Kritik

The Rocky Horror Picture Show

„The Rocky Horror Picture Show“ // Deutschland-Start: 24. June 1977 (Kino) // 25. Januar 2013 (DVD/Blu-ray)

Das hatten sich Brad (Barry Bostwick) und Janet (Susan Sarandon) alles irgendwie anders vorgestellt. Gerade waren sie noch voller Euphorie darüber, miteinander verlobt zu sein, und dann das: Mitten in ihrer nächtlichen Fahrt durchs Nirgendwo hat ihr Auto einen Platten. Hilfe ist weit und breit nicht zu sehen, zudem meint es das Wetter nicht gerade gut mit ihnen. Als sie völlig durchnässt ein abgelegenes Schloss erreichen, werden sie zwar von dem Butler Riff Raff (Richard O’Brien) und der Hausangestellten Magenta (Patricia Quinn) hereingelassen. Doch spätestens als der exzentrische Wissenschaftler Dr. Frank N. Furter (Tim Curry) hinzustößt, bekommen die beiden ernsthafte Zweifel, ob das mit dem Aufenthalt so eine besonders gute Idee ist …

It’s just a jump the left
Kaum ein Label wird derart gern verliehen wie das des Kults. Das ist verständlich, schließlich ist das keine quantifizierbare Größe. Es gibt keine Maßstäbe, die man erfüllen muss, anders als etwa bei „Hit“ oder „Star“, die bei allem schwammigen Gebrauch zumindest noch ein klares Konzept haben. Zum Kult kann man hingegen alles erklären, um den Anschein von Wichtigkeit und Besonderheit zu erwecken – selbst wenn das Ergebnis zweifelhaft ist. Ein Paradebeispiel für etwas, das tatsächlich Kult ist, ist hingegen The Rocky Horror Picture Show. Das Musical um ein Paar, das es in ein schräges Schloss voller grotesker Gestalten verschlägt, wird von den Fans abgöttisch geliebt, während der Rest nur verblüfft auf das muntere Treiben blickt. So abgöttisch, dass der Film mehr als 40 Jahre später immer noch in Kinos gezeigt wird, während das Publikum zu den Lieder mitsingt, Reis und Klopapier durch die Gegend wirft und sich wie die Figuren auf der Leinwand verkleidet.

And then a step to the right
Dabei waren die Anfänge gar nicht mal so beschwingt. Während das von Richard O’Brien mehr als Zeitvertreib verfasste Bühnen-Musical durchaus auf Resonanz stieß, zumindest genug für eine Filmadaption, war Letzterer zunächst nur wenig Erfolg vergönnt. Die Kinos wollten den seltsamen Film bald schon wieder aus dem Programm nehmen, als das Publikum ausblieb, selbst diverse witzige Marketingmaßnahmen brachten kein Ergebnis mit sich. Erst als das Studio Überzeugungsarbeit leistete, The Rocky Horror Picture Show im Rahmen von Mitternachtsvorstellungen aufzuführen, kamen die Zuschauer. Und es kamen immer mehr: Im Laufe der Zeit wandelte sich der anfängliche Flop in ein per Mund-zu-Mund-Propaganda weitergetragenes Phänomen, zu einer Zeit, als das noch deutlich schwieriger war als in der heutigen vernetzten Welt.

With your hands on your hips
Warum der Film aber so viele letztendlich ansprach, ist nur schwer zu erklären. Tatsächliche Stars hatte The Rocky Horror Picture Show seinerzeit nicht zu bieten. Susan Sarandon wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einem schauspielerischen Schwergewicht, das einen Oscar erhielt und mehrere Nominierungen. Auch Tim Curry (Es) machte als Schauspieler Karriere. Sänger Meat Loaf veröffentlichte zwei Jahre später das Rock-Album Bat Out of Hell, das mit Verkaufszahlen von bislang 43 Millionen eines der erfolgreichsten Musik-Alben aller Zeiten war. Doch 1975 konnte das noch niemand ahnen. Weder die drei noch die anderen Mitglieder des Ensembles waren größere Namen, mit denen man zum Kinostart hätte Werbung machen können.

