Kritik

Glorreiche Verlierer

„Glorreiche Verlierer“ // Deutschland-Start: 26. November 2020 (DVD/Blu-ray)

Im August 2001 beschließen Fermín Perlassi (Ricardo Darín), seine Frau Lidia (Verónica Llinás) und ihr Freund Antonio Fontana (Luis Brandoni), eine Genossenschaft zu gründen und verlassene Getreidesilos wieder in Betrieb zu nehmen. Bald drauf überzeugen sie auch andere von dieser Idee, um auf diese Weise das notwendige Startkapital zusammenzubekommen. Dabei haben sie aber nicht die Rechnung mit dem skrupellosen Banker gemacht, der sie gnadenlos über den Tisch zieht und ihnen das mühsam zusammengetragene Geld wieder abknöpft. Ein Jahr später hat sich die Gruppe mit dem Verlust abgefunden. Doch dann erfahren sie, dass der Anwalt Fortunato Manzi (Andrés Parra) die vermissten Geldsummen in einem unterirdischen Tresor gebunkert haben soll, und beschließen, sich ihr Geld zurückzuholen. Jetzt heißt es nur noch einen Plan zu entwickeln, wie sie die raffinierte Alarmanlage außer Gefecht setzen können …

Von moralisch vertretbaren Verbrechen

Auch wenn sich die sogenannten Heist Movies, in denen sich mehrere Leute zusammentun, um jemanden oder etwas auszurauben, immer wieder gern gesehen werden, sie haben doch ein grundsätzliches Problem: Eigentlich sind Diebe ja nicht wirklich als Helden geeignet. Jemanden bei einer Tätigkeit anfeuern zu sollen, die normalerweise verabscheuungswürdig ist, da braucht es schon eine gewisse Rechtfertigung, damit das funktionieren kann. Ein Mittel ist, den zu beraubenden und dessen Geschäft möglichst unsympathisch darzustellen. Bei einem Casino-Besitzer wie bei Ocean’s Eleven ist die moralische Zwickmühle beispielsweise schon deutlich kleiner.

Auch bei Glorreiche Verlierer setzt man darauf, dass das Publikum die Gegenseite so verabscheut, dass Gesetze kein alleiniges Kriterium mehr sind. Gerade der gierige Anwalt ist so unangenehm angelegt, dass man ihm schon aus Prinzip alles wegnehmen will. Hinzu kommt bei der argentinischen Komödie, dass die Protagonisten keine professionellen Räuber sind. Vielmehr waren sie vorher selbst das Opfer des Bankers und des Anwalts, die sich auf Kosten der anderen ein schönes Leben machen. Eduardo Sacheri, auf dessen Roman der Film basiert und der das Drehbuch zusammen mit Regisseur Sebastián Borensztein geschrieben hat, erzählt hier die Geschichte des kleinen Mannes, der sich nicht länger alles gefallen lassen will und Wiedergutmachung für den Betrug fordert. Das ist dann eine Mischung aus Robin Hood und der allseits beliebten David-gegen-Goliath-Konstellation. Und wer kann dazu schon Nein sagen?

Die Komik unerfahrener Krimineller

Glorreiche Verlierer nutzt die kriminelle Unerfahrenheit der Teilzeit-Diebe aber nicht nur, um die Geschichte moralisch zu rechtfertigen. Vielmehr hat dies auch einen humoristischen Zweck. Da eben niemand wirklich weiß, wie so ein Raub funktioniert und was zu tun ist, geht gerade zu Beginn jede Menge schief. Die Inspiration für den Coup liefert keine Erfahrung oder ein brillantes Mastermind. Die kommt vielmehr, als sie sich die 60er Jahre Krimikomödie Wie klaut man eine Million? anschauen. Sonderlich erfolgsversprechend ist das nicht. Im Gegensatz zu vielen Heist Movies, bei denen die Spannung darin liegt, wie genau die Leute an das Geld kommen werden, ist hier die Frage: Schaffen die das überhaupt? Zweifel sind da angebracht, gerade weil vieles so holprig abläuft.

Dennoch sollte man sich beim Beitrag vom Toronto International Film Festival 2019 keinen Thriller erhoffen. Es gibt sie zwar, die nervenaufreibenden Momente, in denen der gesamte Plan zu scheitern droht. Aber sie sind in der Minderheit. Dafür versteht sich Glorreiche Verlierer auch als das Porträt einer bestimmten Zeit und der Gesellschaft. Der reale Hintergrund der schweren Wirtschaftskrise, unter der Argentinien um die Jahrtausendwende litt, verleiht dem Geschehen eine bestimmte Ernsthaftigkeit. Der Film zeigt auf, wie die einfache Bevölkerung im Stich gelassen wurde, während die Reichen noch Kasse machten – was einem selbst außerhalb dieses Kontextes bekannt vorkommt. Das macht die Protagonisten noch nicht zu Helden. Tatsächlich bleibt da bis zum Schluss einiges fragwürdig. Aber es macht doch Spaß, bei dieser etwas anderen Umverteilung zuzusehen und die Daumen zu drücken, dass die Betrogenen ihr einfaches Leben führen dürfen, von dem sie geträumt haben.

Credits

OT: „La odisea de los giles“
IT: „Heroic Losers“
Land: Argentinien
Jahr: 2019
Regie: Sebastián Borensztein
Drehbuch: Sebastián Borensztein, Eduardo Sacheri
Vorlage: Eduardo Sacheri
Musik: Federico Jusid
Kamera: Rodrigo Pulpeiro
Besetzung: Ricardo Darín, Luis Brandoni, Chino Darín, Verónica Llinás, Daniel Aráoz, Carlos Belloso, Marco Caponi, Rita Cortese, Andrés Parra

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Glorreiche Verlierer
In „Glorreiche Verlierer“ tun sich einige Leute zusammen, die von einem Banker und einem Anwalt über den Tisch gezogen wurden, um Letzterem ihr Geld wieder wegzunehmen. Die argentinische Komödie nutzt das Ungleichgewicht sowohl zur moralischen Rechtfertigung wie auch als Anlass für humorvolle Szenen, wenn keiner der Hobbyräuber weiß, was er tut. Gleichzeitig gibt es aber auch immer wieder ernste und gesellschaftskritische Untertöne.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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