Kritik

Sisters Die Schwestern des Bösen Brian de Palma

„Sisters – Die Schwestern des Bösen“ // Deutschland-Start: 19. August 1977 (Kino) // 16. Juli 2020 (DVD/Blu-ray)

Nachdem er bei einer „Versteckte Kamera“-Show hereingelegt wurde, gewinnt Phillip Woode (Lisle Wilson) ein Abendessen in einem Restaurant in Manhattan und führt Danielle Bretton (Margot Kidder), welche den schönen „Lockvogel“ spielte, aus. Nach dem Abendessen bringt er sie zu ihrem Apartment und die beiden schlafen miteinander, doch am nächsten Morgen wirkt Danielle verstört, verlangt nach ihren Medikamenten und spricht von ihrer Schwester Dominique, die ebenfalls in der Wohnung lebt und wütend ist, weil sie nicht auf der Couch schlafen konnte. Gerade als Phillip die Wogen glätten will, greift ihn Danielle mit einem Messer an. Mit letzter Kraft kriecht Phillip zum Fenster, wo er schließlich stirbt. Während Danielle und ein Freund (William Finley), der bereits die Nacht über ihr Apartment überwacht hat, die Leiche und alle Spuren von der Bluttat beseitigen, entgeht ihnen, dass es eine Zeugin gibt, denn die Reporterin Grace Koller (Jennifer Salt) hat von ihrem Fenster den Mord gesehen und bereits die Polizei verständigt. Als diese nach einiger Zeit endlich aufkreuzt und zu Danielles Wohnung geht, sind allerdings alle Spuren beseitigt, sodass die Beamten Koller für hysterisch erklären und unverrichteter Dinge gehen. Doch Grace ist sich sicher, einen Mord gesehen zu haben und macht es sich zur Aufgabe, zu klären, was in der Wohnung tatsächlich vorgefallen ist.

Männliche Bedrohung
Nach einer ganzen Reihe von Komödien wie Hi, Mom!, die Brian de Palma mit seinen Freunden wie Robert De Niro filmte, ging er Anfang der 1970er zu jenem Genre über, für welches sein Werk bis heute bei vielen Cineasten bekannt ist, nämlich das des Thrillers. Der bekennende Alfred Hitchock-Fan De Palma verweist bereits in Sisters – Die Schwestern des Bösen mehrfach auf die Werke des Meisters, beispielsweise Cocktail für eine Leiche, Psycho oder Vertigo – Aus dem Reich der Toten, was ihm bisweilen auch den Ruf einbrachte, eigentlich nur zu kopieren und nichts Eigenständiges zu bewerkstelligen. Dabei ist Sisters mehr als nur eine Flickenteppich filmischer Verweise, sondern eine visuell sehr ansprechende und interessante Geschichte über Voyeurismus und das Patriarchat.

Die Bedrohung beginnt immer mit dem männlichen Blick in Sisters, wie bereits der Anfang verrät, welchen man als Vorausdeutung auf das Schicksal Phillips betrachten kann. In gewisser Weise kann man dies als eine Variation auf die berühmten Anfangsminuten von Hitchcocks Psycho lesen, in der eine Figur etabliert wird, dann aber einem Mord zum Opfer fällt und sich dementsprechend die Geschichte verändert. Der verbotene Blick, das vermeintliche Unbeobachtet-Sein und der Reiz des Verbotenen ergibt eine Gelegenheit einer Frau nachzuspionieren, ein Akt, der im Nachhinein noch mit einem Restaurantbesuch belohnt wird. Geht man weiter in die Handlung versteht man, welche Bedrohung von diesem Blick ausgeht, der kontrolliert und objektiviert, was vor allem in der albtraumhaften Hypnose-Szene deutlich wird. In seinem Werk Hollywood from Vietnam to Reagan … and Beyond beschreibt der US-amerikanische Autor Robin Wood, wie Weiblichkeit als Bedrohung seitens des Patriarchats empfunden wird und sogleich geahndet wird. Das Abnormale geht einher mit Weiblichkeit, unterliegt einem männlichen Narrativ und muss demnach kontrolliert werden.

Doppelte Blicke
Jedoch geht De Palma in Sisters noch einen Schritt weiter und beschreibt Voyeurismus als essenziellen Teil einer Gesellschaft und als großen Lustgewinn, auch für den Zuschauer. Diese fast schon perverse Lust am Sehen zeigt sich im wiederholten Gebrauch von Split-Screens oder in diversen Detailaufnahmen, welche parallele Handlungen darstellen, aber auch auf den Figuren verborgene Aspekte hinweisen, die zur Aufklärung des Mordes führen könnten. Mit Verweis auf Das Fenster zum Hof erscheint das gegenseitige Beobachten eine geradezu obligatorische Tatsache des Lebens in der Großstadt, eine Art Obsession, von der jemand wie Grace, zusätzlich motiviert durch die herablassenden Äußerungen der Polizisten, nicht mehr loskommt. In vielerlei Hinsicht erscheint Jennifer Salts Figur wie ein Vorgänger für Charaktere wie den von John Travolta gespielten Jack Terry in Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren zu sein.

Insgesamt hat De Palma zwar viel gelernt von Hitchcock, aber bloß kopiert hat er ihn wahrlich nicht. Dennoch muss erwähnt werden, dass es ihm gelang für die Filmmusik dessen Leib-und-Magen-Komponisten, den großen Bernard Herrmann zu gewinnen, dessen Musik nicht nur ein wichtiges Element zur Erhöhung der Spannung ist, sondern auch jene psychologischen Aspekte der Handlung unterstreicht.

Credits

OT: „Sisters“
Land: USA
Jahr: 1972
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Brian De Palma, Louisa Rose
Musik: Bernard Herrmann
Kamera: Gregory Sandor
Besetzung: Margot Kidder, Jennifer Salt, Charles Durning, William Finley, Barnard Hughes, Emil Breton, Lisle Wilson

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Sisters – Die Schwestern des Bösen
„Sisters – Die Schwestern des Bösen“ ist ein sehr gelungener Psychothriller. Unter vielen interessanten Aspekten stechen nicht nur die Darsteller und die Filmmusik, sondern auch der Umgang mit Themen wie Voyeurismus und Patriarchat hervor, die diesen frühen Film Brian De Palmas sehenswert machen.
8von 10

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