Kritik

Still Here

„Still Here“ // Deutschland-Start: 27. August 2020 (Kino)

Eigentlich ist der Fall der verschwundenen Monique Watson ein Vermisstenfall wie so viele in den USA, doch Journalist Christian Baker (Johnny Whitworth) wird von seinem Chefredakteur bei der New Yorker Zeitung The Chronicle auf den Fall aufmerksam gemacht. Auffällig ist, dass die Ney Yorker Polizei kaum ermittelt hat, da es eine afroamerikanische Familie betrifft und wenig prestigeträchtig ist. Baker versucht, Kontakt mit der Familie aufzunehmen, doch vor allem Moniques Vater Michael (Maurice McBae) will nach den negativen Erfahrungen mit der Polizei und der Presse mit keinem Reporter mehr reden. Allerdings gelingt es Christian, zumindest einen Verdächtigen in dem Fall zu finden, sodass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden. Derweil wird die Berichterstattung des Chronicle für die Polizei zu einem Mediendesaster und man setzt alles daran, den Fall so schnell es geht aufzuklären, mit katastrophalen Konsequenzen. Schockiert von den Auswirkungen seiner Recherchen und Artikel will Christian, gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten, weiter im Fall des vermissten Kindes ermitteln, während nun deren Eltern abermals im Fadenkreuz polizeilicher Ermittlungen stehen. Jedoch läuft ihm, wie auch der Polizei und Moniques Eltern, die Zeit davon, denn je länger das Mädchen verschwunden bleibt, desto unwahrscheinlicher wird es, sie lebend zu finden.

Nur ein Beobachter
Über eine halbe Million Menschen verschwinden jedes Jahr in den USA und die Quote der Vermisstenfälle, die aufgeklärt werden, ist leider sehr niedrig, wie uns das Voice-Over gleich zu Anfang von Still Here aufklärt. Mit seinem Spielfilmdebüt behandelt Regisseur Vlad Feier ein Thema, welches in der US-amerikanischen Öffentlichkeit oft untergeht, aber stark mit anderen Aspekten wie dem sozialen Gefüge des Landes sowie dem nach wie vor präsenten Rassismus verknüpft ist. So ist Still Here mehr als nur ein Drama um den Fall einer Vermissten, sondern zudem eine Geschichte über ein System sowie dessen Vertreter und wie Menschen aufgrund von Vorbehalten ihrem Schicksal überlassen werden.

Mögen auch die geografischen Gegebenheiten einer Stadt wie New York City anders sein als in beispielsweise Los Angeles, das sich mehr in die Horizontale ausbreitet, so sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtteilen nicht weniger eklatant. Die Fahrt mit der U-Bahn von Downtown aus hin zum Wohnort der Watsons, einer recht trostlosen Ansiedlung von Mietwohnungen, die Christian auf sich nimmt, gleicht einem Übergang in eine ganz andere Welt. In dieser ist er nicht nur vom Beruf her, sondern auch durch sein Auftreten sowie seine optische Erscheinung jener Beobachter, der solche Orte bestenfalls aus Reportagen über soziale Brennpunkte kennt. Außerhalb dieser Formen der Berichterstattung und diversen Polizeirazzien interessiert sich, wie man ihm erzählt, so gut wie niemand für das Schicksal der Bewohner und damit auch niemand für das eines Mädchens wie Monique.

Über weite Strecken kann sich Vlad Feiers Film von der Ästhetik des Miserabilismus befreien, in dem er den Fokus auf die Charaktere und deren Geschichten legt. Gerade die starke darstellerische Leistung Maurice McBaes ermöglicht einen Zugang zu dem menschlichen Drama, was sie abspielt und zu Konflikten, die man als Zuschauer nachvollziehen kann. Ähnlich wie Christian ergeht es dem Zuschauer, der nun ebenfalls aus seiner reinen Beobachterposition heraustritt und das System hinter einem Fall wie Monique sieht.

Ausgeliefert
Ohne Sozialklischees zeigt Vlad Feiers Film, wie zuvor schon Werke wie Ryan Cooglers Nächster Halt: Fruitvale Station, einen Zustand des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht. Erschöpft und sichtlich verzweifelt geht Michael von Haus zu Haus, verteilt Flyer mit dem Konterfei seiner Tochter und sucht nach irgendwelchen Spuren. Dieser Mann, der mit beiden Beinen im Leben steht, der es gewohnt ist, Dinge zu reparieren, findet sich nun einem Zustand der Ohnmacht wieder, einem fast schon absurden Kreislauf, der ihm keinerlei Antworten auf seine Fragen und die seiner Familie geben kann.

Innerhalb des Drehbuchs, welches Feier zusammen mit Peter Gutter schrieb, werden mit den Figuren des Vaters, des Reporters und eines Ermittlers drei in sich verwobene Erzählstränge vereint. Durch dieses umsichtige Vorgehen gelingt es, die Ebene der Öffentlichkeit wie auch der Behörden miteinzubeziehen und darzustellen, welche Hebel innerhalb dieses Systems in Bewegung gesetzt werden müssen, damit Menschen aufmerksam auf den Fall eines Mädchens wie Monique werden und jemandem wie Michael Antworten gegeben werden können.

Credits

OT: „Still Here“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Vlad Feier
Drehbuch: Vlad Feier, Peter Gutter
Musik: Jeff Kryka
Kamera: Ana Paula Rivera
Besetzung: Johnny Whitworth, Afton Williamson, Maurice McRae, Zazie Beetz, Larry Pine

Bilder

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Still Here
„Still Here“ von Vlad Feier ist ein beachtliches Sozialdrama, welches ohne die üblichen Klischees des Genres auskommt und anhand eines menschlichen Schicksals ein weitaus komplexeres Problem aufzeigt. Besonders durch seine engagierten Darsteller und das Drehbuch kann Feiers Film punkten und findet hoffentlich Zugang zu einem breiten Publikum.
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