Kritik

Pickpocket

„Pickpocket“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Mit Gesetzen hatte es Xiao Wu (Hongwei Wang) nie so. Zwar erzählt er gern herum, dass er jetzt ein richtiges und solides Leben führt. Tatsächlich ist er aber nie über sein Dasein als Kleinkrimineller hinausgekommen. Mal stiehlt er einen Geldbeutel, dann gibt er sich an anderer Stelle als Polizist aus, was auch immer gerade nötig ist, um durch den Alltag zu kommen. Doch das wird von Tag zu Tag schwieriger. Die Behörden haben den Druck mächtig erhöht, Verbrechen sollen hart bestraft werden. Während Xiao Wus Freunde jedoch nach und nach ihrem alten Leben entsagt haben und nach einem regulären Einkommen streben, streift er noch durch die Gegend, im festen Glauben, dass es auch so geht …

Angesehener Chronist Chinas

Zhangke Jia gehört sicherlich zu den wichtigsten chinesischen Regisseuren der letzten zwanzig Jahre. Ein Filmemacher, der sowohl daheim wie international großes Ansehen genießt. Fast alle seine Werke liefen entweder in Cannes oder in Venedig im höchsten Wettbewerb. Dabei zeichnet er in seinen Spielfilmen, genauso seinen Dokumentarfilmen, ein oft wenig schmeichelhaftes Bild seines Landes. In seinem aktuellsten Spielfilm Asche ist reines Weiß etwa nahm er ein Gangsterpaar, um damit die Veränderungen seiner Heimat zu verdeutlichen. Veränderungen, die nicht unbedingt alle positiver Natur waren, wie man an den nie fertig gestellten Baustellen sehen konnte.

In seinem Debüt Pickpocket war das ganz ähnlich. Auch damals stand im Mittelpunkt ein Mensch aus dem kriminellen Milieu, der durch ein sich wandelndes China läuft und seine Schwierigkeiten damit hat, einen festen Ort für sich zu finden. Während aber die späteren Figuren von Jia zumindest etwas erreicht haben oder den festen Willen zeigten, sich ihren Platz in der Welt zu erkämpfen, da ist Xiao Wu ein Verlierer. Einer dieser abgehängten Menschen, die nicht einmal eine Perspektive haben, wie es denn in Zukunft weitergehen könnte. Und so hält er an einem Status Quo fest, den es eigentlich nicht mehr gibt, will dazugehören, ohne dabei zu merken, dass eigentlich niemand mehr Verwendung für ihn hat. Eine bittere Szene ist etwa, als Wu feststellen muss, dass er als einziger nicht zu einer Hochzeit eingeladen wurde, weil man ihn offensichtlich nicht dabei haben wollte.

Nüchterne Alltagsbetrachtungen

Ein weiterer Unterschied zum späteren Großtitel: die Bilder. Asche ist reines Weiß ist ein umwerfendes Gemälde, kunstvoll zusammengestellt, mit vielen Aufnahmen, die einen auch dann fesselten, wenn gerade nichts geschah. Pickpocket ist deutlich rauer und spärlicher, eine grobkörnige Nahaufnahme von Staub und Stein und Dreck. Wenn Jia mit seinem Protagonisten durch die Straßen streift, vorbei an den zerfallenden Häusern und den kleinen Gassen, dann gleicht das mehr einem Dokumentarfilm als einem Spielfilm. Dazu passt dann auch, dass vor der Kamera ausschließlich Menschen auftreten, die über keinerlei Schauspielerfahrung verfügen. Das trägt dazu bei, dass die Ereignisse sehr authentisch wirken, man wirklich meint, die Leute vor Ort zu begleiten und Einblicke in ihr Leben zu gewinnen.

Das bedeutet aber erneut, dass es keine Geschichte im eigentlichen Sinn gibt. Pickpocket, das 1998 auf der Berlinale zu sehen war, ist eine Ansammlung von Anekdoten und Begegnungen im Leben des Protagonisten. Das kann mal Bezug auf etwas nehmen, das zuvor geschehen ist, muss es aber nicht. Es gibt auch kein direktes Ziel, das Jia in dem Film verfolgen würde, sondern lebt wie sein Dieb, der im Original dem Drama den Titel gab, nur für den Moment – was auch in der wandernden Handkamera festgehalten wird. Wenn am Ende der Abspann über den Bildschirm läuft, ist dieser daher trotz eines großen Bewegungsradius keinen Schritt weiter gekommen. Das aufmerksam beobachtende Publikum ist dafür um jede Menge Eindrücke reicher, durfte eine Atmosphäre erleben, die einerseits naturalistisch-distanziert und doch melancholisch geprägt von der Sehnsucht, jemand zu sein.

Credits

OT: „Xiao Wu“
AT: „Artisan Pickpocket“
Land: China
Jahr: 1998
Regie: Zhangke Jia
Drehbuch: Zhangke Jia
Kamera: Nelson Lik-wai Yu
Besetzung: Hongwei Wang

Bilder

Filmfeste

Berlinale 1998
International Film Festival Rotterdam 1999
Locarno 2009
Berlinale 2020

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Pickpocket
Mit seinem Debüt zeigte sich Zhangke Jia bereits als genauer Beobachter, wenn er einen Kleinkriminellen vor den Hintergrund eines sich verändernden Chinas stellt. „Pickpocket“ erzählt dabei weniger eine Geschichte, sondern setzt aus lauter Einzelmomenten ein dokumentarisch anmutendes, trauriges Bild eines Menschen zusammen, der umherläuft, sucht und doch keinen Platz mehr für sich findet.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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