Kritik

Andrey Tarkovsky A Cinema Prayer

„Andrey Tarkovsky. A Cinema Prayer“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

„Wenn es dem Künstler darum geht, das Leben lebenswerter zu gestalten, dann kann es auch keine Gefahr sein, wenn die Wirklichkeit bei ihrer Darstellung den Filter seiner subjektiven Vorstellungen und seiner seelischen Zustände durchläuft.“ In den Überlegungen des großen russischen Regisseurs Andrey Tarkowsky finden sich hunderte von Sätzen wie der gerade zitierte aus dessen Aufsatz Die Kunst als Sehnsucht nach dem Idealen. Vielleicht nicht programmatisch intendiert, formuliert der Filmemacher eine Art Poetik für einen Künstler der heutigen Zeit, eines Menschen, der nicht alleine der Kunst, sondern letztlich der Welt verpflichtet ist und seine oder ihre Kunst in deren Dienst stellt. Diese Ideale, nach denen Tarkowsky lebte und arbeitete, brachten ihn mehr als einmal in Konflikt mit dem sowjetischen Staatsapparat, dessen Zensoren seine Filme wie Der Spiegel, Stalker oder Nostalghia entweder schlichtweg nicht verstanden oder nicht im Dienste ihrer Ideologie sahen.

Jedoch haben seine Filme jene Ideologie, mit der sie bisweilen in Konflikt kamen, lange hinter sich gelassen und gelten als zeitlose Kunstwerke. Bis heute immer wieder diskutiert und interpretiert sind sie ein Quell der Inspiration für viele Künstler, Philosophen wie auch Wissenschaftler. Nicht zuletzt wegen Tarkowskys Gedanken und Aussagen zur Filmkunst, zur Verantwortung des Künstlers und zu Themen wie Zeit, Erinnerung und Geschichte in seinen Filmen verdankt sein Werk seinen Status als hohe Kunst, die schon Zentrum mehrerer Dokumentationen war. In Andrey Tarkovsky. A Cinema Prayer, der auf dem diesjährigen Filmfest Braunschweig zu sehen ist, versucht sich dessen Sohn Andrey A. Tarkovsky an der Biografie seines Vaters, am Leben eines Mannes, der mindestens ebenso vielschichtig war wie seine Kunst, die bis heute noch Zuschauer wie Kritiker begeistert.

Poesie und Freiheit
Auch wenn die Dokumentation Tarkovskys einer gewissen Chronologie folgt, so dominiert vor allem die seinem Vater so wichtige Poesie der Bilder das Narrativ wie auch die Form. Mithilfe von Filmausschnitten sowie einer ganzen Reihe von Archivmaterial, welches zum Teil das erste Mal zu sehen ist, ergibt sich das Bild eines Menschen, für den die Kunst das absolute Ideal war, der sich als Künstler keinesfalls als eine Art Epigone sah, sondern in der Verantwortung der Welt gegenüber, in deren Dienst er seine Kunst stellte. Findet sich auch die eine Wahrheit nicht in den Bildern wieder, so treibt der Glaube an etwas Höheres ihn an, was den Reichtum der Werke Tarkovskys treffend beschreibt.

Das Biografische, besonders in einem Film wie Der Spiegel, wird zu einer Reise in die Welt. Es ist nicht nur seine Vergangenheit, an der Tarkovsky gelegen ist, sondern die seiner Zuschauer, die mit ihm in jenen Spiegel schauen und am Ende sich selbst erkennen in der Abfolge all jener Bilder, die man vielleicht nicht im einzelnen zu entschlüsseln vermag, deren Wahrheit aber so verständlich ist, dass sie jeder erklären oder „erfühlen“ kann. Aus diesem Verständnis folgt eine Freiheit, die Tarkovsky als absolut versteht, die aber im Dienste von etwas Höherem steht, wie es bei jedem großen Künstler der Fall war und immer sein wird. Es sei denn, die Künstler sterben aus, was einem globalen Sinnverlust gleichkommt.

Credits

OT: „Andrey Tarkovsky. A Cinema Prayer“
Land: Italien, Russland, Schweden
Jahr: 2019
Regie: Andrej Tarkowskij
Kamera: Alexey Naidenov

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Andrey Tarkovsky. A Cinema Prayer
„Andrey Tarkovsky. A Cinema Prayer“ ist eine filmische Wiederbegegnung mit dem großen Andrey Tarkovsky, seinen Bildern und seinen Gedanken zu Kunst und zur Figur des Künstlers, die heute aktueller denn je sind. Andrey A. Tarkovsky gelingt ein vielschichtiges Porträt des eigenen Vaters und dessen Werk, welches noch einmal unterstreicht, welche Relevanz und Gedankenvielfalt in dessen Filmen und Aufsätzen steckt.
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