Kritik

Der Chef Un flic

„Der Chef“ // Deutschland-Start: 16. Januar 1973 (Kino) // 5. Juli 2012 (DVD)

Das hatte sich der Nachtclubbesitzer Simon (Richard Crenna) etwas anders vorgestellt. Gerade als er und seine Bande dabei waren, die Geldsäcke aus der Bank schaffen zu wollen, wird einer seiner Männer von einem Angestellten angeschossen. Das bedeutet nicht nur einen Teil der Beute zurücklassen zu müssen, sondern auch den schwer Verletzten schnellstmöglich in Krankenhaus zu schaffen, ohne dass dabei jemand Verdacht schöpft und unangenehme Fragen stellt. Zumal der nächste Coup bereits in Arbeit ist. Währenddessen ist ihnen Polizei-Kommissar Edouard Coleman (Alain Delon) bereits auf den Fersen, der pikanterweise nicht nur mit Simon freundschaftlich verbandelt ist, sondern wie dieser auch eine Affäre mit der schönen Cathy (Catherine Deneuve) hat …

Ein eingespieltes Team
Als Regisseur und Drehbuchautor Jean-Pierre Melville seinen letzten Film Der Chef drehte, bevor er mit 55 an den Folgen eines Schlaganfalls starb, waren er und Alain Delon bereits ein eingespieltes Team. Zweimal war der legendäre Schauspieler bereits in Filmen seines Landsmanns zu sehen gewesen, sowohl in Der eiskalte Engel (1967) wie auch in Vier im roten Kreis (1970) hatte er einen Verbrecher gespielt. Bei der dritten Zusammenarbeit Der Chef (1972) wechselte Delon nun die Seiten, mimte einen Polizisten, der Jagd auf Verbrecher macht. Doch das bedeutet nicht, dass hier mit einem starken Kontrast gearbeitet würde. Im Gegenteil: Die Grenzen sind fließend, die beiden Kontrahenten haben einiges miteinander gemeinsam.

Das betrifft einerseits natürlich Cathy, die Femme Fatale, der beide Seiten verfallen sind. Aber auch sonst sind sich Simon und Edouard ähnlicher, als man angesichts des Themas meinen könnte, man kennt sich, man schätzt sich. Wenn der eine nun auf den anderen Jagd macht, dann nicht weil sie grundsätzlich konträr wären. Es geschieht, weil es geschehen muss, ein Fatalismus, den beide mit einem Schulterzucken annehmen. Große Gefühle gibt es ohnehin nicht, bei keinem. Wenn Edouard zu einem späteren Zeitpunkt mal ausfallend wird und sich von einer schäbigen Seite zeigt, dann ist das tatsächlich die Ausnahme. Der Chef ist von einer Melancholie und Tristesse geprägt, die wie ein Schleier über allem hängt, für Leidenschaft oder Wut ist da kein Platz.

Ein Überfall nach dem Lehrbuch
Schon die einleitende Sequenz ist von einer erstaunlichen Nüchternheit. Wo andere Banküberfälle vielleicht mit schnellen Schnitten, wenigstens aber großen Drohungen Spannung erzeugen wollen, da läuft das hier routiniert und unaufgeregt ab, wie auf Knopfdruck. Auffallend sind zudem die dominanten blauen Farben, welche der Atmosphäre während der folgenden anderthalb Stunden immer einer distanziert-unterkühlte Note geben. Ob wir nun in der Bank sind, später durch das Nachtleben von Paris torkeln: Der Chef zeigt eine automatisierte, entmenschlichte Welt, in der viele des Lebens müde geworden sind. Selbst ein späterer großer Raub ist komplett nüchtern, technisch, irgendwie gleichgültig. Melville betrachtet die Actionszenen nicht als Möglichkeit, das Publikum zu fesseln. Sie sind ein Mittel zum Zweck.

Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Der Chef deshalb langweilig ist. Es ist sogar ausgesprochen faszinierend, Simon bei seinen Aktionen zuzusehen, gerade auch die banalen Szenen, die von Detailbesessenheit zeugen. Der Film überzeugt jedoch stärker durch diese besagte Atmosphäre als durch die Handlung. Es gibt keine ausgeklügelten Ermittlungen, keine Verfolgungsjagden. Man erfährt auch über die Figuren nicht so wahnsinnig viel, denen wir bei der Arbeit zusehen, die sich ansonsten aber eher weniger mitteilen. In der Welt von Melville sind die Menschen so sehr auf ihre jeweiligen Funktionen und Rollen reduziert, dass sie schlafwandlerisch ihren Wegen folgen, sich ihrem Schicksal gefügt haben, auf welcher Seite es nun auf sie wartet.

Credits

OT: „Un flic“
IT: „A Cop“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1972
Regie: Jean-Pierre Melville
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Musik: Michel Colombier
Kamera: Walter Wottitz
Besetzung: Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michael Conrad, Paul Crauchet

Bilder

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Der Chef
4.17 (83.33%) 12 Artikel bewerten

Der Chef
„Der Chef“ zeigt einen Polizisten, der eine Verbrecherbande schnappen möchte. Der Film überzeugt dabei jedoch weniger durch seine Handlung als vielmehr die Atmosphäre, wenn auf beiden Seiten des Gesetzes die Männer fatalistisch ihren Rollen folgen, routiniert, aber irgendwie leer, während sie durch eine entmenschlichte, triste Welt schlafwandeln.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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