Drew und Brett Pierce sind Brüder, denen das Filmgeschäft, aber insbesondere das Horrorgenre, praktisch in die Wege gelegt wurde. Ihr Vater Bart war unter anderem Teils des Teams, welches für die Spezialeffekte in Sam Raimis Kultfilm Tanz der Teufel verantwortlich war. Wie die Brüder in Interview sagen, waren es diese Einflüsse, die sie dazu inspirierten, selbst einmal einen Film zu drehen. Bereits mit ihrem ersten Spielfilm Deadheads (2011) konnten Drew und Brett überzeugen und gewannen Auszeichnungen bei Festivals wie dem Toronto After Dark Film Festival und dem Newport Beach Film Festival. Bei letzterem Festival gelang ihnen sogar eine Premiere, denn Deadheads war so beliebt, dass die Organisatoren des Festivals ein drittes Screening veranstalteten, welches dann ebenfalls ausverkauft war. In ihrem neuen Film The Wretched, der in Deutschland unter dem Titel The Witch Next Door läuft (Kinostart 13. August 2020), erzählen Brett und Drew eine Geschichte von einem Teenager, der vermutet, seine Nachbarin hätte sich in eine Hexe verwandelt und es nun auf ihn sowie seinen Vater abgesehen. Im Interview mit den beiden Regisseuren unterhalten wir uns über ihre Einflüsse als Filmemacher, das Design der Hexe und die Drehorte des Films.

Ich muss gestehen, ich wurde auf The Witch Next Door weniger über Rezensionen oder Werbung aufmerksam, sondern, weil er der erste Film war, der während er Coronakrise in den USA die Box Office dominierte und durch sie parallele Veröffentlichung auf Streamingdiensten wie auch im Kino zu einem Kassenschlager wurde. Würdet ihr sagen, dass dies eine Strategie ist, die, auch außerhalb der Coronakrise, gerade für Independentproduktionen, attraktiv sein kann?
Drew: In unserem Falle hat dieses Modell wirklich sehr gut funktioniert. Das hat aber mit vielen verschiedenen Faktoren zu tun wie beispielsweise, dass The Witch Next Door exklusiv in Autokinos, in Drive-Ins lief. Zum einen waren dies die einzigen Kinos, die in den USA geöffnet waren und zum anderen funktioniert ein solcher Film besonders gut in einem solchen Kontext, denn gerade die Tradition des Drive-Ins, in dem Horrorfilme immer wieder liefen, passt für eine solche Geschichte, wie sie im Film erzählen. Für viele Produktionen speziell auf dem Independentbereich ist die Kinoauswertung so etwas wie eine zusätzliche Marketingtaktik bevor der Titel dann nach ein paar Tagen oder Wochen dann als VOD erscheint. Dadurch, dass Autokinos die einzigen Kinos waren, in denen Filme während der Pandemie liefen und unser Film gerade zu diesem Zeitpunkt, als diese wieder öffneten, herauskam, war für unseren Film ein echter Glücksfall, auch wenn das jetzt komisch klingen mag.

Könnt ihr was zu der Entstehung des Projekts und der Geschichte von The Witch Next Door sagen?
Brett: Als wir fertig waren mit Deadheads und der Film endlich auf ein paar Festivals lief, waren wir beide so gut wie pleite und einfach nur froh, dass ein Publikum unsere Arbeit endlich sieht. Wir dachten in dieser Zeit aber schon an ein mögliches nächste Projekt und kamen auf den Gedanken, eine Geschichte zu erzählen, die folkloristische Elemente und Hexerei behandelt. Je mehr wir recherchierten über Hexen, desto mehr wuchs unsere Begeisterung für das Thema. Wir lasen von einer Hexenfigur namens Black Annis oder Black Agnes, einer englischen Legende von einer Hexe, die in einem Baum lebt und Kinder stiehlt, sie von ihrem Zuhause entführt und sie in ihrem Versteck verspeist. Eine andere Legende behandelte die Boo Hag, eine Geschichte aus den Staaten, die von einer Hexe erzählt, welche wortwörtlich in die Haut anderer Menschen schlüpft und die man nur loswird, wenn man ihr Salz direkt ins Gesicht streut.

