Kritik

Finale in Berlin Funeral in Berlin

„Finale in Berlin“ // Deutschland-Start: 17. März 1967 (Kino) // 1. Januar 2005 (DVD)

Von seinem Boss im britischen Geheimdienst erhält Agent Harry Palmer (Michael Caine) den Auftrag, einen ostdeutschen Oberst, welcher maßgeblich bei der Überwachung und Konstruktion der Berliner Mauer eine Rolle spielte, bei der Flucht in den Westen zu helfen. Während sich seine Vorgesetzten wichtige Informationen von dem ranghohen Offizier erwarten, vermutet Palmer eine Falle, kann jedoch mit seinem Misstrauen niemanden überzeugen, sodass er schon bald in Westberlin unter falschem Namen auftaucht und dort von Johnny Vulkan (Paul Hubschmid), ein Freund Harrys und ebenfalls Agent, empfangen wird. Zusammen wollen sie sich ein Bild der Lage verschaffen und die Flucht organisieren, doch vorher verlangt Palmer, mit Oberst Stok (Oskar Homolka), jenem abtrünnigen ostdeutschen Offizier, selbst zu sprechen. Es dauert nicht lange und Palmer bemerkt, dass seine Ankunft in Berlin auch von anderer Seite beobachtet wurde. Hinter seiner zufälligen Bekanntschaft mit der schönen Samantha Steel (Eva Renzi) vermutet er eine gegnerische Agentin, deren Geheimdienst ebenfalls an der Flucht interessiert zu sein scheint. Als Palmer endlich das nötige Geld für die Flucht organisiert hat sowie die nötigen Papiere für den Oberst, offenbart sich ihm eine neue Wahrheit, welche seine Mission in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen und Zweifel an der Loyalität eines Verbündeten aufkommen lassen.

Agent ohne Glamour
Nachdem er mit James Bond 007 – Goldfinger den bis heute noch besten Film um den wohl berühmtesten Doppelnullagenten ihrer Majestät gemacht hatte, widmete sich Regisseur Guy Hamilton nur wenige Jahre später der Filmreihe um den Agenten Harry Palmer, der bereits ein Jahr zuvor in Ipcress – Streng geheim (1965) seinen ersten Leinwandauftritt hatte. Abermals basierend auf einer Romanvorlage des Autors Len Deighton ist die Welt des von Michael Caine gespielten Palmer weniger glamourös, dafür aber eine, die durch bürokratische Machtapparate definiert ist und in der menschliche Werte so gut wie gar nichts mehr zählen.

Als Palmer endlich seine Papiere bekommt für die Einreise nach Berlin, zeigt er sich sichtlich enttäuscht von dem wenig schmeichelhaften Namen „Edmund Dorf“, der seinen neuen Pass schmückt, doch seine Proteste gehen ins Leere. Sein eigener Vorschlag, es doch einmal mit „Rock Hunter“ zu probieren, wird mit einem spöttischen Grinsen des für den Geheimdienst arbeitenden Fälschers quittiert, der ihm zu verstehen gibt, Palmer sei nun einmal eher ein „Dorf“ und weniger ein „Hunter“. Es sind solche Szenen und Dialoge, welche darauf verweisen, in welcher Welt sich Palmer bewegt, und zwar eine, in der er keiner weltweiten Verschwörung über mehrere Kontinente hinterherjagt und reihenweise Affären hat, sondern eine in der andere Werte zählen. Wie schon in Ipcress – Streng geheim dominiert die Hierarchie und die Machtpolitik einzelner Staaten, repräsentiert durch die rivalisierenden Geheimdienste, in der es vor allem Karrieristen nach oben schaffen, Manipulateure und Schreibtischtäter, die meist eine ganz eigene Agenda verfolgen.

Auch wenn er deutlich glamourösere Rollen gespielt hat als Harry Palmer, verleiht Caine dem Agenten neben einer Gerissenheit auch eine gewisse Menschlichkeit, die sich allerdings keinerlei Illusionen darüber macht, welche Rolle er in den Augen seiner Vorgesetzten spielt. „Irgendwann einmal bin ich es, der sterben muss“, sagt er an einer Stelle, wobei ihn diese Erkenntnis nicht davor abhält, seine eigenen Ziele zu verfolgen und zu versuchen, aus dem Verhängnis zu retten, in welches ihn seine Bosse zweifelsohne dieses Mal hineingebracht haben.

Spionage und Bürokratie
Finale in Berlin wie auch dem Vorgängerfilm wird immer wieder vorgeworfen, dessen Handlung sei zu unübersichtlich, sodass man als Zuschauer viele Zusammenhänge gar nicht verstehen würde. Diese Sichtweise liegt zwar insofern richtig, als das Hamilton kein realistisches Bild von Geheimdienstarbeit abliefert, aber warum sollte er dies auch tun, schließlich geht es um ein Abbild einer Welt im Informationskrieg, in der sich nicht nur Ereignisse überschlagen, sondern auch niemand der ist, für den er sich ausgibt. Die omnipräsente Bürokratie, welcher sich selbst Palmer ergeben muss, wenn er für alles unterschreiben muss und Belege sammeln muss, ist nur eines von vielen Symptomen einer Institution, die schon längst dem Lauf der Welt hinterherhinkt und die selbst den Überblick verloren hat.

Die Bilder einer gelungenen Flucht in den Westen, wie wir sie gleich zu Anfang von Finale in Berlin sehen, wird sogleich in den Kontext der Ideologie gedrängt, der Flüchtende als Märtyrer einer Weltanschauung gefeiert. Palmers wegwerfende Geste, als er von der Flucht in den Nachrichten hört, mag zynisch erscheinen, versteht sich aber bei seinem Charakter eher als eine Gewissheit darum, dass keine Handlung mehr den Menschen zugutekommt, nicht in einem Krieg, in dem jeder darauf aus ist, den anderen schlecht dastehen zu lassen und sie ideologische Überlegenheit zu betonen.

Credits

OT: „Funeral in Berlin“
Land: UK
Jahr: 1966
Regie: Guy Hamilton
Drehbuch: Evan Jones
Vorlage: Len Deighton
Musik: Konrad Elfers
Kamera: Otto Heller
Besetzung: Michael Caine, Paul Hubschmid, Oskar Homolka, Eva Renzi, Guy Doleman, Heinz Schubert, Wolfgang Völz

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Finale in Berlin
„Finale in Berlin“ ist ein spannender Spionagethriller mit Michael Caine in einer seiner besten Rollen. Guy Hamilton setzt den Ruf der Reihe als „Anti-Bond“ fort und liefert einen Film, der sich durch seine spröde Optik, seine abgeklärten Figuren und seine teils unübersichtliche Handlung als Abbild einer chaotischen Welt begreift.
8von 10

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