Kritik

Die Rüden

„Die Rüden“ // Deutschland-Start: 20. August 2020 (Kino)

Der Leitung einer Strafvollzugsanstalt stellt die Verhaltenspsychologin Lu Feuerbach (Nadin Matthews) gewagtes Experiment vor. Vier verurteilte Straftäter sollen im Laufe eines mehrtägigen Workshops mit vier Hunden, welche im Volksmund als Kampfhunde gelten, den Umgang mit diesen lernen, diese zähmen und darüber hinaus einen wichtigen Schritt zu ihrer eigenen Resozialisierung leisten. Zunächst sind Volker (Konstantin-Philippe Benedikt), Alihan (Ibrahim Al-Khalil), Lukas (Marcel Andrée) und Adam (Ali Khalil) skeptisch, als sie das erste Mal unter Beobachtung mit Lu und den Hunden in Kontakt kommen. Für die einen ist ihr Workshop ein Mittel zum Zweck, mit dem sie ihre Strafe verkürzen können, doch für die anderen ist es ein reiner Zeitvertreib. Allerdings lässt sich Feuerbach von keinem der Männer einschüchtern und beginnt mit ihnen zusammen den Workshop, in dessen Verlauf sie sich nicht nur gemeinsam den gefährlichen Hunden nähern, sondern sich auch selbst kennenlernen. Über die Annäherung der Männer an die Hunde, über ihr Verhalten und ihre Aussagen konfrontiert Feuerbach alle vier Männer mit ihren Ängsten und dem Grund, warum sie die Gesellschaft eingesperrt hat. Während sich die Männer langsam aber sicher Feuerbach gegenüber öffnen und Vertrauen zu ihr gewinnen, zweifeln die Leiter des Gefängnisses am Nutzen des Workshops.

Unvermittelbar
Man kann zwar schon viele Jahre einen Hund gehabt haben, aber von einer professionellen Trainerin kann man immer noch sehr viel dazulernen und sich eventuell einen ganz anderen Zugang zu dem Verhalten der Tiere erschließen. So zumindest erging es Filmemacherin Connie Walter, als sie 2012 die Hundetrainerin Nadin Matthews kennenlernte, die unter anderem Workshops zum Thema Aggression mit Gefängnisinsassen durchgeführt hatte. Aus dieser Bekanntschaft ergab sich die Idee zu dem Projekt Die Rüden, einem Spielfilm, der sich kritisch mit Konzepten wie Resozialisation auseinandersetzt und mit dem Prinzip der Strafe in unserer Gesellschaft.

Im Prinzip gleicht die Ästhetik des Films einer Versuchsanordnung. Während Feuerbach mit den vier Straftätern und den Hunden im Zentrum steht, stehen die Leiter des Gefängnisses hinter Glas und beobachten das Geschehen schweigend. Man erinnert sich an das Konzept des Panopticons von Jeremy Bentham, jener Einrichtung, die es dem Personal einer Einrichtung wie eines Gefängnisses erlaubt, jederzeit in die einzelnen Zellen hineinzusehen, ohne dass sie Insassen dies merken. Anders als beim Design Benthams ist das Panopticon jetzt außen, umgibt die Charaktere, welche wiederum einen ähnlichen Kreis zeichnen, in welchem sich die Hunde befinden. Die Idee wie auch die Umsetzung mögen minimalistisch sein, sind aber von ihrer Wirkung und Aussage her durchaus provokant und schaffen es, dem Wesen der Aggression auf den Grund zu gehen oder sich diesem anzunähern. Darüber hinaus richtet sich der Blick immer wieder auf jene Beobachterinstanz, nach welchen Kriterien sie beobachtet, beurteilt und letztlich auch richtet.

In jenem inneren Kreis dieser Bühne zeigt sich das aggressive Verhalten der Hunde, die bellen und versuchen zu beißen. Bereits nach wenigen Minuten sind sich die Männer sicher, dass mit diesen Tieren nicht zu spaßen ist und das sie eine Gefahr darstellen, eine Verurteilung, welche die Beobachterinstanz außen ihnen auch zukommen ließ. „Unvermittelbar“ und „Kampfhund“ sind jene Labels, welche auch die vier Männer nutzen und in konfrontativ angelegten Dialogen fragt Lu sie geduldig, ob diese Wertungen denn richtig seien, was sie wirklich sehen, wen sie die Tiere beobachten oder ob es eine andere Instanz, vielleicht sogar ihre Angst, sei, die eine solches Urteil möglich mache.

Anpassen und Integrieren
Die Konsequenz ist eine Veränderung des Verhaltens oder eine Anpassung. Ähnlich der medikamentös forcierten Resozialisation von Alex in Stanley Kubricks Uhrwerk Orange ist es zwar eine Veränderung, aber nicht unbedingt ein Verstehen oder ein Fühlen, warum das Verhalten früher denn überhaupt falsch war. Auch dies sind Fragen, welche Die Rüden aufgreift und an den Zuschauer richtet, ohne dabei übermäßig didaktisch sein zu wollen, sondern eher mit der gleichen Geduld und Vehemenz, wie sie Lu Feuerbach an den Tag legt, wenn sie mit Mensch und Tier kommuniziert. Dies sind nur einige der Ansätze, die Connie Walter mit ihrem Film verfolgt, dessen Handlung eine parabelhafte Struktur aufweist.

Neben ihren Darstellern sowie dem Design des Sets, das jene Bühnenhaftigkeit der Inszenierung unterstreicht, sind es nicht zuletzt die Kompositionen Hans-Joachim Roedelius’ und Arnold Kasars, welche wichtig sind für die Wirkung und die teils surreale Kraft dieses Films.

Credits

OT: „Die Rüden“
Land: Deutschland
Jahr: 2018
Regie: Connie Walter
Konzept: Nadin Matthews
Musik: Hans-Joachim Roedelius, Arnold Kasar
Kamera: Birgit Gudjonsdottir
Besetzung: Nadin Matthews, Ibrahim Al-Khalil, Konstantin-Philippe Benedikt, Marcel Andrée, Sabine Winterfeldt, Robert Mehl, Ali Khalil

Bilder

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Die Rüden
4.13 (82.5%) 32 Artikel bewerten

Die Rüden
„Die Rüden“ von Connie Walter ist ein minimalistischer Spielfilm über Themen wie Vorverurteilung, Aggression und Anpassung. Mit wenigen Mitteln und talentierten Darstellern gelingt eine teils sehr provokante Auseinandersetzung damit, wie Urteile gefällt werden und diese Teil unseres Selbstbildes werden.
8von 10

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