Ist das jetzt ein bloßer Zufall oder steckt da doch mehr dahinter? Und was hat es mit der toten Ratte auf sich? In Exil (Kinostart: 20. August 2020) erzählt Regisseur und Co-Autor Visar Morina die Geschichte eines aus dem Kosovo stammenden Pharmaingenieurs, der sich bei seiner Arbeit gemobbt fühlt und dahinter Rassismus vermutet, sich dabei aber nie ganz sicher ist. Wir haben den Filmemacher im Rahmen der Berlinale gesprochen, wo sein Drama Europapremiere feierte, und ihn zu dem Film, täglichen Rassismus und seine eigenen Erfahrungen befragt.

Können Sie uns ein bisschen über die Hintergrundgeschichte des Films erzählen? Wie haben Sie den Stoff entwickelt?
Ich habe den Stoff auf eine Weise entwickelt, wie ich es vorher noch nicht gemacht habe. Zu Beginn hatte ich noch keine Ahnung, wohin die Reise gehen soll. Es gab eine sehr klare Stimmung, die mir vorschwebte und die der Film haben sollte. Aber ich wusste noch nicht genau, wie ich das umsetzen wollte. Also habe ich entschieden, auf den üblichen Zwischenschritt eines Treatments zu verzichten, das man normalerweise vor dem Drehbuch schreibt, sondern bin gleich direkt zum Drehbuch übergegangen. Das Ziel war es, möglichst intuitiv zu arbeiten.

Und wie kamen Sie auf die Idee für den Inhalt allgemein?
Da gab es mehrere Faktoren, die eine Rolle gespielt haben. Der vielleicht wichtigste war die berüchtigte Silvesternacht in Köln 2015/2016. Damals hatte ich das Gefühl, dass schlagartig die mediale Stimmung umkippte und viele unter einen Generalverdacht gestellt wurden. Dass auch mühsam erarbeitete Errungenschaften im Miteinander von heute auf morgen einfach wegfielen. Ich komme ursprünglich aus dem Kosovo und bin in der Hinsicht natürlich schon geprägt. Menschen, die einmal sehr hart um ihre Zugehörigkeit kämpfen mussten, sind in solchen Situationen vermutlich schneller geneigt, sich selbst in Frage zu stellen oder auch im Verhalten anderer Rassismus zu vermuten.

Seit wann sind Sie denn in Deutschland?
Schon sehr lange, Dezember 1994.

Und wie war die Stimmung damals, als Sie nach Deutschland gekommen sind?
Das kann ich gar nicht sagen, weil ich kein Wort verstanden habe (lacht). Aber ich finde, dass es ein wunderbares Land ist mit vielen Dingen, die schützenswert sind.

Sie haben gemeint, dass Ihnen 2016 diese Form des Rassismus bewusst geworden ist. Wie viel hat sich in den letzten Jahren wirklich geändert? Wie viel gab es vorher schon, ohne dass wir uns dessen vielleicht bewusst waren?
Das ist eigentlich eine sehr interessante Frage. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, als Pegida aufkam, empfand ich das als positiv. Denn dadurch wurde klar, dass dieses Gefühl nicht nur bei irgendwelchen Idioten am Rande der Gesellschaft auftritt, sondern dass es durchaus auch die Mitte der Gesellschaft betrifft. Damit wurde dann etwas nach außen hin offenbar, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Das war zumindest meine Hoffnung damals. Dass das aber ein solches Ausmaß annimmt, hätte ich nicht gedacht. Das Land hat sich krass verändert in den letzten Jahren, Leute wie Gauland sind Schreckensfiguren für mich.

An einer Stelle im Film wird die Frage aufgeworfen, wie verlogen Deutschland ist. Wie würde Ihre eigene Antwort lauten?
Das kommt darauf an, wo und in welchem Bereich man sich bewegt. Deutschland verstehe ich hier auch nur als Vertreter des Westens, der allgemein von einer ziemlichen Überheblichkeit geprägt ist. Das zeigt allein schon, dass er sich selbst als die erste Welt wahrnimmt und den Rest als zweite oder dritte Welt. In diesem Westen schickt es sich nicht, öffentlich rassistisch zu sein. Es gibt aber schon teilweise wahnsinnig kreative Formen, wie sich ein solcher Rassismus durchmogeln kann.