Wir nahmen also diese und andere Geschichten und fingen an, die Hexe für den Film zu gestalten, die, wie jedes Monster, nach bestimmten Regeln funktionieren sollte. Die meisten Filme, die sich mit dem Thema Hexerei befassen, sehen die Hexe meist als eine Art Zauberin oder es ist eine Frau, der man, aufgrund eines Aberglaubens, die Bezeichnung „Hexe“ gibt. Wir dachten, es wäre spannend dem Prinzip des Monsterfilms zu folgen und die Hexe wie ein klassisches Filmmonster zu behandeln und zu gestalten.

Gab es darüber hinaus noch Inspirationen für The Witch Next Door, denn über weite Teile der Handlung erinnert er mich sehr an Tom Hollands Die rabenschwarze Nacht – Fright Night?
Drew: Der Film ist definitiv eine Inspiration für uns gewesen. Wir hatten das Video zu Fright Night zu Hause und haben es uns keine Ahnung wie oft angeschaut. Während der Pre-Production-Phase haben wir beide uns vor allem über Titel wie Poltergeist oder Halloween unterhalten, weil dies Filme sind, in denen der Zuschauer erst in Sicherheit gewogen wird, der Idylle einer Kleinstadt, bevor dann der Horror eintritt. Carpenters Film hat uns nicht zuletzt auch wegen der Charakterzeichnung und ästhetisch wegen der langen Einstellung beeinflusst, weil sie die Figuren und deren Welt so interessant einführen.

Brett: Es ist immer schwierig, sich von bestimmten Einflüssen zu lösen, vor allem, weil viele von diesen Einflüssen einem gar nicht so sehr bewusst sind, bis dann jemand wie du kommt und diese Verbindung zieht zu einem anderen Titel. Selbst unsere Freunde kamen, nachdem sie The Witch Next Door gesehen hatten, zu uns und sagten, dass wir wohl echte Fans von Fright Night sind.

Ihr habt je gerade schon erklärt, was die Hexe in dem Film inspiriert hat. Könnt ihr was dazu sagen, wie ihr zusammen mit den Special-Effects-Leuten bei The Witch Next Door dieses Design geschaffen habt?
Brett: Mein Bruder hat an vielen Produktionen im Make-up oder Special Effects Department gearbeitet und hatte bereits erste Skizzen zu der Hexe, die er während der Recherche erstellt hatte. Erik Porn, unser Special Effects Designer, erstellte auf Basis von Drews Zeichnungen mehrere Modelle am Computer, die er an dann an uns schickte, die wir dann verändern konnten und dann wieder an ihn zurückschickten. Das war eine wirklich tolle Zusammenarbeit, denn da wir vorher schon Storyboards zu The Witch Next Door hatten und Erik auf diese Zugriff hatte, konnte er genau sehen, wie die Hexe in welcher Einstellung und mit welcher Einstellung aussehen würde. In einer Zeit, in der in Hollywood alles im Nachhinein korrigiert wird am Computer für sehr viel Geld, war unsere Herangehensweise nicht nur kostensparend, sondern machte auch die Arbeit von Leuten wie Erik sehr viel einfacher.

Weil unser Vater als Special-Effects-Künstler arbeitete, unter anderem bei Tanz der Teufel, mögen wir diese Arbeit ungemein und wissen, was dafür wichtig ist. Wir lieben es einfach, Monster zu erschaffen. (lacht)

Insbesondere die weiblichen Figuren in The Witch Next Door haben gewissen feministische Züge. War das Absicht und wenn ja, wie hat es eure Herangehensweise als Autoren zu diesen Figuren beeinflusst?
Brett: Unsere Mutter war eine sehr starke Frau und eine Figur wie Abbie, die Zarah Maler im Film spielt, ist definitiv von ihr inspiriert. Sie war nie eine „Rockermum“, wie Abbie eine ist, aber als wir aufwuchsen, war sie der Boss im Haus und so etwas wie unsere Heldin.

Der andere Einfluss hat etwas mit der Hexe an sich zu tun und wie sie die Frauenfiguren im Film verändert. Sie ist ein starker Antagonist und noch dazu weiblich, was man gerade im Horrorgenre nicht sehr oft sieht. Die Hexen, von denen wir während der Recherche lasen, verkörpern so etwas wie die „Anti-Mutter“, eine Figur, die Kinder haben will und eine Mutter sein möchte, aber dann die Kinder entführt und die verzehrt. Dieses Bild der Hexe und die Tatsache, dass wir mit einer sehr starken Mutter aufwuchsen, hat beeinflusst, wie wir die Figuren in unserem Film gestalteten.

