Kritik

Sherlock Jr

„Sherlock Jr.“ // Deutschland-Start: 22. Mai 1925 (Kino) // 7. August 2020 (DVD)

Auch wenn ihn seine Arbeit als Filmvorführer schon genug auf Trab hält, träumt ein junger Mann (Buster Keaton) davon, ein großer Detektiv zu sein. Zum Leidwesen seines Bosses (Ford West) nutzt er jede sich ihm bietenden Minute, um sich in einem Handbuch für Detektive über Ermittlungsmethoden und andere Dinge zu informieren, wobei er seine andere Arbeit manchmal vernachlässigt. Als er seiner Liebsten (Kathryn McGuire) ein Geschenk machen will, kommt es hingegen zu einem Eklat: denn er wird, dank der Intrige eines Nebenbuhlers (Ward Crane), beschuldigt die Uhr ihres Vaters (Joe Keaton) gestohlen zu haben. Unfähig seine Unschuld zu beweisen, kehrt er in seinen eigentlichen Job zurück und schläft erschöpft während einer Vorstellung ein. In seinem Traum meint der junge Mann, in den Film hineingehen zu können, der ebenfalls vom Diebstahl eines Schmuckstücks handelt. Dieses Mal jedoch ist er in der Rolle des berühmten Detektivs Sherlock Jr, der von einer Familie zur Hilfe geholt wird, als deren Schmuck gestohlen wurde. Schon bald findet sich der Ermittler in einem Entführungsfall um die Tochter der Familie wieder und muss sein ganzes Geschick aufbringen, wenn er den Fall aufklären will.

Sehnsucht nach der Traumwelt des Films
Im Jahre 1924 war der Name Buster Keatons in der Filmindustrie und dem Publikum bekannt, doch Keatons Brillanz vor und hinter der Kamera zeigt sich wohl kaum deutlicher als in Werken wie Sherlock Jr. Während sich viele seiner Kollegen wenig mit der Technik wie auch der Möglichkeiten des Mediums befassten, faszinierte Keaton die Kamera als solche, sodass er eine Filmkamera gar einmal auseinandernahm, um ihre Bauweise zu studieren. Über die Jahre legte sich Keaton damit ein Rüstzeug zurecht, welches ihm bei seiner Arbeit als Regisseur sehr zur Hilfe kam und mit Sherlock Jr. Werke schuf, die für ihre Zeit wegweisend waren und noch heute nichts von ihrem Charme verloren haben.

Schon nach wenigen Minuten offenbart sich dem Zuschauer jene Transformation, die der Schauspieler Buster Keaton zum Künstler macht in einem geradezu symbolischen Akt der Grenzüberschreitung. Wenn sich seine Figur, wenn auch im Traum, Eintritt in den bereits laufenden Film im Kino verschafft, in die Handlung eingreift und in mehreren aufeinanderfolgenden Bildern durch eine Wüste, einen Ozean und eine belebte Straße in der Großstadt hetzt, ist dies der magische Übertritt in jene Traumwelt. Innerhalb des Films gelingt dem jungen Mann sein großer Traum, ein berühmter Ermittler zu sein, doch auf einer weiteren Ebene ist dies nichts weniger als eine humorvolle Auseinandersetzung mit der Leinwandperson Buster Keaton.

Wiederholt überschreitet sein Ermittler Grenzen, was seine Umwelt verblüfft zurücklässt. Er springt durch ein Fenster, nur um sich auf der anderen Seite in eine alte Dame zu verwandeln. Dann wieder springt er scheinbar durch einen Menschen hindurch oder geht in einen Spiegel, vor dem er gerade eben noch das Sitzen seiner Garderobe überprüfte. Ist für den Zuschauer eine solche Grenzüberschreitung nicht möglich, so ist sie innerhalb der Traumwelt des Films ein Leichtes.

Um Haaresbreite
Zu dieser Logik gehört natürlich das Abenteuer und die Unterhaltung, welche Keaton en masse zu bieten hat. Um den eher simplen Plot der Rahmenhandlung sowie des „Films im Film“ herum stürzt sich sein Ermittler in mehrere halsbrecherische Verfolgungsjagden und Kämpfe, wobei ihm meist nur eine Spur Glück hilft, damit er noch einmal heil davonkommt. Berühmt ist hierbei eine lange Verfolgungsjagd, bei der Sherlock Jr. den Entführern zuvorkommen und die Tochter des Hauses retten will. Um Haaresbreite verfehlt er auf dem Lenker eines Motorrads sitzend andere Autos sowie einen vorbeifahrenden Zug, bevor er schließlich merkt, dass der Fahrer des Motorrads schon lange nicht mehr da ist.

Credits

OT: „Sherlock Jr.“
Land: USA
Jahr: 1924
Regie: Buster Keaton
Drehbuch: Clyde Bruckman, Jean Havez, Joseph A. Mitchell
Kamera: Bryon Houck, Elgin Lessley
Besetzung: Buster Keaton, Kathryn McGuire, Ward Crane, Joe Keaton, Erwin Connelly, Ford West

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Sherlock Jr.
„Sherlock Jr.“ ist ein in technischer Hinsicht zeitloses Werk Buster Keatons, welches auch heutige Zuschauer noch zu unterhalten weiß. Darüber hinaus beweist Keaton seine Liebe für die Welt des Kinos, jene Welt des Traumes, in der es, entgegen den Worten zu Anfang des Films, durchaus möglich ist, zwei Dinge gleichzeitig zu machen.
9von 10

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