Die Netflix-Serie Der Befreier nimmt uns mit in den Zweiten Weltkrieg und zeigt eine US-Einheit, die sich durch ganz Europa kämpft. Der Clou: Die Schauspieler wurden gefilmt und dabei anschließend in animierte Bilder übertragen. Philipp Christopher spielt darin den deutschen Widersacher Major von Lambert, der gegen Ende des Krieges um jeden Preis Augsburg vor den Alliierten verteidigen will. Wir haben uns mit dem deutschen Schauspieler über die Dreharbeiten, die Zukunft animierter Charaktere und den Wahnsinn des Krieges unterhalten.

Was hat dich daran gereizt, an Der Befreier mitzumachen?
Ich kannte den Regisseur Greg Jonkajtys, weil wir uns vor Jahren auf einem Filmfest in Kalifornien kennengelernt haben. Wir waren beide als Regisseure mit Projekten vertreten: Greg mit einem apokalyptischen Science-Fiction-Kurzfilm, ich mit einem Drama. Mich hat schon damals seine visuelle Kreativität imponiert, das waren teilweise richtig abgefahrene Sachen. Er arbeitete damals für Industrial Lights & Magic und hat für riesige Titel die CGI gemacht. Wenn man ihm auf seinem Instagram-Account folgt, sieht man die ganzen Entwürfe seiner Kreaturen und Welten. Das ist schon sehr faszinierend. Insofern war ich immer offen für eine Zusammenarbeit und wir blieben auch im Kontakt. Irgendwann hat er sich dann bei mir gemeldet und gemeint, er hätte diese Show, bei der er mich gerne als „Major von Lambert“ sehen würde.

Wie liefen denn überhaupt die Dreharbeiten ab? Das meiste stammte ja aus dem Computer.
Das stimmt, die ganzen Hintergrunde wurden erst nachträglich gemacht. Das Studio war praktisch ein einziger 360-Grad-Bluescreen. Es ist natürlich schon einfacher und schöner, wenn du an einem Set spielst, weil du dich dort besser in die Situation versetzen kannst. Bei „Der Befreier“ war es noch mal schwerer, weil wir wirklich gar keine Ahnung hatten, wie unser Umfeld aussehen wird. Aber man gewöhnt sich dran. Vieles ist natürlich auch einfach Interaktion mit den anderen Schauspielern. Außerdem hat man Bilder im Kopf von dieser historischen Zeit, der Atmosphäre. Da musst du nur ein wenig deine Fantasie spielen lassen.

Ist das dann vergleichbar zum Spielen auf einer Bühne?
Ein bisschen schon, ja, weil du dort auch nicht das riesige Set hast und dich mehr auf deine Vorstellungskraft verlassen musst. Es gibt aber auch Bühnen, die deutlich besser ausgestattet sind als das, was wir hatten. (lacht) Requisiten, mit denen die Figuren tatsächlich interagiert haben, die waren schon da, zum Beispiel Autos oder Schreibtische. Es fehlten aber alle Räumlichkeiten, es gab keine Wände.

Wie war das dann für dich, als du deine digitalisierte Fassung das erste Mal gesehen hast?
Wir haben während des Drehs ein ganz spezielles Make-up getragen, das ganz geheim war und das wir nirgends posten durften. Das war die Grundlage für diese neue Technik der Animation. Dadurch hatten wir schon eine grobe Vorstellung, weil wir durch das Make-up ein bisschen karikaturhaft aussahen. Aber es war trotzdem spannend, das dann auch in Kombination mit den Hintergründen zu sehen. Die haben wirklich lange an dieser CGI gearbeitet und sich richtig reingehängt. Das ist schon richtig cool geworden.

Es gab in den letzten Jahren immer häufiger den Fall, dass in Filmen Computerabbilder realer Menschen verwendet wurden oder die Menschen durch den Computer stark verändert wurden. Hast du die Befürchtung, dass Schauspieler und Schauspielerinnen irgendwann ganz durch Computer ersetzt werden könnten?
Wir sind ja erst am Anfang von dieser Entwicklung. Da ist es schon beängstigend, wie nahe wir bereits an die Realität kommen. Oder wenn du dir rein animierte Charaktere anschaust, zum Beispiel in einem Disney-Film, die bringen auch super Emotionen rüber. Da kriegst du schon durch leichte Ausdrucksvariationen Emotionen mit, obwohl die nicht einmal unbedingt realistisch dargestellt sind. Wie weit das noch gehen wird, das kann aber im Moment noch niemand sagen. Wird es zum Beispiel irgendwann möglich sein, dass Computer spontan auf etwas reagieren? Das ist beim Schauspielen schon der Fall, weil jeder Mensch seine Persönlichkeit und seine Impulsivität mitbringt. Da kannst du nicht immer berechnen, was am Ende rauskommt. Das macht diese Arbeit so spannend. Es ist auch die Frage, ob sich das finanziell überhaupt lohnt, ob es wirklich günstiger ist, nur am Computer zu arbeiten, anstatt einen Schauspieler zu engagieren.

Kommen wir noch kurz auf den Inhalt von Der Befreier zu sprechen. Wie war das für dich, von Lambert zu spielen? Eine angenehme Figur ist das ja nicht.
Es ist immer spannend, so etwas zu spielen. Im selben Jahr habe ich Die Kinder von Windermere gedreht und das genaue Gegenteil verkörpert: einen Holocaust-Überlebenden. Die Geschichte der Serie spielt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als der Druck und die Panik so groß waren bei den Deutschen, alles zu verlieren, dass du da im Spiel noch mehr in die Figuren stecken kannst. Diese Rage, das Verrücktwerden. Von Lambert hat all diese Menschen noch in den Krieg geschickt, als es längst schon keine Chance mehr gab, diesen zu gewinnen. Leute wie er sind dann selbst schon gar nicht mehr Mensch, weil das alles überhandgenommen hat. So jemanden zu spielen, das ist schon eine Herausforderung und interessant.

Gäbe es denn eine Grenze, wo du sagst: „Nein, so jemanden spiele ich nicht“?
Grundsätzlich bin ich für alles offen. Man sollte sich nicht zu sehr in seiner Komfortzone aufhalten, sondern sich schon ein bisschen selbst fordern. Es hängt eben davon ab, wie es geschrieben ist. Stereotypen ohne jegliche Tiefe sind zum Beispiel langweilig, klar. Darauf habe ich dann keine Lust.

Und wie geht es jetzt bei dir weiter? Welche Projekte stehen an?
Ich habe gerade sechs Wochen in Russland gedreht, eine internationale Produktion, die wahrscheinlich nächstes Jahr ins Kino kommt. Es ist auch wieder ein Kriegsfilm, diesmal geht es aber um Amerikaner und Russen und beleuchtet beide Seiten. Zwei andere Projekte von mir sind wegen Corona aufs nächste Jahr verschoben worden.

Foto: Grayson Lauffenburger, Styling: Giulia Consiglio

Zur Person
Philipp Christopher wurde 1980 in Berlin geboren. 1998 zog er nach New York City und studierte an der School of Visual Arts. Im Anschluss inszenierte er eine Reihe von Kurzfilmen, trat aber auch selbst in Filmen und Serien auf. Beispielsweise spielte er 162 Folgen in der Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Zusammen mit seiner Frau, der US-amerikanischen Schauspielerin Michelle Glick, betreibt er außerdem die Produktionsfirma für (Werbe-)Filme



(Anzeige)

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort