Kritik

Savage State L'état sauvage

„Savage State“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Auch wenn der amerikanische Bürgerkrieg im vollen Gange ist und Tag für Tag Opfer fordert, ist Edmond (Bruno Todeschini) der festen Überzeugung, dass seine Familie sicher ist. Schließlich haben die Franzosen sich für neutral erklärt und halten sich damit aus den inneren Angelegenheiten heraus. Dass dies reine Theorie ist, die Praxis ganz anders aussieht, das wird ihm schmerzlich bewusst, als eines Tages Soldaten auftauchen und die Gäste eines harmlosen Festes terrorisieren. Und so beschließt er, gemeinsam mit seiner Frau Madeleine (Constance Dollé), den drei Töchtern Esther (Alice Isaaz), Justine (Déborah François) und Abigaëlle (Maryne Bertieaux) sowie der Bediensteten Layla (Armelle Abibou) das Land zu verlassen und ein Schiff nach Paris zu nehmen. Der frühere Söldner Victor (Kevin Janssens) soll ihnen dabei helfen. Doch als wäre die Reise durch die Wildnis nicht schon schwierig genug, ist ihnen bald auch Bettie (Kate Moran) auf den Fersen, die eine gemeinsame Vergangenheit mit Victor hat …

Das französische Kino ist für viele Genres bekannt, von romantischen Komödien über schwere Sozialdramen bis zu knallharten Horrorfilmen. Western jedoch, die verbindet man mit dem Land eher nicht. Selbst in den 60ern, als Europa das wohl amerikanischste aller Filmgenres kaperte und in eine andere Richtung weiter entwickelte, hielt sich die Grande Nation eher zurück. Allein deshalb schon durfte man neugierig sein, wie der französische Regisseur und Drehbuchautor David Perrault die Sache angehen würde, ob er einen eigenen Zugang zu diesen Filmen finden würde, welche schon oftmals tot gesagt wurden, die aber irgendwie immer noch erscheinen. Und tatsächlich, Savage State ist etwas anders als das, was wir aus diesem Bereich gewohnt sind.

Gefangen im Nirgendwo
Das fängt schon bei den Figuren an. Französische Kolonisten während des Bürgerkrieges, als der Norden und der Süden sich erbitterte Kämpfe um die weitere Ausrichtung des Landes lieferten, das ist ein nicht gerade oft angesprochenes Thema. Während es natürlich nicht zu wenige Werke über diesen Abschnitt der US-Geschichte gibt, so sind die – je nach Perspektive – von Nostalgie oder Triumph geprägt. Savage State hingegen stellt Menschen in den Mittelpunkt, denen der Krieg mehr oder weniger egal ist. Sie stehen abseits vom Geschehen, haben es sich den feinen Kreisen so gemütlich gemacht, dass sie mit dem Dreck und dem Blut und der Gewalt nichts zu haben wollen. Bis der Krieg sich doch noch gewaltsam Zugang verschafft und den größtmöglichen Kontrast zwischen der entrückten Noblesse und den Soldaten aufbaut.

Perrault interessiert sich dabei jedoch nicht so wahnsinnig für diese Zeit, zumindest nicht genug, um ihr ein reales Porträt und einen ganzen Film zu widmen. Stattdessen ist der Aspekt nur eine – wenn auch sehr lange – Einleitung für den Hauptteil, wenn die Familie durch die Wildnis reist und dabei von finsteren Menschen verfolgt wird. Dieser Part entspricht schon deutlich mehr dem üblichen Western. Es gibt Pferde und Gewehre, raue Natur und Verfolgungsjagden, dazu anderweitige brenzlige Situationen. Aber selbst wenn sich Savage State auf diese deutlich bekannteren Gefilde begibt und die Ausgangssituation frühzeitig aufgibt, bleibt doch noch genug Eigenes, um sich den Film einmal anschauen zu können.

Frauen an die Front
Der offensichtlichste ist natürlich der, dass Savage State eine deutlich feministische Prägung hat. Zwar bestimmt der Patriarch, dass es Zeit ist, das Land zu verlassen, ein anderer Mann soll ihm dabei helfen. Doch im Mittelpunkt stehen die Frauen, stehen die Verhältnisse untereinander, ihre Geschichten und Träume. Anders als zumindest früher beim Western üblich, sind diese nicht allein hübsch zurecht gemacht Damsels in Distress. Gerade Esther zeigt immer wieder, dass sie sich nicht den männlichen Erwartungen unterzuordnen gedenkt, mit Schusswaffen umgehen kann und sich auch schon mal alternative Wege über Abgründe sucht – wortwörtlich. Aber auch auf der Gegenseite gibt es eine starke Frau, Bettie, welche eine Horde vermummter Männer anführt. Männer sind in dem Film dann auch keine Helden, sondern der Ursprung von Leid.

Der zweite wichtige Punkt ist, dass der häufige Festivalgast – etwa beim Filmfest Oldenburg 2020 – eine sehr traumartige Atmosphäre hat. Gerade weil Perrault vieles nicht ganz ausformuliert und lieber mit Bildern arbeitet statt mit Worten, hat man das Gefühl, dass alles in der Schwebe ist. Teilweise ist es sogar regelrecht surreal, was hier geschieht, wenn die Feinde einem Horrorfilm ähnlich nur mit Säcken über dem Kopf durch die Gegend laufen, später inmitten des Feuers herumspazieren, als würden wir uns mitten in einem Action-C-Movie befinden. Man sollte deshalb Savage State nicht angehen in der Erwartung, tatsächlich etwas über die damalige Zeit zu erfahren oder eine realistische Geschichte zu sehen. Man erfährt auch über die Figuren nicht so viel, wird auf Distanz gehalten. Stattdessen ist der Western ein ruhiger Film, der Geduld und Mut zur Lücke einfordert, einem ganz eigenen Tempo folgend, lieber zwischendurch mal den Blick über die majestätische Landschaft gleiten lässt.

Credits

OT: „L’État sauvage“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: David Perrault
Drehbuch: David Perrault
Musik: Sébastien Perrault
Kamera: Christophe Duchange
Besetzung: Alice Isaaz, Kevin Janssens, Déborah François, Bruno Todeschini, Constance Dollé, Armelle Abibou, Maryne Bertieaux, Kate Moran, Pierre-Yves Cardinal

Bilder

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Savage State
4.25 (85%) 4 Artikel bewerten

Savage State
In „Savage State“ beschließt eine französische Familie, während des amerikanischen Bürgerkriegs das Land zu verlassen und zurück in die Heimat zu fahren. Der Film beginnt als Einblick in eine interessantes Thema, wandelt sich dann aber in einen ruhig erzählten Western, der vor allem durch seine feministische Prägung und die traumartige Atmosphäre auffällt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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