Kritik

Sign o the Times Prince

„Sign o’ the Times“ // Deutschland-Start: 17. März 1988 (Kino) // 25. September 2020 (Blu-ray)

Prince war einer dieser Künstler, die einfach nicht aufhören konnten, kreativ zu sein. Da wurde gerne nächtelang durchgearbeitet und wenn einen die Muse küsste, dann wurde alles stehen und liegen gelassen, um im Studio einzufangen, was gerade durch den Kopf des Genies geisterte. Natürlich musste man da auch als Bandmitglied am Start sein (sehr schön im Bonusmaterial von seinen ehemaligen Bandmitgliedern auf den Punkt gebracht). Der Lohn war, Musikgeschichte zu schreiben und in die Popkultur einzugehen. Allein in den 80ern wurde jedes Jahr ein neues Studioalbum veröffentlicht. Damit nicht genug, war Prince mit seinen jeweiligen Bands ständig auf Tour, was sich in mehreren Videoveröffentlichungen niederschlug. Kurz gesagt: In den 80ern war es nahezu unmöglich, an Prince oder seiner Musik vorbeizukommen.

Alles nicht so leicht
1987 sollte Prince eigentlich nach der Europatour zu Sign o’ the Times in den USA weiter touren, worauf er aber nicht wirklich Lust hatte. Er wollte viel lieber neue Ideen sortieren und neues Material aufnehmen. Quasi als Wiedergutmachung für seine Plattenfirma und die amerikanischen Fans ließ er die letzten Konzerte der Europatour in Rotterdam und Antwerpen mitfilmen. Doch beim Abmischen der Aufnahmen stellte man fest, dass die Aufnahmen den Ansprüchen nicht genügten. Prince trommelte seine Band für Neuaufnahmen zusammen. Fast die komplette Bläsersektion und das gesamte Schlagzeugspiel wurden so neu aufgenommen. Und auch das Bildmaterial war laut Tonmeisterin Susan Rogers nicht zu gebrauchen. Was tut man da als Weltstar? Prince ließ in seinem berühmten Paisley Park Studio ein komplettes Konzert der Tour inklusive Statisten nachstellen und seine Band zu den fertigen Tonaufnahmen synchron performen. Gut 80% des Films wurden so in Paisley Park neu gefilmt.

Die Songauswahl auf Sign o’ the Times konzentriert sich auf den gleichnamigen Millionenseller. Einzig Little Red Corvette und und das Charlie Parker-Cover Now’s the Time sind Ausreißer. Zusätzlich zur Performance der Songs gibt es eine kleine Spielhandlung mit Prince selbst, der Tänzerin Cat Glover und dem Tänzer Greg Brooks. Diese ziemlich kitschige Rahmenhandlung erzählt von einer dramatisch-pathetischen Dreiecksbeziehung und ist nicht wirklich zwingend. Und seien wir ehrlich: Sie tut dem Film nicht gut und nur unverbesserliche Die-hard-Fans werden sie ohne Grinsen anschauen.

Als der Film im August 87 endlich fertig war, weigerte sich Prince’ damalige Plattenfirma, den Film vor dem nächsten Sommer herauszubringen. Auf eigene Faust suchte sich der Meister einen Filmverleih und drückte den Film noch im November in die Kinos, wo er zwar gut lief, jedoch weit von einem echten Erfolg entfernt war.

Eines Konzertfilms würdig
Die technische Seite dieser Veröffentlichung ist dem Inhalt ebenbürtig. Die Farben sind knackig und satt. Dazu eine Schärfe, die kein Vergleich zur ursprünglichen Videoveröffentlichung ist. Hier hat man sich sichtbar Mühe gegeben, dem Zuschauer das bestmögliche Bild zu präsentieren. Das dabei immer wieder eine feine Grobkörnigkeit auffällt, liegt am ursprünglichen Filmmaterial und schmälert den Filmgenuss keineswegs. Eher ist es im Vergleich zu all den perfekten und digitalen Aufnahmen aktueller Veröffentlichungen eine Wohltat, solch ein warmes Bild zu sehen. Auch die Helligkeit ist fein abgestimmt und kein Vergleich zu dem dunklen Brei der Veröffentlichungen manch anderer Konzertfilme (auf diesen Punkt wird in der beigefügten Doku auch noch einmal eingegangen). Der Sound ist an Qualität kaum zu toppen. Sauber tönt es aus den Lautsprechern, die leichte ‚Matschigkeit‘ manch anderer Live-Veröffentlichung, ist nicht vorhanden.

Was die vorliegende Edition neben der tollen Aufbereitung des Films zudem auszeichnet, ist eine sehr gute Dokumentation über die Entstehung des Films. Hier gehen Interviewpartner wie die Bandmitglieder Dr. Fink (Keyboards) und Levi Seascer Jr. (Bass), Tonmeisterin Susan Rogers und Cutter Steve Purcell auf Details ein und plaudern, selig in Erinnerungen kramend, aus dem Nähkästchen. Da wird berichtet, wie schwer es war, die ganze Show so mühelos aussehen zu lassen, oder welch technischer Aufwand betrieben wurde, um innerhalb weniger Stunden den kompletten Aufnahmeapperat an den Start zu bekommen. Hier geht es nicht nur um Sign o’ the Times, sondern auch Prince’ Manierismen, sein Arbeitsethos und die generelle Arbeit mit ihm. Besonders schön ist es, Produktionsdesigner Leroy Bennett zuzuhören, der sich noch immer darüber amüsiert, wie ihn Prince versucht hat, live aus der Fassung zu bringen und pausenlos forderte. Leider werden die Interviewsequenzen hauptsächlich durch Filmausschnitte unterfüttert. Ganz selten wird mal ein privates Foto gezeigt, Making-of-Aufnahmen fehlen völlig.

Sign o’ the Times ist ein starkes, teils deftig-schlüpfriges Rock Musical, das neben der exzellent dargebotenen Musik auch immer mal wieder ob seiner dicken 80er Patina zum Schmunzeln anregt. Wer dem – gerade in der Rahmenhandlung – gebotenen Kitsch nicht abgeneigt ist oder ihn einfach als Zeitgeist akzeptieren kann, wird mit Sign o’ the Times riesigen Spaß haben.

Credits

OT: „Sign o’ the Times“
Land: USA
Jahr: 1987
Regie: Prince, Albert Magnoli
Musik: Prince
Kamera: Peter Sinclair

Bilder

Trailer

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Sign o’ the Times
3.91 (78.26%) 23 Artikel bewerten

Sign o’ the Times
Das, was "Sign o’ the Times" – und jeden guten Konzertfilm – auszeichnet, ist, dass man danach wieder Lust auf die Alben des Künstlers hat. Vorliegender Film schafft das ohne Zweifel.
0ohne wertung

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