Kritik

Jean Pierre Melville

„Drei Uhr nachts“ // Deutschland-Start: 25. April 1958 (Kino) // 2. November 2017 (DVD/Blu-ray)

Nie wieder Verbrechen, das hatte sich Bob (Roger Duchesne) eigentlich gesagt, der nach einer Haftstrafe seinem kriminellen Leben abgeschworen hat. Stattdessen hat er sich dem Glücksspiel zugewendet, was ihn mehr oder weniger durch den Tag bringt. Zuletzt lief es dabei aber nicht so recht, immer wieder hat er Pech, verliert den mühsam erspielten Gewinn gleich wieder. Eher zufällig erfährt er eines Tages, dass in dem Safe eines Casinos Unmengen an Geld gelagert sind, was in ihm die alten Instinkte wieder weckt. Und so macht er sich gemeinsam mit Roger (André Garret) und Paolo (Daniel Cauchy) an die Arbeit, einen Plan für den Überfall auszuhecken. Doch dabei ist ihnen Kommissar Ledru (Guy Decomble), ein alter Bekannter Bobs, längst auf den Fersen …

Nur noch ein letztes Mal! Wann immer man diesen Satz hört, ist Misstrauen angesagt. Ob es nun konsumierbare Waren sind wie Alkohol, Zigaretten oder Schokolade, bei denen es schwer ist, ein Ende zu finden, oder auch das Spielen, es bleibt oft nicht bei diesem besagten Mal. Gleiches gilt für die Verbrechen, die in Filmen begangen werden. Wenn das Publikum zu Beginn erfährt, dass jemand noch einen allerletzten Coup plant und sich danach von der Kriminalität lossagen will, dann wartet man insgeheim nur darauf, dass das schief geht. Prinzipiell gilt das auch für Drei Uhr nachts, hier sogar doppelt: Bob ist nicht nur ein Spieler, der nie weiß, wann er aufhören soll. Er hat auch eine kriminelle Vergangenheit, die ihn einholt, als er von der leichten Methode des Geldmachens erfährt.

Gefangene des Schicksals
Dabei zeichnet ihn Regisseur und Co-Autor Jean-Pierre Melville (Der Chef, Armee im Schatten) eigentlich als einen netten, anständigen Kerl. Ein Mann, der von allen gemocht wird, sogar der Polizei. Aber auch ein Mann, der seine inneren Dämonen nie so ganz in den Griff bekommt. Von Anfang an hat Drei Uhr nachts deshalb auch eine fatalistische Note. So sehr sich Bob auch bemüht, ein ruhiges, vertretbares Leben zu führen, er ist nur begrenzt Herr über das, was geschieht. Sinnbildlich dafür stehen die Glücksspiele, an denen er sich immer wieder versucht und deren Launenhaftigkeit er sich ausliefert. Vielleicht fällt die richtig Zahl, erhält er die Karte, die er braucht, geht das gewünschte Pferd als erstes über die Linie. Aber es liegt nicht an ihm, das zu entscheiden. Er kann lediglich mit den Konsequenzen leben.

Dieser Fatalismus geht früh mit einer gewissen Melancholie einher, aber auch einem Stück Nostalgie. Bob, der vom Erzähler als gleichzeitig jung und alt bezeichnet wird, hält an einem Kodex der Verbrecher fest, einer moralischen Überzeugung, wie man sich zu verhalten hat, selbst als Krimineller. Das bringt ihm Respekt ein, lässt ihn aber auch immer wieder als etwas der Wirklichkeit entrückt erscheinen. Das Relikt einer vergangenen Zeit, die es gegeben haben mag oder nicht, die sein Weltbild aber fest bestimmt und Teil dieses Fatalismus wird. Er verhält sich, wie er sich verhalten muss, tut das, woran er glaubt und was ihn ausmacht. Dass er auf diese Weise vielleicht nicht weiter kommt, sogar zum Scheitern verurteilt ist, das ist dann eben so.

Ein Ausflug in die Schattenwelt
Dann und wann fällt Drei Uhr nachts dabei durch ein wenig Humor auf, etwa bei den Situationen, wenn die Bande sich konkret auf den Überfall vorbereitet. Insgesamt gefällt Melville aber das Spiel mit den Schatten, die dunklen Straßen von Paris, die zu einer ganz eigenen Welt zwischen dem Tag und dem Morgen werden. Das sieht auch fantastisch aus: Der Krimi versteht sich als eine Fortführung des US-amerikanischen Film Noir, nimmt gleichzeitig aber auch die Nouvelle Vague vorweg. Der Franzose, der sich nach dem Autor von Moby Dick benannt hat, sucht eigene, neue Perspektiven, wenn er in das Milieu der Gangster hinabsteigt, welches sein Gesamtwerk maßgeblich prägen wird.

Der Actionanteil ist dabei eher gering. Es gibt auch vergleichsweise wenige direkte Konflikte oder Auseinandersetzungen, welche für Spannung sorgen könnten. Drei Uhr nachts ist ein ruhiger Vertreter des Gangsterfilms, bevölkert von Figuren, die nicht viel von Aktionismus halten. Aber es ist ein sehr atmosphärischer Vertreter, der eine eigene Welt zeigt, mit eigenen Gesetzen, und so manchen Heist Movie, der später noch folgte, beeinflusst hat. Zwischenzeitlich gibt es kleinere Durchhänger, man sollte auch keine zu hohen Ansprüche an die Glaubwürdigkeit haben. Dennoch ist der Film auch 65 Jahre später immer noch sehenswert, fesselt durch seinen präzisen, distanzierten und doch empathischen Blick auf das, was im Verborgenen vor sich geht.

Credits

OT: „Bob le flambeur“
Land: Frankreich
Jahr: 1956
Regie: Jean-Pierre Melville
Drehbuch: Jean-Pierre Melville, Auguste Le Breton
Musik: Eddie Barclay, Jo Boyer
Kamera: Henri Decaë
Besetzung: Roger Duchesne, Isabelle Corey, Daniel Cauchy, Guy Decomble, Simone Paris, André Garret

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Drei Uhr nachts
„Drei Uhr nachts“ erzählt von einem erfolglosen Spieler, der seine alte kriminelle Vergangenheit noch einmal aufleben lässt. Der Krimi erzählt dabei distanziert und doch empathisch von Menschen, die ihrem Schicksal ausgeliefert sind und eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen bevölkern. Viel passieren tut dabei nicht, dafür sind Atmosphäre und Bilder umso stärker.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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