Kritik

Schon seit vielen Monaten lebt Pouya (Reza Brojerdi) in Deutschland und hat sich, dank einiger Freunde aus dem Iran, mit ein paar Jobs, beispielsweise in einem Café eines Freundes sowie als Fotograf ein ganz gutes Leben aufgebaut. In seiner Heimat, dem Iran, konnte er nicht mehr länger bleiben, fühlte er doch, dass ihn einige kritische Videos über die politische und religiöse Führung in Gefahr gebracht hatten. Was jedoch keiner außer ihm weiß, ist, dass seine Frau Nikta (Fatima Balaghi), mit der er ab und zu per Skype Kontakt hat, noch immer im Iran ist, sodass er fürchtet, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Regime die Beziehung der beiden aufdeckt und Nikta verhaftet. Als eines Tages über Teheran ein Passagierflugzeug abgeschossen wird, wird die politische Lage des Iran immer angespannter, auch aufgrund Druck vieler anderer Länder. Da die Möglichkeiten, das Land zu verlassen mit jedem Tage schwinden, vertraut sich Pouya einem Freund an, der Kontakt zu einer Schleuserbande hat. Während er auf eine Antwort von den Schleusern wartet und seine Bemühungen bei den deutschen Behörden um Niktas Einreise fruchtlos zu sein scheinen, steht Pouya kurz vor der Verzweiflung.

Zwischen Aktivismus und Glück

Die Lage Pouyas in seinem neuen Kurzfilm Ba Ham, der auf dem diesjährigen Filmfestival Max Ophüls Preis zu sehen ist, ist gar nicht so weit entfernt von der wahren Biografie von Regisseur Shahab Habibis, der seine iranische Heimat ebenfalls wegen seiner regimekritischen Haltung verlassen musste. In Deutschland konnte er seine Arbeit fortführen und hat beispielsweise in seinem Kurzfilm Stand UP auf die Lage von Flüchtlingen aufmerksam gemacht, doch vor allem auf die Wichtigkeit, seine Stimme zu erheben und die Konsequenzen, die dies nach sich ziehen kann. Die Geschichte, die Habibi in Ba Ham erzählt, geht in eine ähnliche Richtung, wobei er sich bisweilen beim Genre des Politthrillers bedient, wenn es darum geht, das Schicksal einer Einzelperson und deren Dilemma im Kontext internationaler Politik zu sehen.

Gerade im politischen Thriller dienen Paranoia und Angst als wichtige Faktoren für den Spannungsaufbau, genauso wie der Konflikt, ob man seine Stimme erhebt oder sein Wissen über eine Sachlage offenbaren soll oder nicht. Der von Reza Brojerdi gespielte Pouya trägt schon seit einiger Zeit solche Gedanken mit sich herum, hadert also, ob er sein persönliches Wohl wie auch das seiner Frau über den politischen Aktivismus setzen soll, für den ihn viele Zuschauer seiner Videos im Internet feiern, wie in einer kurzen Einstellung sehen kann. Der Erzählstil, welcher konsequent seine Perspektive verfolgt, sowie die Form des Films, beispielsweise die Kameraführung Leon Daniels unterstreichen den zunehmenden Verfolgungswahn Pouyas, von dem er nie sicher ist, ob er nun berechtigt ist oder nicht. Auch der Zuschauer kann sich nie sicher sein, wem in der Geschichte zu trauen ist, liegt das Glück der beiden Eheleute, von dem bereits zu Anfang die Rede ist, doch scheinbar in den Händen von unsichtbaren Mächten, die sich vielleicht nie wirklich offenbaren werden, deren Einfluss aber scheinbar keinerlei Grenzen kennt.

Credits

OT: „Ba Ham“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Shahab Habibi
Drehbuch: Maurice Sinner
Musik: Payam Azadi
Kamera: Leon Daniel
Besetzung: Reza Brojerdi, Fatima Balaghi, Nazmi Kırık, Roxana Safrabadi, Ramin Yazdani



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Ba Ham
„Ba Ham“ ist eine Mischung aus Drama und Politthriller. Packend gespielt und spannend inszeniert erzählt Regisseur Shahab Habibi vom Dilemma einer Einzelperson, die sich zwischen dem persönlichen Glück entscheiden muss oder die Stimme für das zu erheben, woran er glaubt, was für ihn wie auch andere Gefahr bedeuten könnte.
7von 10

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