Kritik

Der General

„Der General“ // Deutschland-Start: 4. April 1927 (Kino) // 10. Januar 2020 (DVD)

Im Leben der Ingenieurs Johnnie Gray (Buster Keaton) gibt es zwei ganz große Lieben: zum einen seine Verlobte Annabelle Lee (Marion Mack), zum anderen seine Lokomotive, die er auf den Namen „The General“ getauft hat. Jedoch zerbricht die zu Annabelle, als sich Johnnie nicht wie ihr Vater und ihr Bruder für die Armee meldet. Zwar hat es Johnnie versucht, wurde aber wegen seiner Kenntnisse als Ingenieur als zu wichtig eingestuft und wurde daher kein Soldat der Konföderierten. Als Annabelle Monate später von ihrem Vater hört, der verwundet wurde, reist sie so schnell es geht zu ihm, wird aber auf dem Weg dorthin von Soldaten der United States Army gefangengenommen. Zu allem Überfluss fliehen die Soldaten dann auch noch mit „The General“, sodass Johnnie keine andere Wahl hat, als hinter ihnen her und seine beiden großen Lieben zu retten. Die lange, nervenaufreibende Verfolgungsjagd bringt Johnnie unversehens in Feindesland sowie mitten in eine Geheimoperation des Militärs, die den Krieg entscheiden könnte.

Das neue Amerika
Im Jahre 1926 gehörte Buster Keaton zu den ganz großen Stars Hollywoods und neben Charlie Chaplin und Harold Lloyd zu den berühmtesten Komikern seiner Zeit. Durch seine enormen Erfolge hatte sich „The Great Stone Face“, wie sein Spitzname war, eine gewisse Unabhängigkeit erarbeitet, sodass er zusammen mit seinem langjährigen Kollaborateur Clyde Buckman nach für ihn interessanten Projekten Ausschau hielt. Ein solches fand sich dann in William Pittengers The Great Locomotive Chase, was Keaton vor allem wegen seiner Affinität zu Lokomotiven und Zügen ansprach. Für die Produktion scheute Keaton weder Kosten noch Mühen, nutzte echte Züge und machte, wie so oft, alle Stunts selbst, einige davon gehören zu den gefährlichsten, die er in seiner Karriere machte. Leider war dem heutzutage als Meisterwerk gefeierten Film kein Erfolg gegönnt und Keaton verlor seine Unabhängigkeit als Filmemacher als Konsequenz.

Viel ist bereits geschrieben worden über Der General, doch die Anziehungskraft dieses Filmes bleibt auch nach über 90 Jahren seit seiner Fertigstellung noch ungebrochen. In diesem, wie auch in anderen Filmen Keatons, zeigt sich dessen große Meisterschaft der Untertreibung, welche, wenn man genauer hinsieht, einen viel komplexeren und interessanteren Zusammenhang offenbaren, als man zunächst vermutet. Während man in Chaplins Filmen die Ebene der Deutung direkt wahrnimmt, bietet sie sich einem geradezu an, versteckt sich diese in Keatons Fall hinter einer dem Anschein nach simplen Geschichte eines Mannes, der durch Zufall und eine Portion Tollpatschigkeit zwischen die Fronten gerät.

Im Charakter des Johnnie sieht man den Konflikt zwischen Krieg auf der einen Seite und dem Fortschrittsglauben. Immer wieder stößt man auf Hinweise, die diese Liebe zum Fortschritt betonen, ihn bisweilen gar über die Realität des Krieges stellen, beispielsweise, wenn Johnnie wegen seiner Fähigkeiten als Ingenieur nicht als Soldat genommen wird, da er dadurch für die Armee zu wertvoll ist. Die Aufopferung Johnnies für seine Liebe zu dieser Maschine kennt keine Grenzen, lässt ihn gar todesmutige Manöver vollbringen, nur damit er vom „General“ immer weiter getragen wird zu seinem Ziel. Zuletzt ist natürlich selbst der Name „General“ ein Hinweis auf die Wichtigkeit der Maschine, die nicht nur potenziell kriegsentscheidend ist, sondern maßgeblich die Zukunft mitgestaltet.

Sieg der Maschine
Der General ist ein Film über die Geschwindigkeit und damit über die Zeit. Im Western kündigt die Lokomotive das Ende dieses Zeitalters an, das Ende von Cowboy und Indianer sowie vom Mythos der „frontier“, jener Vision von unendlichem Land, was sich immer weiter gen Westen erstreckt. Die Schienen, welche dieses Land durchziehen, haben es durchmessen, kartografiert und eine Spur hinterlassen, die nachhaltiger sein wird als die des Menschen. Immer wieder zieht das Kriegsgeschehen hinter Johnnie vorbei, der gerade dabei ist, Holz zu hacken, damit seine Lok schneller fährt. Dieser Mensch kämpft keine Kriege, so scheint es, denn er ist immer unterwegs, immer der Zeit hinterher und besessen von der Geschwindigkeit.

Credits

OT: „The General“
Land: USA
Jahr: 1926
Regie: Buster Keaton, Clyde Bruckman
Drehbuch: Buster Keaton, Clyde Bruckman
Musik: Carl Davis
Kamera: Bert Haines, Devereaux Jennigs
Besetzung: Buster Keaton, Marion Mack, Glen Cavender, Jim Farley, Frederick Vroom

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Der General
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Der General
„Der General“ ist ein Muss für jeden Filmfan, ein Meisterwerk der Filmkunst, welches auch heute noch unterhält und einen wichtigen Fingerzeig darstellt auf unsere heutige Technikversessenheit. Mit dem unvergleichlichen Buster Keaton in der Hauptrolle, einem wunderbaren Sinn fürs Timing sowie eindrucksvoller Szenen ist dieser Film, egal ob in der Schwarz/Weiß-Fassung oder in der kolorierten Version, ein Meilenstein des komischen Films.
10von 10

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