The Witch Next Door The Wretched

Szenenbild aus „The Witch Next Door“ (© Koch Films)

Könnt ihr was zu den Locations von The Witch Next Door sagen und welche Rolle sie für die Geschichte haben?
Drew: Wie wir schon sagten, hat das viel damit zu tun, dass wir unserem Zuschauer zuerst diese Idylle und Harmonie präsentieren wollten, bevor wir dann die Spannung immer mehr anziehen und die Horrorelemente hinzukommen. Das ist ein bisschen so wie Der weiße Hai, wenn man dieses schöne Küstenstädtchen und den traumhaften Strand sieht, sich wie im Urlaub fühlt, bis dann der Horror eintritt und der Hai sein erstes Opfer reißt. Brett und ich verbrachten als Kinder die Ferien immer im Norden Michigans, wo wir den Film drehten. Wir verbinden diese Orte mit Urlaub, aber auch mit Lagerfeuern und den Gruselgeschichten, die man sich im Schutze der Dunkelheit untereinander erzählt. Als wir nach Locations für den Film suchten, ergab die Wahl, in den Norden Michigans zu fahren und dort zu drehen, am meisten Sinn.

Brett: Wir leben beide in Los Angeles, weil wir hier arbeiten und die meisten Filme werden entweder hier oder in Georgia gedreht. Wir wollten The Witch Next Door an Orten drehen, die man nicht so oft sieht als Zuschauer und die eine gewisse Atmosphäre haben.

Drew: Abgesehen mal davon sind die Palmen von Los Angeles vielleicht schön, aber nicht wirklich gruselig. (lacht) Die Palmen und die Sonne der Schönen und Reichen haben einfach nicht die gleiche Wirkung wie das Camp Crystal Lake. Die Uniformen, die der Protagonist im Film zur Arbeit trägt, sehen ja auch ein bisschen aus wie die der Teenager des Camps in Freitag der 13.

Brett: Das ist so interessant, was den Menschen, die den Film schauen, alles auffällt. Einer meinte neulich, The Witch Next Door würde ihn an E.T. – Der Außerirdische erinnern, was ich nicht erwartet hatte. Das kommt aber auch daher, dass die Geschichte, auch wenn sie in der heutigen Zeit spielt, sehr viele Erinnerungen wachruft an die Filme der 80er Jahre.

Drew: Einmal abgesehen von den Einflüssen, die wir bereits diskutierten, hat es auch was mit den Orten im Norden Michigans zu tun, die immer ein wenig altmodisch und aus der Zeit gefallen wirken.

Brett: Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass wir einen Monsterfilm, ein „creature feature“ gemacht haben, die es in den 80ern haufenweise gab. Solche Filme gibt es noch heute, aber sie sind nicht zu vergleichen mit Produktionen wie beispielsweise Gremlins – Kleine Monster. Das ist auch der Grund, warum viele Produktionsfirmen unser Projekt ablehnten und uns sagten, wenn wir statt des Monsters einfach einen Killer mit einem Messer nehmen würden, der ums Haus schleicht und Leute umbringt, würde es für sie interessanter und vor allem kostengünstiger.

The Witch Next Door hat, wie viele Filme aus den 80ern, eine interessante Balance zwischen ernsten Themen und Horror sowie komödiantischen Szenen. Wie ist eure Philosophie als Autoren und Regisseure diesbezüglich?
Brett: Wir sind mit Filmen groß geworden, die diese Balance besitzen, von der du sprichst. Wenn man dem Zuschauer einen Moment gibt sich zu entspannen und zu lachen, dann kann man ihn oder sie wieder mit etwas schocken. Von diesen eher widersprüchlichen Emotionen lebt ein guter Horrorfilm und in den 80ern hatten wir sehr viele davon und es war unser Ziel, einen Film nach diesem Muster mit The Witch Next Door zu machen.

Könnt ihr uns was zu neuen Projekten sagen, an denen ihr gerade arbeitet?
Drew: Wir arbeiten schon lange an einer Geschichte über Werwölfe, aber eine solche Kreatur zu erschaffen im Film ist in vielerlei Hinsicht eine noch größere Herausforderung als die Hexe in The Witch Next Door. Die Geschichte ist einzigartig und von einigen meiner persönlichen Erfahrungen geprägt und wir hoffen, dass dies unser nächstes Projekt werden wird.

Vielen Dank für das Gespräch.



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Brett Pierce/Drew Pierce [Interview]
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