Kritik

Davos

„Davos“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Kein Ort steht wohl derart sinnbildlich für die Kluft zwischen arm und reich als Davos. Etwas abgehoben, war er natürlich schon immer, was nicht nur daran liegt, dass er sich auf 1500 Meter Höhe befindet. Vielmehr trafen sich dort bevorzugt die etwas Wohlhabenderen, erst um die frische Gebirgsluft des Kurortes zu nutzen, später für Wintersport. Doch es ist vor allem das seit mittlerweile 50 Jahre stattfindende Weltwirtschaftsforums, welche die Schweizer Gemeinde regelmäßig in die Nachrichten bringt. Denn jedes Jahr treffen sich dort im Januar die Reichen und Mächtigen, um die Welt unter sich aufzuteilen, was mindestens ebenso regelmäßig von Protesten begleitet wird.

Ein Ort der Kontraste

Das Regieduo Daniel Hoesl und Julia Niemann besuchte in seinem Dokumentarfilm Davos diesen Ort, beschränke sich dabei aber eben nicht auf das besagte Weltwirtschaftsforum. Dieses kommt zwar auch erwartungsgemäß vor, wird aber in Kontrast zu dem wirklichen Leben der dortigen Bevölkerung gesetzt. So zeigt beispielsweise eine frühe Szene, wie mit vereinten Kräften einer Kuh beim Kalben geholfen wird – nicht unbedingt ein Bild, das man in einem solchen Film vermutet hätte. Und das ist nicht der einzige Fall, das Werk wechselt immer wieder zwischen den verschiedenen Welten hin und her, die dort eng beieinander sind und doch nicht weiter voneinander entfernt sein könnten.

Hoesl und Niemann kommentieren diese offensichtlichen Diskrepanzen nicht, sondern vertrauen darauf, dass das Publikum eigene Schlüsse daraus ziehen kann. Wer sich von Davos einen aktivistischen Dokumentarfilm erhofft, der zum Sturm gegen die Finanzbastille aufruft, sieht sich daher getäuscht. Aber das braucht es auch nicht. Es reicht den Leuten zuzuhören, die dort auftreten oder hinter den Kulissen arbeiten. An einer gelungen entlarvenden Stelle beispielsweise werden anwesende Fotografen und Fotografinnen gebrieft, vorauf sie zu achten haben, wenn sie auf Motivsuche gehen. Die Bilder sollen schön sein, weshalb sich unter anderem Architektur und Frauen anböten. Zur Objektivierung von Menschen muss man daher nicht mehr wirklich etwas sagen.

Das Leben in einer Blase

An einer anderen Stelle darf eine Frau mehr sein als hübsche Deko, sondern sogar selbst etwas sagen. Das läuft jedoch auf die kuriose Aussage hinaus, Kapitalismus sei die Grundlage von Wohltätigkeit. Kritische Gegenstimmen gibt es an der Stelle nicht. Aus gutem Grund: Davos zeigt auf, wie sehr die Reichen und Mächtigen hier unter sich sind, in einer eigenen Blase leben. Und wenn dann doch mal jemand auf die Idee kommt, eine unangenehme Frage stellen zu wollen, wird diese einfach ignoriert. Das Weltwirtschaftsforum ist nicht zum Austausch zwischen oben und unten gedacht. Der findet nur untereinander statt, da gibt es schon Diskrepanzen genug.

Der Dokumentarfilm, der auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2021 Deutschland-Premiere feiert, konzentriert sich auf diese und andere Diskrepanzen. Davos zeigt Ausschnitte einer Welt, die sich als globalisierte Gemeinschaft inszeniert und dabei doch völlig fragmentiert ist. Möglichkeiten, diese Teile wieder zusammenzuführen, werden dabei nicht aufgezeigt. Hoesl und Niemann versuchen keine Auswege für das Problem zu finden, sondern beschränken sich darauf, mit schönen und eindringlichen Bildern die Elite als eine solche zu verdeutlichen. Als eine Gruppe von Menschen, die sich so weit von denen da unten entfernt hat, dass man kaum glauben mag, wenn nur wenig entfernt davon Landwirt*innen ihrer Arbeit nachgehen – was dem Geschehen immer wieder eine surreale Note verleiht.

Credits

OT: „Davos“
Land: Österreich
Jahr: 2020
Regie: Daniel Hoesl, Julia Niemann
Drehbuch: Julia Niemann
Kamera: Andi Widmer

Bilder

Trailer

Filmfeste

Visions du Réel 2020
Zurich Film Festival 2020
Max Ophüls Preis 2021

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Davos
„Davos“ nimmt uns mit an den gleichnamigen Schweizer Ort und setzt dabei das Weltwirtschaftsforum und die lokale Bevölkerung in einen Kontrast. Der Dokumentarfilm kommentiert das nicht weiter, sondern zeigt mit schönen und eindringlichen Bildern eine fragmentierte Welt, in der sich Leute ganz nahe und gleichzeitig komplett voneinander getrennt sein können.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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