Kritik

Noelle Disney+

„Noelle“ // Deutschland-Start: 27. November 2020 (Disney+)

Nach dem Tod des bisherigen Weihnachtsmanns liegt die Verantwortung nun bei Nick Kringle (Bill Hader), der als mittlerweile 23. Santa den Kindern auf der ganzen Welt Freude bringen soll. Doch dem ist gar nicht wohl bei dem Gedanken, trotz umfangreicher Vorbereitungen auf diese Aufgabe fühlt er sich noch nicht dazu bereit. Und so schlägt dessen Schwester Noelle (Anna Kendrick) vor, er solle einfach für ein paar Tage verreisen und damit auf andere Gedanken kommen. Was aber nur als kurzer Wochenendtrip gemeint war, nimmt kein Ende, keiner weiß, wo Nick sich aufhält und ob er noch einmal zurück kommt. Während kurzerhand Cousin Gabriel (Billy Eichner) zum Ersatz-Weihnachtsmann gekürt wird und alles auf den Kopf stellt, macht sich Noelle auf die Suche nach ihrem Bruder und erhält dabei Hilfe von dem Privatdetektiv Jake Hapman (Kingsley Ben-Adir) …

Weihnachten als Familienunternehmen
Dass der Weihnachtsmann eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hat, das weiß zwar jedes Kind, nicht aber, dass es sich um eine Aufgabe handelt, die weitervererbt werden kann. Dann und wann gibt es sie zwar, die Filme, welche ein bisschen hinter die Fassade des Weihnachtsmanns blicken – sei es beim abenteuerlichen The Christmas Chronicles 2 oder dem bitteren Fatman. Doch selbst dort geht man davon aus, dass es immer nur den einen Weihnachtsmann gibt und der für alle Zeit ein älterer, korpulenter Mann mit Rauschebart sein muss. Insofern ist es ganz nett, wenn in Noelle diese etwas einseitige Familienchronik etwas ausweitet, eine ganze Dynastie von Geschenkebringern erschafft, die erst noch in ihre Berufung hineinwachsen müssen.

Wobei Regisseur und Drehbuchautor Marc Lawrence noch ein weiteren Kniff hineinbringt: Warum muss es eigentlich immer ein Weihnachtsmann sein? Warum werden deren Ehefrauen immer darauf reduziert, daheim zu bleiben und Kekse zu backen? In Zeiten, in denen die die Gleichstellung der Geschlechter auch filmische Spuren hinterlässt, ist es höchste Zeit, mit dieser antiquierten Tradition zu brechen. Als solche stellt sie Noelle zumindest dar. Zwar dauert es sehr lange, bis der Film das Thema tatsächlich mal zur Sprache bringt. Aber von Anfang an ist die Titelheldin ihren männlichen Verwandten derart überlegen bei der Erfüllung der typischen Santa-Aufgaben, dass eigentlich jeder im Publikum, ob nun groß oder klein, männlich oder weiblich, schnell realisiert, dass da die falsche Person die rote Mütze trägt.

Das ist grundsätzlich natürlich sympathisch, ein familiengerechtes Beispiel für Women Empowerment, das bei den Mädchen vor den Bildschirmen als Vorbildfunktion dienen kann. Wobei Lawrence sich nicht komplett auf das Thema versteift, sondern schon den Unterhaltungsfaktor in den Vordergrund stellt. Das gelingt im ersten Drittel noch am besten, wenn Noelle sich auf die Situation im Weihnachtsdorf konzentriert, auf die dort geltenden Regeln und die Familiendynamik. Im Mittelteil funktioniert das schon weniger, wenn Noelle in erster Linie einen Fish-out-of-Water-Humor bemüht. Das kann prinzipiell auch lustig sein, wenn eine Figur sich in einem für sie völlig fremden Umfeld bewegt, nichts für sie Sinn ergibt. Die konkreten Witze sind jedoch zu brav, zu belanglos, holen kaum etwas aus der Materie heraus.

Charmant, aber auch irgendwie langweilig
Gegen Ende hin wird es dann erwartungsgemäß rührselig, wenn es um Familienzusammengehörigkeit geht. Lawrence versucht an dieser Stelle nicht einmal, das Szenario um Weihnachten in irgendeiner Form inhaltlich zu integrieren. Das ist einerseits verständlich, soll hier doch ein universelles Gefühl beschworen werden, in dem sich jeder wiederzufinden hat. Aber es ist eben auch langweilig, ohne nennenswertes Flair, komisch ist dann ohnehin kaum mehr etwas. Noelle wirkt insgesamt zu berechnet, auch beim obligatorischen Sidekick, ein kleines weißes Rentier, dem ein höheres Budget ganz gut getan hätte.

Dafür stimmt die Besetzung. Anna Kendrick (Into the Woods) stolpert sympathisch wie immer durch die weihnachtliche Szenerie, Bill Hader (Es Kapitel 2) macht Spaß als Weihnachtsmann in der Krise. Sehr schön sind zudem die gelegentliche Auftritte von Schauspiellegende Shirley MacLaine als Nanny-Elf. Das verhilft dem Film zu mehr Charme und Persönlichkeit, als ihm nur aufgrund des mäßigen Drehbuchs zustehen würde. Noelle ist dadurch immerhin eine insgesamt nette Fantasykomödie, die man zwischendurch problemlos einschieben kann, die aber unter ihren Möglichkeiten bleibt und es in dem umkämpften Segment eher schwer haben dürfte.

Credits

OT: „Noelle“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Marc Lawrence
Drehbuch: Marc Lawrence
Musik: Cody Fitzgerald, Clyde Lawrence
Kamera: Russell Carpenter
Besetzung: Anna Kendrick, Bill Hader, Kingsley Ben-Adir, Billy Eichner, Julie Hagerty, Shirley MacLaine

Bilder

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Noelle
In „Noelle“ verschwindet der neue Weihnachtsmann eines Tages, seine Schwester macht sich auf die Suche nach ihm in der Menschenwelt. Der Film ist eine grundsätzlich sympathische Fantasykomödie, die festgefahrene Geschlechterbilder familientauglich hinterfragt. Das macht anfangs Spaß, wird aber trotz guter Besetzung mit der Zeit immer langweiliger.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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