Kritik

Wie wir uns fanden Claire Andrieux

„Wie wir uns fanden“ // Deutschland-Start: 9. Oktober 2020 (Arte)

So richtig aufregend ist das Leben von Claire Andrieux (Jeanne Rosa) ja nicht. Seit Jahren schlägt sich die Immobilienmaklerin Anfang 40 damit herum, anderen Häuser in der kleinen bretonischen Stadt Pleubian zu zeigen, mal mit Erfolg, mal mit weniger. Wenn sie aber nicht gerade dabei ist, sich über ihren Mitarbeiter Gwendal Lequéré (Michel Vuillermoz) zu ärgern, geschieht nicht wirklich etwas Aufregendes. Bis sie Bruno (Thomas Vandenberghe) begegnet. Der ist beruflich nach Pleubian gekommen, um für den geplanten Dreh einer Horrorserie ein Haus mit Meerblick zu finden. Die Suche danach gestaltet sich jedoch etwas schwierig, weshalb die beiden viel Zeit miteinander verbringen und sich nach und nach näherkommen …

Dass große Blockbuster gemolken werden, indem diverse Fortsetzungen, Prequels oder Spin-offs gedreht werden, das ist bekannt. Dann und wann kommt es aber auch bei kleineren, eher unscheinbaren Werken dazu, dass die Filmemacher ihre Geschichten gern noch etwas über den Abspann hinaus fortspinnen wollen. Olivier Jahan schien es zumindest so zu gehen. Wer den vorangegangenen Film des französischen Regisseurs und Autors gesehen hat, das leise Drama Die Schlösser aus Sand, der wird die Figur Claire Andrieux schon kennen. Damals führte sie potenzielle Käufer durch das Haus eines früheren Paares und brachte damit regelmäßig die Gefühlswelt durcheinander.

Am Anfang stand das Chaos
In Wie wir uns fanden übt sie noch immer diesen Beruf aus. Doch dieses Mal ist es ihre eigene Gefühlswelt, die plötzlich ins Wanken gerät, als sie vor Bruno steht. Dass da zwischen den beiden was laufen könnte, das ahnt man zwar schon früh. Allerdings spannt Jahan, der zusammen mit Diastème das Drehbuch geschrieben hat, die zwei und das Publikum ziemlich auf die Folter. Das liegt in erster Linie an Claire selbst, die schon bei der ersten Begegnung zu spät kommt und einen ziemlich chaotischen Eindruck hinterlässt. Damit ist sie nicht die einzige, Gwendal darf mit seinen Schrullen und Macken regelmäßig für humorvolle Töne sorgen.

Über weite Strecken ist Wie wir uns fanden dann auch eher im Komödienbereich angesiedelt, ähnelt einer dieser typischen RomComs, wenn zwei eindeutig füreinander bestimmte Menschen ständig über die eigenen Füße stolpern und alle nur darauf warten, dass sie endlich mal ihren Kram auf die Reihe bekommen. Und doch, mit der Hollywood-Variante hat das hier nicht so wahnsinnig viel zu tun. Zum einen ist das Quasi-Paar älter, als wir es von dort gewohnt sind. Sie sehen auch nicht so aus, als wären sie aus einem Versandhandel-Katalog gestiegen. Vielmehr sind Claire und Bruno so normal, dass man sich – den Hang zum Skurrilen etwas beiseitegelassen – ganz gut in der Geschichte wiederfinden kann.

Ein plötzlicher Abgrund
Später wird diese Alltäglichkeit jedoch etwas aufgegeben. Anders als bei vielen anderen Liebesgeschichten, wo Missverständnisse oder blöde Zufälle ein Voranschreiten verhindern, da sind die Störungen hier gravierender. Das anfangs so beschwingte Wie wir uns fanden nimmt etwas unerwartet düstere Formen an, wird zu einem Drama um Selbsterkenntnis, Verdrängung und Aufarbeitung. Ein bisschen irritierend ist das schon, zumal das alles sehr plötzlich kommt. Und doch wirkt es auf seine Weise stimmig, da auch die Betroffenen überrascht sind. In anderen Filmen wird so etwas gern ganz groß in Szene gesetzt, mit schwerer Musik und dem Gefühl, dass die komplette Welt angehalten hat. Hier ist es eher ein leises Verstehen, ein Bewusstwerden von etwas, das schon immer da war.

Das muss dann nicht unbedingt jedem gefallen. Den einen wird es zu wenig sein, was aus dem potenziellen Melodram herausgeholt wird. Anderen wird es vielleicht hingegen zu viel sein, wenn sie eigentlich nur gefällige Abendunterhaltung suchten. Aber es ist doch ein sehenswerter Film, in mehr als einer Weise bewegend und getragen von einer starken Leistung von Jeanne Rosa. Die TV-Produktion muntert dazu auf, sich allem zu stellen, auch dem Hässlichen. Sie macht Mut, dass am Ende alles gut gehen kann, ohne sich dabei gleich in Kitsch und rosarote Idealisierungen zu stürzen. So wie bei Brunos Motivsuche ein idyllisches Haus mit Meerblick zum Schauplatz einer Horrorgeschichte werden soll, da zeigt der Film auch das Leben als eine Kombination aus dem Schönen und den Schrecklichen.

Credits

OT: „Claire Andrieux“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Olivier Jahan
Drehbuch: Olivier Jahan, Diastème
Musik: Alex Beaupain
Kamera: Rémy Chevrin
Besetzung: Jeanne Rosa, Thomas Vandenberghe, Emma de Caunes, Yannick Renier, Michel Vuillermoz, Christine Brücher

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Wie wir uns fanden
In „Wie wir uns fanden“ lernt eine chaotische Immobilienmaklerin einen Mann kennen, kommt ihm näher, was aber irgendwie nicht so recht funktioniert. Der TV-Film beginnt dabei als leicht skurrile Komödie, bevor die Geschichte immer ernster wird. Das wird nicht jedem gefallen, ist aber doch ein sehenswerter Titel über Verdrängung sowie Aufmunterung, sich dem Leben zu stellen – in seinen schönen wie hässlichen Facetten.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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