You bring your knees in tight
Aber der Film war ohnehin weniger mit der Zukunft beschäftigt, trotz des leicht futuristischen Szenarios, das sich im Laufe der hundert Minuten offenbart. Stattdessen schuf O’Brien mit seinem Ausnahmewerk eines, das sich kräftig in der Vergangenheit bedient. Schon der Drehort, das Mitte des 19. Jahrhunderts gebaute Oakley Court, könnte Horrorfans bekannt vorkommen, wurde es doch mehrfach von Hammer Films verwendet. Auch einige der Requisiten von damals kamen in The Rocky Horror Picture Show zum Einsatz. Der Film selbst ist ebenfalls eine Hommage an die B-Movies der vorangegangenen Jahrzehnte. Tatsächlich ist das Eröffnungslied Science Fiction – Double Feature vollgestopft mit Referenzen an solche Filme.

But it’s the pelvic thrust
Die Lieder selbst sind natürlich maßgeblich an dem Erfolg des Films bzw. des Bühnenmusicals beteiligt. Die von O’Brien geschriebenen Songs sind eingängig, decken dabei eine größere Bandbreite ab. Das von Meat Loaf gesungene Hot Patootie – Bless My Soul erinnert an den Rock’n’Roll der 50er, am Anfang gibt es die humorvoll-kitschige Liebeserklärung Dammit Janet, gegen Ende gibt es wunderschöne Balladen – die Selbstverwirklichungshymne Don’t Dream It, Be It und das tieftraurige I’m Going Home, das Frank N. Furter als tragische Gestalt zeigt. Und dann ist da natürlich noch The Time Warp, das wohl wie kein anderes Lied für das Musical steht, mit den unsinnigen Texten, einer ausgefallenen Choreografie und einer Melodie, die man Jahre unmöglich wieder los wird. Von den Bildern ganz zu schweigen, wenn ein wild zusammengeworfener Haufen in den unmöglichsten Kostümen durch die Gegend springt.

That really drives you insane
Das ist alles so wild, so wahnsinnig, so bizarr, dass man entweder der Faszination dieses musikalischen Karnevals erliegt – oder eben nicht. Eine neutrale Herangehensweise an den Film ist kaum möglich, eine tatsächliche Bewertung eigentlich unsinnig. Entweder findet man Zugang zu diesem Werk, das gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Trashfilme von einst ist und diese gleichzeitig aufs Korn nimmt, lässt sich auf diesen Zeitsprung ein, an dessen Ende alles irgendwie anders ist als zuvor. Oder es ergeht einem so wie den Kritikern damals und den ersten Zuschauern, die mit dieser fremden Welt nicht viel anfangen konnten, sie für albern hielten, für nichtssagend und billig. Aber so ist das nun mal mit Kult, zumindest echtem Kult, nicht dem, der Marketing-Abteilungen entspringt: Er muss immer auch ein Geheimnis sein und das Gefühl vermitteln, Teil von etwas zu sein, das anderen nicht offensteht. Und das können dann schon mal singende Transvestiten von einem anderen Stern sein.

Credits

OT: „The Rocky Horror Picture Show“
Land: UK, USA
Jahr: 29175
Regie: Jim Sharman
Drehbuch: Richard O’Brien, Jim Sharman
Musik: Richard Hartley, Richard O’Brien
Kamera: Peter Suschitzky
Besetzung: Tim Curry, Susan Sarandon, Barry Bostwick, Richard O’Brien, Patricia Quinn, Nell Campbell, Jonathan Adams, Peter Hinwood, Meat Loaf, Charles Gray

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The Rocky Horror Picture Show
„The Rocky Horror Picture Show“ ist wie kaum ein anderer Film die Definition schlichtweg für Kult. Die Geschichte um ein frisch verlobtes Paar, das in einem bizarren Lustschloss landet, verneigt sich vor den trashigen Sci-Fi- und Horrorfilmen von einst, kombiniert das mit farbenfrohen Kostümen, eingängigen Lieder und jeder Menge bewusstem Blödsinn sowie musikalischem Hedonismus zu einem Werk, das aus vielen bekannten Bestandteilen entsteht und doch einzigartig ist.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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