Kritik

Die Schatzinsel 1972 Treasure Island

„Die Schatzinsel“ // Deutschland-Start: 26. Dezember 1972 (Kino) // 30. Oktober 2020 (DVD)

In einem kleinen Gasthaus nahe der Küste träumt der junge Jim Hawkins (Kim Burfield) von großen Abenteuern auf hoher See, von Entdeckungen und fernen Kontinenten. Gerne hört er deswegen den Geschichten zu, wie denen des kauzigen Billy Bones (Lionel Stander), der seit geraumer Zeit ein Zimmer im Haus seiner Familie bezieht und in bierseliger Laune immer wieder von seinen vielen Reisen berichtet. Eines Tages treffen jedoch alte Bekannte von Bones ein, ein Mann namens Pew sowie ein geheimnisvoller Blinder, die von Bones eine Karte einfordern, welche er vorher Jim gegeben hat. Nachdem schließlich einige Soldaten die finsteren Gestalten vertrieben haben, findet Jim in Anwesenheit des Landarztes Dr. Livesey (Ángel del Pozo) und des Gutsherren Trelawney (Walter Slezak) heraus, dass es sich um eine Schatzkarte handelt, sodass schon bald eine Expedition unter dem Kommando von Kapitän Smollett (Rik Battaglia) von Bristol aus in See sticht. Jedoch ist der Kapitän alles andere als zufrieden mit der Mannschaft, die man ihm ausgesucht hat, vor allem mit dem Schiffskoch Long John Silver (Orson Welles), der zwar Jim mit seinen Seemannsgeschichten begeistert, aber scheinbar hinter dem Rücken des Kapitäns gegen diesen integriert.

Gier und Täuschung
Bereits seit den 1930ern war Orson Welles besessen von der Idee, einen Film über Falstaff zu drehen, einen Charakter, der in vielen Stücken William Shakespeares wie Heinrich IV., Die lustigen Weiber von Windsor und Richard II. vorkommt. Jedoch fand sich kein Produzent, der Welles Geld geben wollte für ein solches Projekt, sodass Welles gleichzeitig ein Skript für eine Adaption von Robert Louis Stevensons Die Schatzinsel schrieb und beide Projekte den Produzenten anbot. Jedoch war Welles mit der Wahl des ersten Regisseurs nicht zufrieden, der sein Drehbuch ignorierte und verfolgte Die Schatzinsel erst Anfang der 70er Jahre weiter, dieses Mal aber nur als Darsteller, mit eher verhaltenem Kritikerecho.

Wie alle großen Erzählungen der Literatur verfolgt auch Stevensons Vorlage ein zeitloses Thema, nämlich das der menschlichen Gier und des Verrats. Speziell in der Rolle des Long John Silver zeigt ein Mime wie Welles sein Talent für einen solchen Akt der Täuschung, der nicht nur Jim Hawkins überrascht, sondern zudem den Zuschauer an die Gutmütigkeit und Harmlosigkeit des alten Seebären glauben lässt. Aus der Perspektive Jim Hawkins’ erzählt wird Die Schatzinsel auch zu einer Geschichte einer Entzauberung eines Menschen, der nicht nur von einem Menschen hintergangen wird, sondern zudem auch noch konfrontiert wird, wie Gier Menschen verändert und sie Unbeschreibliches begehen lässt. Besonders gelungen, sowohl schauspielerisch wie auch technisch, ist jener Moment, wenn er Silver bei einem solchen Verbrechen, dem Mord an einem Mann, der ihm nicht folgen will, zusieht, was die Fantasie von großen Abenteurern ein für alle Mal zerstört.

Das Versprechen der Ferne
Der Aspekt der Entzauberung findet besonders bei Stevenson noch eine andere Dimension, zeigt sie die Wahrheit hinter einer auf Expansion und Profit ausgelegten Entdeckung der Welt. In dieser alles in allem recht routinierten Inszenierung deutet sich dies an durch die Verwandlung Silvers sowie die ernüchternde Sicht des erwachsenen Jim Hawkins, welcher der Erzähler der Geschichte ist. Das Finden des Schatzes wird fast zu einem Nebenschauplatz, wird auf der anderen Seite dem idealistischen, unschuldigen Jim doch die Illusion genommen, die sich in den Geschichten von Abenteuern und Entdeckern niederschlug.

Trotz der recht spannenden Schlussmomente weiß diese Adaption mit der thematischen Vielfalt der Vorlage wenig anzufangen, was vielleicht auch erklärt, warum Welles zumindest in Bezug auf seine Funktion als Drehbuchautor wenig mit dem Endergebnis zu tun haben wollte und darauf bestand, als Mitautor nicht genannt zu werden.

Credits

OT: „Treasure Island“
Land: Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, UK
Jahr: 1972
Regie: Andrea Bianchi, John Hough, Antonio Margheriti
Drehbuch: Hubert Frank, Wolk Mankowitz, Orson Welles, Gérard Vergez, Antonio Margheriti
Vorlage: Robert Louis Stevenson
Musik: Natal Massara
Kamera: Cecilio Paniagua
Besetzung: Kim Burfield, Orson Welles, Walter Slezak, Ángel del Pozo, Rik Battaglia, Lionel Stander, Maria Rohm

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Die Schatzinsel (1972)
„Die Schatzinsel“ von 1972 ist eine routinierte Adaption von Robert Louis Stevensons Roman. Immer wieder gibt es Aspekte, die wirklich spannend umgesetzt sind, sowie die Darstellung Orson Welles als Long John Silver, welche diese Verfilmung über den Durchschnitt heben, doch insgesamt ist das etwas wenig.
5von 10

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