Die Premiere von Exil war einige Tage nach den Anschlägen in Hanau. Nach solchen Ereignissen sind Interesse und Anteilnahme immer hoch, nach dem Motto: Da muss sich was ändern! Haben Sie das Gefühl, dass sich etwas ändert? Was kann man überhaupt ändern, damit etwas wie Hanau nicht passiert?
Das ist ein derart komplexes Thema, dass man es in der Kürze gar nicht richtig behandeln kann. Was sich aber beispielsweise geändert hat, das ist die Sprache. Es ist schon krass, wenn eine Partei in den Bundestag einzieht und so etwas sagt wie: „Wir werden sie jagen“. Und es ist nicht einmal ein Dummkopf, der das sagt, sondern jemand, der historisch bewandert ist und genau weiß, welche Bilder das hervorruft. Es wäre schon viel getan, wenn sich in der Hinsicht etwas ändern würde.

Ein wichtiges Thema in dem Umfeld ist das der Integration. Wer in ein fremdes Land geht, von dem wird erwartet, dass er sich integriert. Aber wie hält man Ihrer Meinung nach dabei die Balance aus einer Anpassung und der Bewahrung einer eigenen Identität?
Ich weiß ehrlich gesagt bis heute nicht, was Integration genau sein soll, oder auch, was das Fremde ist, das ich mir bewahren soll. Ich weiß aber, was es heißt, an einer Gesellschaft teilzuhaben oder ausgeschlossen zu sein. Die Menschen gleichen sich schon viel mehr an, als man gemeinhin denkt. Auch die Sehnsüchte und Wünsche. Die Frage ist vielmehr: Habe ich Zugang zu einer Gesellschaft? Werde ich ausgegrenzt?

In Ihrem Film wird immer wieder angedeutet, teilweise auch direkt gesagt, dass der Protagonist die Ausgrenzung durch andere selbst provoziert. Provoziert er diese Ausgrenzung oder ist sie vorher schon da gewesen?
Es ist relativ leicht, eine solche Unsicherheit, wie sie der Protagonist verspürt, in einem anderen zu erzeugen. Ich war einmal auf einem Festival und stand neben einem Schauspieler, als jemand uns begrüßte und zu dem Schauspieler, den er offensichtlich nicht gut kannte, sagte: „Na, wieder nüchtern?“ Der Schauspieler war völlig irritiert von der Frage. Wenn jetzt noch zwei weitere zu ihm gekommen wären und die gleiche Frage gestellt hätten, wäre er ziemlich verunsichert, selbst wenn er noch nie einen Tropfen zu sich genommen hätte. Wenn jemand dann derart verunsichert ist, wird er sein Verhalten auf die Menschen ändern, denen er später begegnet. Er wird sich komischer verhalten, was wiederum Auswirkungen auf das Verhalten der anderen hat. Eine Art Teufelskreis also. Und ich habe Exil auch immer als Film angelegt, der eine solche Verunsicherung aufzeigen soll, wenn man erst einmal in diesem Teufelskreis drin steckt und nicht mehr weiß, wie man das Verhalten anderer deuten kann.

Visar Morina

© Maria Asselin-Roy

Zur Person
Visar Morina wurde 1979 in Pristina, Kosovo geboren. Zwischen 2000 und 2004 arbeitete er an verschiedenen Film- und Theaterprojekten, unter anderem als Regiassistent an der Volksbühne Berlin. Nach mehreren Kurzfilmen folgte 2015 sein erster Langfilm Babai über einen Jungen aus dem Kosovo, der allein nach Deutschland reist, um seinen geflohenen Vater zu finden. 2020 feierte sein zweiter Spielfilm Exil Premiere beim Sundance Film Festival.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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