Kritik

„Candymans Fluch“ // Deutschland-Start: 7. Januar 1993 (Kino) // 16. Oktober 2020 (Blu-ray)

Bei der Recherche für ihre Doktorarbeit über urbane Legenden stößt Helen Lyle (Virginia Madsen) auf die Legende des Candyman (Tony Todd), eine mythische Gestalt, die jedem erscheint, der vor einem Spiegel seinen Namen fünfmal ausspricht und diesen Menschen dann umbringt. Gerade in den sozialen Brennpunkten Chicagos gehen viele Morde angeblich auf das Konto des Candyman, während die Polizei die Taten den Gangs zuschreibt, welche eben jene Viertel kontrollieren. Von ihrem Mann Trevor (Xander Berkeley), einem Professor an der Chicagoer Universität, belächelt wegen ihres Interesses an der Legende, ist Helen gewillt, noch einen Schritt weiterzugehen und begibt sich mit ihrer Freundin und Assistentin Bernadette (Kasi Lemmons) in eben jene Viertel, in denen die letzten Morde geschehen sind, eine gefährliche Unternehmung, stechen die beiden Frauen doch schon alleine wegen ihres Äußeren in dem Bezirk hervor. Trotz der Gefahr bleibt Helen unbeirrt und findet tatsächlich Spuren, die auf den Candyman hindeuten sowie die Aussage einer Bewohnerin des Apartmentblock, in dem die Bluttat geschah, die bestätigt einen Kampf gehört zu haben. Schließlich probieren Bernadette und Helen gemeinsam vorm Spiegel aus, ob etwas dran ist an der Legende.

Die Grenzen einer Stadt
Nachdem er die Arbeit an der Verfilmung seiner Geschichte Cabal – Die Brut der Nacht beendet hatte, traf sich Clive Barker mit Regisseur Bernard Rose, der sich schon seit langem für dessen Kurzgeschichte The Forbidden interessierte. Barker mochte die Ideen Roses, der die in Liverpool spielende Handlung in das Chicago der 90er verlegen wollte, inspiriert von der Architektur der Stadt, welche die Trennung von Menschen nach Kategorien wie Hautfarbe und Einkommen betont. Mit Candymans Fluch entstand dann ein Film, der nicht nur zurecht als ein moderner Klassiker des Genres gilt, sondern der sich über die Mittel des Horrorfilms mit der Stadt als Organismus befasst.

Gleich zu Anfang wird man in diese Sichtweise auf die Stadt eingeführt, wenn die Kamera sich, wie viele Male in der Handlung, dem Geschehen von oben aus der Vogelperspektive nähert, während der Zuschauer der geheimnisvoll-atmosphärischen Filmmusik aus der Feder von Philip Glass lauscht. Urbane Strukturen, Straßen und Hochhäuser, spielen eine Rolle, jene Formen eben, welche die Grenzen zwischen Menschen betonen, angefangen vom Einkommen bis hin zur Hautfarbe. Ähnlich dem Kastensystem Indiens zeigt sich bereits am Äußeren von Gebäuden, Vierteln, aber auch den Menschen an sich die Zuteilung in eine Klasse, sodass die Stadt von ihrem Wesen her Gruppen voneinander trennt, sodass es vorkommt, wie Bernadette und Helen an einer Stelle anmerken, dass man wohl nie einen Fuß gesetzt hat in bestimmte Teile der Stadt. Von daher sticht eine Person wie der Candyman gleich hervor durch sein Äußeres und seine Hautfarbe, ein Thema, welches den Film durchzieht und ihn vielleicht gerade deswegen so interessant gemacht hat für Regisseur Jordan Peele, der das Drehbuch für die nun für 2021 angesetzte Fortsetzung schrieb.

Sind ihre männlichen Kollegen zufrieden mit ihrem Status, in Bezug auf ihr Einkommen wie auch ihre Bildung, wird die von Virginia Madsen gespielte Helen zu einer Grenzgängerin, einem typischen Motiv für das Werk Clive Barkers. Ihre Neugier, ihr Wissensdurst aber auch eine schon fast körperliche Anziehung treibt sie zu jenen „verbotenen Plätzen“ innerhalb der Stadt, auf die ihr Umfeld mit einer Mischung aus Belustigung, Ekel oder gar Angst reagiert. Symbolisch ist das Bild, als die durch ein Loch in einer Mauer steigt, welches durch den Schnitt sich als der geöffnete Mund des Candyman, festgehalten in einem Graffiti, erweist. Der Übergang in jene Zwischenwelt, jener des Verbotenen und Vergessenen, hinterlässt Spuren, weshalb der von Tony Todd gespielte Candyman, selbst einer jener Grenzgänger, auch schon zu Lebzeiten, nun in Helen ein neues Opfer/ eine neue Geliebte sieht.

Das urbane Unterbewusstsein
Ähnlich dem Puzzle-Würfel in Hellraiser – Das Tor zur Hölle sind es die urbanen Legenden, welche den Übergang zu jener Zwischenwelt liefern und innerhalb der Handlung von Candymans Fluch an einer Stelle als das „urbane Unterbewusstsein“ definiert werden. Der Candyman als Symbol ist jenes Verdrängte und Tabuisierte, repräsentiert er doch zum einen jene Probleme wie Drogen, Kriminalität und Alltagsrassismus, welche man gerne ignoriert, ist er doch auch eine Gefahr, da er als Grenzgänger seine Opfer einholt, sie gewissermaßen einholt und mit der Angst, der Wut und jenem Verdrängten konfrontiert. Wie Freddy Krueger in Nightmare – Mörderische Träume oder Sadako in Ring ist der Candyman die Konfrontation mit dem Anderen, dem Verbotenen und dem Weggeschlossenen, dem Emotionalen wie auch dem, was die Stadt in ihrer Struktur voneinander trennt.

Credits

OT: „Candyman“
Land: USA
Jahr: 1992
Regie: Bernard Rose
Drehbuch: Bernard Rose
Vorlage: Clive Barker
Musik: Philip Glass
Kamera: Anthony B. Richmond
Besetzung: Viginia Madsen, Tony Todd, Xander Berkeley, Kasi Lemmons, Vanessa A. Williams, Ted Raimi

Bilder

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Candymans Fluch
„Candymans Fluch“ ist ein Klassiker des Horrorgenres. Ästhetisch wie darstellerisch überzeugend greift Bernard Roses Film die Themen der Vorlage auf und behandelt am Beispiel einer (erfundenen) urbanen Legende Aspekte wie Rassismus, Verdrängung und Statusdenken.
8von 10

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