Kritik

Happy Old Year How to ting ting yang rai mai hai leua ter

„Happy New Year“ // Kinostart: 4. Oktober 2020 (Netflix)

Seit einem Auslandsaufenthalt in Schweden ist Jean (Chutimon Chuengcharoensukying) von minimalistischer Architektur fasziniert. Mittlerweile lebt die junge Innenarchitektin wieder mit ihrem Bruder Jay (Thirawat Ngosawang) und ihrer Mutter (Apasiri Chantrasmi) in einem Apartment in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Jeans Bruder verkauft online Kleidung und benutzt dafür sein Zimmer als Lager, während ihre Mutter die meiste Zeit des Tages damit verbringt, an der Karaokemaschine immerzu das gleiche Lied zu singen. Obwohl Jeans Vater schon lange nicht mehr bei der Familie wohnt, ist die Präsenz des ehemaligen Musikschullehrers in der Wohnung in Form von verschiedensten Gegenständen noch immer allgegenwärtig. Um eine neue Seite in der Geschichte der Familie aufzuschlagen, aber auch um sich als minimalistische Innenarchitektin in Thailand einen Namen zu verschaffen, schmiedet sie gemeinsam mit einer Freundin einen Plan. Sie will dem Familienapartment einem minimalistischen Umsytling unterziehen. Was zunächst wie ein befreiender Akt scheint, zeigt schnell seine Kehrseiten.

Die Kunst des Wegwerfens
Does it spark joy? Löst der Gegenstand Freude aus? Nein? Dann wirf ihn weg. Das Mantra von Chefaufräumerin Marie Kondo nimmt sich Nawapol Thamrongrattanarit zum Aufhänger für seinen neuesten Film Happy Old Year. Kondo, der Star der nach ihr benannten Netflix-Serie Aufräumen mit Marie Kondo, erreichte Anfang letzten Jahres Internetmemeberühmtheit. Soweit, dass Urban Dictionary frei nach ihrem Nachnamen „to kondo“ als ein Verb führt, welches das Wegwerfen von Artikeln, die keine Freude auslösen, beschreibt. Als Jeans Bruder Jay ihr ein Video der japanischen Aufräumkünstlerin zeigt, ist Jean überzeugt. Das gesamte Apartment soll nach dem Marie Kondo-Modell entrümpelt werden. Jean ist darin ein Naturtalent: Während das Apartment noch vor kurzer mit Memorabilia aller Art geschmückt war, pflastern nun gut gefüllte schwarze Müllsäcke den Fußboden der Wohnung. Dabei scheinen Jeans Aufräumarbeiten einen weiteren Vorteil zu haben: Endlich ist sie in der Lage, lang verloren geglaubte Ausleihen aller Art zurückzugeben.

Das Wegwerfen und Zurückgeben alter Erinnerungen schafft zwar Platz in der Wohnung, reißt aber an allen möglichen Stellen alte Wunden auf. Mit jedem Gegenstand scheint eine besondere Erinnerung oder Geschichte verbunden zu sein. Jean sieht sich schnell mit unzufriedenen Freunden, nostalgischen Erinnerungen an die Studienzeit und altem, längst verarbeitet geglaubten Liebeskummer konfrontiert. Aber auch innerhalb der Familie stößt Jeans Kondo-Kurs auf alles andere als Gegenliebe. Ihre Mutter weigert sich, Erinnerungsstücken ihres Ex-Mannes und dem Vater von Jean und Jay zu entbehren. Anhand einiger alter Gegenstände werden infolgedessen die Erinnerung an eine intakte Familie mit Vater genauso wie die schmerzhafte Trennung und dem unausgesprochen Status quo verhandelt. Jeans ursprüngliches Lifestyle-Projekt hat sich in kürzester Zeit in eine komplizierte Konfrontation mit Beziehungen aus der Vergangenheit und der Gegenwart und einer Auseinandersetzung mit der Zukunft entwickelt. Führt das Entrümpeln ihres Apartments gar zu einer Entrümpelung ihrer eigenen Erinnerungen und Emotionen?

Schöne Bilder mit zu wenig Tiefgang
Der befreiende Charakter von Jeans Aufräumarbeiten wird in Happy Old Year  adäquat eingefangen. Während die Aufnahmen der vollgestellten Wohnung fast klaustrophobisch wirken, bieten Langaufnahmen der minimal eingerichteten Räume ein angenehm ruhiges Kontrastprogram. Trotz starker Bildsprache gelingt es Thamrongrattnarit allerdings nicht immer, die Tiefe der Konflikte angemessen abzubilden. Die Charaktere um Jean herum bleiben meist eindimensional und haben wenig Zeit, ihre eigene Rolle im Film zu verdeutlichen. Indem sich die Erzählung fast ausschließlich mit Jean beschäftigt, wirkt die Narration des Filmes streckenweise ebenso minimalistisch wie der Stil der Protagonistin. So wird die Trennung des Vaters von der Familie fragmenthaft anhand von Fotos, Gegenständen und wütenden Nebensätzen erzählt, während der Vater auf der Leinwand selbst nicht zu sehen ist.  Während der minimalistische Erzählstil des Films auf der einen Seite perfekt zum Leitthema passt, ist er gleichzeitig auch seine größte Schwäche. Immer wieder wünscht man sich mehr Zeit, um mehr über Jeans Verbindungen in die Leben der anderen Charaktere zu erfahren.

Trotz eines interessanten Grundgerüsts, solider Schauspielleistungen und wunderschönen Bildern verpasst Happy Old Year es, denen im aufgerissenen Konflikten genug Zeit zu widmen und diese ausführlich zu verhandeln. Dennoch garantiert Happy Old Year mit einem interessanten Einblick in das Leben einer jungen thailändischen Architektin eine gute Zeit im Kino oder auf der Couch. Auf dem Filmfest Hamburg, in dessen Rahmen Thamrongrattanarits Film seine Deuschlandpremiere feierte, ist der Regisseur kein Neuling. Happy Old Year ist bereits der dritte Film, den der thailändische Filmemacher in der Hansestadt präsentieren darf. Für seinen Film Mary is Happy, Mary is Happy wurde er 2014 mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet. Trotz einer erfolgreichen Geschichte mit dem Hamburger Filmfest bleibt Thamrongrattanarit der Durchbruch in Europa bisher verwehrt. Seit Dezember letzten Jahres tourt Happy Old Year auf verschiedenen Festivals in Asien und Europa.

Credits

OT: „How to ting ting yang rai mai hai leua ter“
Land: Thailand
Jahr: 2019
Regie: Nawapol Thamrongrattanarit
Drehbuch: Nawapol Thamrongrattanarit
Musik: Jaithep Raroengjai
Kamera: Niramon Ross
Besetzung: Chutimon Chuengcharoensukying, Sunny Suwanmethanont, Sarika Sartsilpsupa

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Happy Old Year
Was bei „Happy New Year“ als Aufräumaktion einer Wohnung beginnt, wandelt sich bald zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Das ist als Idee interessant und wunderschön bebildert, bleibt aber zu sehr an der Oberfläche, gerade bei den anderen Figuren.
6von 10

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