Kritik

Bröllop, begravning & dop Eine Hochzeit mit Folgen

„Eine Hochzeit mit Folgen“ // Deutschland-Start: 17. Dezember 2020 (Arte)

Es sollte der schönste Tage im Leben von Meja (Molly Nutley) und Sunny (Angelika Prick) werden, denn die beiden haben beschlossen, sich das Jawort zu geben. Die Freude ist groß, auch bei den Familien der zwei. Doch irgendwie steht die Hochzeit unter keinem guten Stern. Als Mejas Vater Carl-Axel (Johan H:son Kjellgren) zur Trauung zu spät kommt, ist seine Frau Grace (Helena Bergström) völlig aufgelöst, zumal die Ehe schon vorher kriselte. Und so ignoriert sie ihren Mann, so gut es geht, verbringt die Zeit lieber mit Samuel (Philip Zandén), dem Vater von Sunny. Nach einigen feuchtfröhlichen Stunden führt das eine zum anderen, die beiden gehen zum schnellen Sex in die Toilette. Eigentlich wollen sie im Anschluss die ganze Geschichte vergessen – bis Grace einige Wochen später mit den Folgen des Seitensprungs konfrontiert wird …

Eine Hochzeit als Kriegsschauplatz
Eigentlich sind Hochzeiten in Filmen und Serien ja eher als Ziel angelegt, wo die Figuren ihre große Liebe besiegeln können, um im Anschluss glücklich bis ans Ende aller Tage zu leben. Nicht so bei Eine Hochzeit mit Folgen. Wie der Titel bereits verrät, geht es hier nicht darum, wie zwei Menschen gemeinsam dem Sonnenuntergang entgegenreiten. Vielmehr stellt sich das vermeintlich freudige Ereignis als der Startschuss heraus für die Probleme, mit denen die Charaktere zu kämpfen haben. Und es sind jede Menge Probleme, wenn – von den zwei glücklich Verliebten einmal abgesehen – praktisch jeder irgendwelche Konflikte und Verletzungen mit sich herumträgt.

Tatsächlich wird bei der schwedischen Serie nicht lange gefackelt. Das Geschrei geht schon los, noch bevor die eigentliche Geschichte angefangen hat. Die ehelichen Schwierigkeiten von Grace und Carl-Axel sind dabei die hauptsächliche Quelle für den Schlamassel, der danach noch folgt. Sie haben jedoch keinen Exklusivitätsanspruch, was Herausforderungen für die Lebensplanung angeht. Samuels Frau Michelle (Maria Lundqvist) leidet darunter, nie eigene Kinder bekommen zu haben. Graces Bruder Valentin (Andreas T Olsson) wiederum hat offensichtlich einen Hang zum Alkohol und wird vor allen Leuten von seiner selbstgerechten Mutter gedemütigt. Gerade zu Beginn ist Eine Hochzeit mit Folgen derart stark von Aggressionen geprägt, manche davon passiver Art, dass man nur darauf wartet, dass irgendein Unglück geschieht.

Nun sind Familiendramen mit Abgründen quasi ein Spezialgebiet der Skandinavier. Man denke nur an Das Fest oder Die Erbschaft, bei denen genüsslich schmutzige Familienwäsche ausgebreitet wurde. Doch auch wenn der Vergleich hier nahe liegt, er stellt sich als wenig schmeichelhaft heraus. Ein wichtiger Faktor in der Hinsicht sind die Figuren. Bei der Konkurrenz durften wir eine Reihe von Menschen kennenlernen, die zwar ihre Mängel hatten, dabei aber auf spannende Weise ambivalent gezeichnet wurden. Je mehr Zeit wir mit ihnen verbrachten, umso mehr Aspekte und Facetten kamen ans Tageslicht, was einen maßgeblichen Teil der Spannung ausmachte.

Ohne Tiefgang oder Entwicklung
Bei Eine Hochzeit mit Folgen machte man es sich hingegen sehr einfach. Was es über die diversen Figuren zu sagen gibt, das erfahren wir in der ersten und besten der vier Folgen. Danach gibt es nur noch Wiederholungen, eine tatsächliche Entwicklung oder Vertiefung der Figuren findet nicht statt. Lediglich bei den Verhältnissen untereinander brachte man noch etwas Bewegung rein. Die wiederum fällt sehr holprig aus, da werden schon mal ein paar Zwischenschritte übersprungen. Ob das nun aus Zeitmangel geschah, fehlendem Interesse oder einem begrenzten Talent, das sei mal dahingestellt. So oder so, für eine Serie, die derart stark auf die Figuren fokussiert ist, ist das Ergebnis schon ziemlich ernüchternd, einen überzeugenden Grund, für sie dranzubleiben, den gibt es nicht.

Aber es ist auch die Geschichte als solche, die ihren Anteil daran hat, dass der positive Ersteindruck sich im Laufe der Folgen mehr und mehr abbaut. Die Ereignisse sind so übertrieben, als wollte man hier eine Parodie auf Seifenopern und deren bizarren Verwicklungen drehen. Zwischendurch darf man sich schon fragen, ob Eine Hochzeit mit Folgen nicht versehentlich unter dem Genre Drama einsortiert wurde, das eigentlich als Komödie konzipiert war. Das ist schade bis ärgerlich, da an manchen Stellen durchschimmert, dass die Serie durchaus Potenzial gehabt hätte. In der Form jedoch ist das nicht genug, dafür gibt es einfach zu viele tatsächlich gelungene Familiendramen, die sich nicht in Absurditäten flüchten müssen, um etwas zu erzählen zu haben.

Credits

OT: „Bröllop, begravning & dop“
Land: Schweden
Jahr: 2019
Regie: Colin Nutley
Drehbuch: Colin Nutley, Helena Bergström
Musik: Gaute Storaas
Kamera: Peter Mokrosinski
Besetzung: Helena Bergström, Maria Lundqvist, Johan H:son Kjellgren, Philip Zandén, Molly Nutley, Angelika Prick, Andreas T Olsson, Marie Göranzon

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Eine Hochzeit mit Folgen – Staffel 1
„Eine Hochzeit mit Folgen“ fängt mit einem freudigen Tag an – und lauter Leuten, die keine Freude bereiten. Die schwedische Serie ist vollgestopft mit unangenehmen Figuren, denen weder Ambivalenz noch Entwicklung zugestanden wurde. Zwischendurch zeigt das Familiendrama zwar Potenzial. Doch das wird zu schnell durch die Seifenoper-Geschichte zunichtegemacht.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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