Kritik

Kin dza dza

„Kin-dza-dza!“ // Deutschland-Start: 10. September 2020 (Kino)

Eigentlich wollte Vladimir Mashkov (Stanislav Lyubshin) ja nur los, um noch schnell Besorgungen für die Familie zu machen. Doch dann wird der Vorarbeiter in ein Gespräch mit dem georgischen Geigenspieler Gedevan Alexandrovich Alexidze (Levan Gabriadze) und einem fremden Mann (Anatoli Serenko) verwickelt, der in einem abgetragenen Mantel und ohne Schuhe durch Moskau läuft. Sein Ziel: zurück auf seinen Planeten kommen. Ungläubig lässt sich Vladimir auf die Geschichte des Fremden ein und drückt den Knopf einer kleinen Vorrichtung, die dieser mit sich herumträgt. Eine Tat, die er schon bald bereuen soll, als er und Gedevan sich plötzlich in einer Wüste wiederfinden, in der irgendwie nichts so funktioniert, wie sie es gewohnt sind …

Zuletzt schafften es auffallend viele russische Science-Fiction-Filme zu uns. Die sind visuell teilweise sehr interessant, wie etwa in dem Fall Coma über eine surreale Welt, die sich im Bewusstsein von Bewusstlosen aufbaut. Doch gleich ob nun in Attraction eine Alien-Invasion ansteht oder in Sputnik ein besitzergreifendes Monster im Mittelpunkt steht, die jeweiligen Filmemacher orientierten sich schon sehr an dem, was so aus dem Westen kommt. Das Motto: Was ihr könnt, das können wir auch! Nur mit weniger Geld. Da trifft es sich doch gut, dass inmitten der schicken Gleichförmigkeit mit Kin-dza-dza! ein Film in unsere Kinos kommt, der aufzeigt, wie experimentell und originell das Genre in der Sowjetunion sein konnte.

Das heilige Feuer
Genauer war es der in Georgien geborene russische Regisseur und Co-Autor Georgiy Daneliya, der 1986 eine ganz eigene Vision des Genres kreierte. Wobei Teile von Kin-dza-dza! natürlich schon an andere Vertreter erinnern. So dürften die meisten bei dem Wüstensetting, das vollgemüllt ist mit rostigen Maschinen, an den Endzeit-Klassiker Mad Max denken. In beiden Fällen müssen die Figuren zudem darben, da die Vorräte knapp geworden sind. Doch schon die Wahl des wertvollsten Gutes im Film zeigt an, dass die sowjetische Produktion einen etwas anderen Weg einschlägt: Streichhölzer. Warum ausgerechnet diese Objekte einen so hohen Wert haben, das wird nicht wirklich klar. Aber für die beiden gestrandeten Erdlinge muss das auch nicht sein, solange sie diese gegen Wasser oder eine Fahrt nach Hause eintauschen können.

Der gesamte Film besteht dann auch mehr oder weniger in dem Versuch der zwei, wieder in die Heimat zu kommen – was nicht ganz einfach ist, da es gerade zu Beginn zu gewissen Verständigungsschwierigkeiten mit der einheimischen Bevölkerung kommt, die nur wenige Wörter zu kennen scheint. Da dürfen nicht nur die Gesprächspartner ein bisschen verwundert schauen und schnell Frust schieben: Auch als Zuschauer wird man auf eine harte Probe gestellt. Die skurrilen Rituale, die gepflegt werden, die Nonsens-Dialoge, all das kann schon mal ein bisschen an den Nerven zerren. Umso mehr, da sich Kin-dza-dza! gerne im Kreis dreht und Einfälle wiederholt werden, was die mehr als zwei Stunden schon sehr lang werden lassen kann.

Satirisches Porträt einer Gesellschaft
Das bedeutet jedoch nicht, dass Daneliya einfallslos wäre und nichts zu sagen hätte. Immer wieder nutzt er die skurrilen Bewohner des fernen Planeten, um sich über die Menschen und ihr Verhalten lustig zu machen. Vom respektlosen Umgang mit der Natur über das Beharren auf zwecklosen Statussymbolen über die sklavische Einhaltung von Regeln, die keiner versteht, bis zu den Ausführungen der verschiedenen Schichten: Kin-dza-dza! ist das satirische Porträt einer Gesellschaft, in der nichts mehr Sinn ergibt – was den Einwohnern entweder nicht mehr auffällt oder ihnen egal ist. Oder sind es doch wir, die Außenstehenden, die versuchen, eigene Werte und Erwartungen zu etablieren, die am Ende ahnungslos sind?

Richtige Antworten liefert die Science-Fiction-Komödie, die in der Sowjetunion Kultstatus errang, dabei nicht. Kin-dza-dza! ist einer der Filme, die durch die logischen Leerstellen dem Publikum ein bedeutendes Maß an Deutungshoheit zugesteht. Anders gesagt: Hier darf sehr viel hineininterpretiert werden, um aus dem Quatsch doch noch irgendwo Weisheit zu destillieren. Ein wirkliches Muss ist das aber nicht. Wer einen absurden Nonsens-Humor mag, der kann sich hier auch einfach amüsieren. Alternativ locken tolle Bilder aus der Wüste, die zusammen mit den Überbleibseln der (Nicht-)Zivilisation selbst dann eine Sichtung sinnvoll machen, wenn der Film keinen klar erkennbaren Sinn ergibt. Oder um es in der Sprache der Einheimischen auf den Punkt zu bringen: „Ku“.

Credits

OT: „Kin-dza-dza“
Land: Sowjetunion
Jahr: 1986
Regie: Georgiy Daneliya
Drehbuch: Georgiy Daneliya, Revaz Gabriadze
Musik: Gia Kancheli
Kamera: Pavel Lebeshev
Besetzung: Stanislav Lyubshin, Yevgeni Leonov, Yury Yakovlev, Levan Gabriadze

Bilder

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Kin-dza-dza!
4.07 (81.33%) 15 Artikel bewerten

Kin-dza-dza!
„Kin-dza-dza!“ kombiniert eine atmosphärische Endzeit-Optik mit einem satirischen Nonsens-Humor zu einem Science-Fiction-Abenteuer, wie man es wohl kein zweites Mal zu sehen bekommt. Das muss nicht jedem gefallen, zumal der Film schon sehr ausufert, ohne die Geschichte voranzubringen. Wer aber schräg-absurde Werke mag, der sollte zumindest probehalber einen Abstecher in eine Welt wagen, die nicht viel Sinn ergibt und doch nicht ohne Inhalt ist.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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