Kritik

Mrs. 'Arris Goes to Paris Das schönste Kleid der Welt

„Das schönste Kleid der Welt“ // Deutschland-Start: 19. Juni 2020 (DVD)

So richtig glamourös ist das Leben von Ada Harris (Angela Lansbury) ja nicht, die im London der 1950er als Putzfrau arbeitet. Doch das ändert sich, als sie bei einer Arbeitgeberin ein umwerfendes Kleid von Dior sieht. Für die rüstige Dame steht sofort fest: So eins will sie auch haben, und wenn es das Letzte ist, was sie tut! Also spart sie, wo sie nur kann, um sich die Reise nach Paris leisten zu können, wo sie ein Kleid des berühmten Modedesigners kaufen möchte. Einfach wird dieses Vorhaben nicht, selbst als sie das nötige Geld zusammen hat. Während sie beispielsweise Unterstützung durch die Sales Managerin Madame Colbert (Diana Rigg) und den Marquis Hippolite (Omar Sharif) erhält, rümpfen andere die Nase angesichts der Frau aus den einfachen Verhältnissen. Vor allem Monsieur Armont (John Savident), ein Angestellter Diors, ist fest entschlossen, die Pläne der Engländerin zu durchkreuzen …

Kleider machen Leute, besagt ein altes Sprichwort. Und auch wenn daran sicher etwas dran ist, wir uns alle auf die eine oder andere Weise von Äußerlichkeiten blenden lassen, so stellt sich doch die Frage: Und woher bekommen wir diese Kleider? In seinem 1958 veröffentlichten Roman Mrs. ‚Arris Goes to Paris fand Paul Gallico darauf eine Antwort, die so erfolgreich war, dass dem Buch noch diverse weitere folgten. In allen verschlug es die ältere Engländerin mit dem guten Herzen irgendwo hin – New York, das Parlament, Moskau –, wo sie sich mit mal komischen, mal ernsten Erlebnissen auseinandersetzen muss. Das berühmteste Buch ist und bleibt jedoch der erste Auftritt von Mrs. Harris: Mehrere Male wurde es adaptiert, sowohl als Film wie auch als Musical.

Ein guter Mensch mit unsichtbaren Schönheitsfehlern
Eine davon ist ein TV-Film von 1992, der komplett auf Angela Lansbury zugeschnitten. Nicht nur, dass die durch Mord ist ihr Hobby unsterblich gewordene Schauspielerin die Hauptrolle übernommen hatte. Der Film wurde auch von ihrer Produktionsfirma produziert, Regie führte Lansburys Sohn Anthony Shaw, dessen Karriere sich auf Werke beschränkte, in denen seine Mutter mitspielte. Bei so viel Eigenanteil an dem Film ist es klar, dass an Mrs. Harris auch nicht der geringste Makel festgestellt werden darf. Sie ist freundlich, warmherzig und hilfsbereit. Dass sie dabei des Öfteren auch mal Grenzen überschreitet und sich durch wenig angebrachte Verkupplungsversuche in das Leben anderer einmischt, wird ihr nie zur Last gelegt oder überhaupt als problematisch angesehen.

Das ist jedoch nicht allein auf Auslassungen im Drehbuch zurückzuführen. Vielmehr ist es der Charme Lansburys, dem man sich kaum entziehen kann, der dazu führt, dass man ihrer Figur irgendwie alles verzeihen würde. Wie die ältere, doch reichlich naive Dame in einer Welt unterwegs ist, die sie nicht kennt, die sich nicht versteht, das ist so reizend und süß, dass der Inhalt bald zur Nebensache wird. Zumal Das schönste Kleid der Welt auch nicht vergisst zu betonen, wie sehr die Engländerin vom Leben geprüft wird. Ob es der frühe Verlust des Ehemannes ist, die harte Arbeit als Putzfrau oder die herablassende Behandlung der französischen High Society, die ihr mühselig zusammengekratztes Geld mit Verachtung begegnet: Leicht hatte sie es sicher nicht.

Der Traum vom Happy End
Das schönste Kleid der Welt ist dann in erster Linie auch ein Wohlfühlfilm, der dem Publikum aufzeigen will: Am Ende kann alles gut werden, so lange du nur hart arbeitest und ein guter Mensch ist. Also der Amerikanische Traum, nur etwas kleiner. Klar ist das idealisiert und märchenhaft, der Film schert sich nicht um Realismus. Es wurde sogar die Geschichte des Buches etwas umgeschrieben, damit das Ganze noch ein wenig traumhafter wird. Wer sich an überhöhten Happy Ends stört, der wird hier weniger glücklich. Auch mit dem gelegentlichen Kitsch sollte man keine Probleme haben, um das Drama und das Leben genießen zu können.

Aufgelockert wird das Ganze ohnehin von etwas Humor. Der besteht zu einem wesentlichen Teil aus dem Zusammenprallen zweier Welten, wenn eine einfache Putzfrau in dem versnobten Modebusiness unterwegs ist – das typische Fish out of Water Szenario. Eher unfreiwillig komisch ist, wie sich hier im Originalton ein britisches Ensemble an einem französischen Akzent versucht und regelmäßig darüber stolpert. Aber irgendwie gehört auch das zum Charme eines Films, bei dem nichts wirklich stimmt, am Ende aber alle Gewinner sind – sofern sie es verdient haben, natürlich.

Credits

OT: „Mrs. ‚Arris Goes to Paris“
Land: USA
Jahr: 1992
Regie: Anthony Shaw
Drehbuch: John Hawkesworth
Vorlage: Paul Gallico
Musik: Stanley Myers
Kamera: Laszlo George
Besetzung: Angela Lansbury, Diana Rigg, Lothaire Bluteau, John Savident, Lila Kaye, Tamara Gorski, Omar Sharif

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Das schönste Kleid der Welt
In der Buchverfilmung „Das schönste Kleid der Welt“ reist eine englische Putzfrau nach Paris, um sich ein Abendkleid von Dior zu laufen. Der Film lebt dabei von dem Kontrast zwischen Protagonistin und Umfeld sowie dem Charme Angela Lansburys, auch wenn er sich wenig um Realismus schert und zum Kitsch neigt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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