage, bei der angehende Schauspieler und Schauspielerinnen zu leicht ausgenutzt werden können.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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