Kritik

Showgirls

„Showgirls“ // Deutschland-Start: 25. Januar 1996 (Kino) // 30. Oktober 2020 (Mediabook)

Das naive Landei Nomi (Elizabeth Berkley) schlägt mit einem Köfferchen, in dem all ihre Habseligkeiten sind, in Las Vegas auf, um groß rauszukommen. Schon kurz nach der Ankunft wird ihr Hab und Gut gestohlen und mittellos landet das blauäugige Mädchen in einem ranzigen Stripschuppen. Da sich Nomi an der Stange zu bewegen weiß, erregt sie die Aufmerksamkeit von Cristal (Gina Gershon). Die vermittelt Nomi an den schmierigen Zack (Kyle MacLachlan), der Geschäftsführer des berühmt-berüchtigten Stardust ist und sie für die Tanzshow ‚Goddess‘ engagieren will. Doch auf dem Weg zum ersehnten Ziel, muss Nomi lernen, dass gerade hinter der Glitzerkulisse von Vegas Neid und Missgunst herrschen …

Es gibt kaum einen besseren Film, um den Begriff ‚guilty pleasure‘ zu beschreiben. Das Internet sagt hierzu in etwa, dass ‚guilty pleasure‘ ein Film (oder eine Sendung oder ein Song) ist, den man mag, obwohl man weiß, dass er eigentlich Schrott ist. Und Showgirls hat wahrlich viel, worüber man sich lustig machen kann; schrille Klamotten, viel nackte Haut, überzeichnete Figuren und eine Geschichte, die mit der groben Kelle gereicht wird. Und auch in Bezug auf das vermittelte Frauenbild kann man sich ausgiebig auslassen. Da es aber auch genug Frauen gibt, die den (Unterhaltungs-)Wert des Films erkennen und ihn genauso feiern, wie die Transvestiten-Community, ist Showgirls nahezu rehabilitiert. Dazu kommt, dass Showgirls in der Gay-Community geradezu kultisch verehrt wird; ähnlich einem grell-übertriebenem The Rocky Horror Picture Show. Irgendetwas scheint Regisseur Paul Verhoeven also richtig gemacht zu haben.

Die nackte Welle
In den 90ern gab es diese Welle des erotischen Edeltrashs, angestoßen vom 92er Megaerfolg Basic Instinct. 1993 tröpfelte Madonna in Body of Evidence heißes Wachs auf Willem Daffoes Spargelbrust, während Sharon Stone ihren neuen Ruhm mit Sliver zu barer Münze machte. 1994 zeigte Bruce Willis im Debakel Color of Night seinen Schniedel, im Jahr darauf räkelte sich Demi Moore in Striptease und 1997 folgte noch One Night Stand, den aber wirklich niemand mehr sehen wollte. Das Interesse an Hochglanzerotik war genauso schnell erloschen, wie es entflammt war. Das noch moderate Interesse an Sliver und Striptease wurde ohne Frage durch Stone als neuem Sexsymbol (in ersterem) und Demi Moores exorbitante Gage von 12,5 Millionen Dollar in die Schlagzeilen gepusht und somit in die Kinocharts. Eine Summe, an die Showgirls-Star Elizabeth Berkley nicht einmal ansatzweise kratzte. Und da Showgirls der große Erfolg verwehrt blieb, nie auch nur in die Nähe kommen sollte. Kolportierte 100.000 Dollar Gage gab es für den Film, der ihr Durchbruch sein sollte – und dann doch der Karriere-Sargnagel war. Vor Berkley lehnten unter anderem Pamela Anderson, Drew Barrymore, Angelina Jolie und Charlize Theron die Rolle der Nomi ab. Sie alle wussten wohl mehr als Berkley.

Aus Spaß an der Oberfläche
Doch was macht Showgirls nun so besonders und soviel besser, dass er zum Kult wurde? Ganz einfach: Showgirls unterhält! Showgirls ist tatsächlich spannend! Und Showgirls ist sich schlicht bewusst, was er ist! Nämlich glänzende Oberfläche, die dich mit offenem Mund dasitzen lassen will. Alles ist grell, bunt und glitzernd. Autor Eszterhas und Regisseur Verhoeven waren sich bewusst, was sie da fabrizieren. Dämlichste Dialoge, lächerliche Tanzszenen und plumper Sex – Eszterhas gab in einem Interview offen zu, dass sie beide nach dem Erfolg von Basic Instinct buchstäblich die Bodenhaftung verloren hatten. „Wir dachten, wir können tun, was wir wollen und soweit gehen, wie wir wollen“ sagte er 1997. Man kann sich Verhoeven regelrecht vorstellen, wie er kichernd am Set sitzt und sich über seine sechs Millionen Dollar Gage freut. Und neben ihm erschafft Kamerameister Jost Vacano, der schon Verhoevens RoboCop und Total Recall filmte, ein optisches Meisterstück des Lichts und des Schattens. Selten wurde eine durch und durch verdorbene und hässliche Geschichte so schön bebildert. Kein Wunder, dass er auch weiterhin für Verhoeven filmte und zwei Jahre später mit Starship Troopers einen der besten Kriegsfilme drehte.

Eigentlich ist Showgirls ein Großstadt-Märchen, in dem jeder Figur ihre Rolle zugeschrieben ist. Nomi ist süß und unschuldig, Cristal das verdorbene Miststück und Zack schmierig und verdorben. Doch Showgirls ist dann doch ein bisschen mehr, nämlich ein Aufzeigen und Abrechnen mit dem all american dream. Und um es hier zu etwas zu bringen, musst du tun, was du tun musst bzw. was sie von dir verlangen. Vielleicht hast du dann eine Chance, etwas Glanz abzubekommen. Aber meist bist nur ein Gesicht unter vielen.

Die neue Mediabook Edition bietet nicht nur erstklassige Bild- und Tonqualität, sondern verfügt über ein üppiges Angebot an Extras. Neben einem Interview mit Kameramann Jost Vacano, einem informativen Audiokommentar und einem dicken Booklet gibt es eine zusätzliche Disc mit der 90-minütigen Doku You don’t Nomi, die sich ausführlich der Entstehung und dem Kult von Showgirls widmet.

Credits

OT: „Showgirls“
Land: USA
Jahr: 1995
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Joe Eszterhas
Musik: David A. Stewart
Kamera: Jost Vacano
Besetzung: Elizabeth Berkley, Kyle MacLachlan, Gina Gershon, Glenn Plummer, Robert Davi, Alan Rachins, Gina Ravera

Credits

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Showgirls
Seinerzeit als cineastische Katastrophe an den Kinokassen gefloppt, gilt "Showgirls" heute als zum ‚guilty pleasure‘ rehabilitierter Kultfilm, bei dem man sich mit gutem Gewissen über glossy Fleischbeschau und trashige Dialoge lustig machen darf.
8von 10

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