Kritik

Die Dirigentin

„Die Dirigentin“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (Kino)

Richtig aufregend ist der Job von Antonia Brico (Christanne de Bruijn) nicht, sie verkauft Karten in einem Konzerthaus. Dabei würde sie viel lieber selbst da oben stehen und das Orchester dirigieren. Als sie eines Tages während einer Aufführung ihrer Leidenschaft etwas zu sehr freien Lauf lässt, findet sie sich auf der Straße wieder und muss nun einen anderen Weg finden, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren – zumal es immer wieder zu Streitigkeiten mit den Eltern kommt, bei denen sie noch immer wohnt. Während sie sich am Klavier so durchschlägt, träumt sie nach wie vor davon, eine Karriere als Dirigentin einzuschlagen, was ihr von anderen jede Menge Spott einbringt. Und auch bei Frank Thomsen (Benjamin Wainwright) und dessen Familie, denen sie immer wieder über den Weg läuft, stößt sie auf Unverständnis …

Natürlich hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte einiges getan, was die Chancengleichheit der Geschlechter im Arbeitswesen betrifft. Aber noch immer gibt es da große Lücken, sei es im Hinblick auf die Bezahlung, Ansehen oder Aufstiegsmöglichkeiten. Und es gibt sie noch, die reinen Männerdomänen, in denen Frauen nur schwer Fuß fassen. Eine der weniger bekannten – und wenig plausiblen – Domänen ist die des Dirigenten. Als Gramophone, eines der weltweit bedeutendsten Magazine für klassische Musik, vor einigen Jahren eine Liste der 50 besten Dirigenten erstellte, fand sich keine einzige Frau darunter. Und auch wenn inzwischen schon die eine oder andere es in die oberen Sphären geschafft hat, es ist und bleibt eine Seltenheit, dass eine Frau einem bedeutenden Orchester vorsteht.

Die Frau, die zweite Geige
Mit dieser doch recht ernüchternden Liste endet das Drama Die Dirigentin, welches von einer der ersten Frauen erzählt, die unbeirrt gegen diese Geschlechterhierarchie ankämpfte und dabei zumindest Achtungserfolge erlangte. Das Thema der Gleichberechtigung spielt dann auch eine große Rolle in dem Film über die in den Niederlanden geborene US-Amerikanerin. Es gibt kaum eine Szene, in der nicht in irgendeiner Form die Unterdrückung der Frau gezeigt oder angesprochen wird. Mal sind es Musiker, die gegen eine weibliche Führung protestieren, mal wird sie in der Gesellschaft ausgelacht, auch ein sexueller Übergriff darf nicht fehlen. Schließlich ist Antonia eine attraktive junge Frau, da rutschen Mann schon mal die Finger aus.

Leider neigt Die Dirigentin an diesen Stellen schon mal zum Plakativen. Wenn Antonia zum Gegenangriff übergeht, dann ist das teilweise zwar schon mit einem gewissen Unterhaltungswert verbunden, gerade auch wegen des leidenschaftlichen Auftretens von Christanne de Bruijn. Die Dialoge selbst sind aber schon recht grob gehalten, manchmal so voller Pathos, als sollte Shakespeares berühmte Zeilen aus Der Kaufmann von Venedig zitiert werden. Was dem Film fehlt, ist eine gewisse Natürlichkeit. Hier hat man das Gefühl, dass eigentlich ständig jemand auf der Bühne steht und versucht ein Publikum zu beeindrucken, selbst bei den eigentlich leiseren, intimeren Momenten wird kräftig draufgehalten. Von der erzwungenen Romanze ganz zu schweigen.

Ein Leben voller Stolpersteine
Zusammen mit der ausgedehnten Laufzeit von knapp 140 Minuten kann das schon recht ermüdend werden. Immerhin: Inhaltlich ist für Abwechslung gesorgt. Während der Kampf von Antonia, als Dirigentin wahr und ernst genommen werden, sicher der Mittelpunkt der Geschichte ist, so gibt es doch ein paar Nebenschauplätze. Einer betrifft die Biografie der Hauptfigur, die irgendwann feststellen muss, dass ihre Familie ihr nicht die Wahrheit gesagt hat. Interessant ist auch der Ausflug ins Cabaret, wo Geschlechterrollen schon in den 1920ern in Frage gestellt wurden. Durch das Herumschwirren von Frank darf zudem eine Frage gestellt werden, die auch in modernen Künstlerdramen wie Whiplash und Prélude gestellt wird: Zu welchen Opfern bin ich privat bereit, um mich künstlerisch zu verwirklichen?

Eine wirkliche Antwort darauf hat Maria Peters nicht. Die Regisseurin und Drehbuchautorin ist viel zu sehr darum bemüht, doch eine gewisse Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, selbst wenn die Realität das nicht wirklich hergibt. Außerdem ist ihrem Film die Faszination für ihre Hauptfigur anzumerken, weshalb es immer einen Hang zur Idealisierung gibt. Das ist verständlich, handelt es sich doch um eine echte Pionierin, die heute noch als Vorbild taugt. Spannend ist sie als Figur aber nicht, ebenso wenig der Film: Die Dirigentin ist eine konventionelle Aufarbeitung einer unkonventionellen Frau und wird damit den wichtigen Themen nur bedingt gerecht.

Credits

OT: „De Dirigent“
IT: „The Conductor“
Land: Niederlande
Jahr: 2018
Regie: Maria Peters
Drehbuch: Maria Peters
Musik: Quinten Schram, Bob Zimmerman
Kamera: Rolf Dekens
Besetzung: Christanne de Bruijn, Benjamin Wainwright, Richard Sammel, Scott Turner Schofield, Annet Malherbe

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Die Dirigentin
„Die Dirigentin“ erinnert an eine Frau, die sich nicht an die vorgegebene Geschlechterrolle halten wollte und damit zu einer Pionierin wurde. Der Film neigt aber dazu, sie dafür zu idealisieren, trägt zudem zu oft zu dick auf. Trotz der interessanten Themen, die angesprochen werden, reicht es daher nur fürs Mittelfeld.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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