Kritik

Sunburned

„Sunburned“ // Deutschland-Start: 2. Juli 2020 (Kino)

Eigentlich hatte sich die 13-jährige Claire (Zita Gaier) darauf gefreut, mit ihrer Mutter Sophie (Sabine Timoteo) und der zwei Jahre älteren Schwester Zoe (Nicolais Borger) gemeinsam Urlaub in Andalusien zu machen. Doch schon wenig später muss sie feststellen, dass sie dabei komplett auf sich alleine gestellt ist, weil die beiden anderen sich nur für sich selbst interessieren und kaum Zeit mit ihr verbringen. Während Claire nun verstärkt allein umherstreift, macht sie die Bekanntschaft des jungen senegalesischen Strandverkäufers Amram (Gedion Oduor Wekesa) und fühlt sich ihm verbunden. Und so beschließt sie ihm zu helfen, so gut sie eben kann – ohne zu ahnen, was sie damit anrichten wird …

So traurig es auch ist, man gewöhnt sich irgendwann an den Anblick des Leids, an die Bilder von Flüchtlingen, von Obdachlosen, die in den Städten unter Schaufenstern Schutz suchen, Menschen, die nichts haben. Wir sehen sie nicht mehr, wollen sie vielleicht nicht sehen, auch weil sie uns an all das erinnern, was nicht stimmt auf dieser Welt. Wenn Claire nun doch diesen Jungen sieht, der irgendwie versucht, über die Runden zu kommen, dann ist das Ausdruck eines noch nicht verdorbenen Blickes, der noch nicht gelernt hat sich abzuwenden. Aber es geschieht auch aus dem Gefühl einer Verbundenheit, fühlt sich die Deutsche doch ebenso verloren im äußersten Süden Spaniens. Und: Beide vermissen ihren Vater, der in beiden Leben nur eine ferne Gestalt ist.

Probleme des Alltags
Regisseurin und Drehbuchautorin Carolina Hellsgård hatte schon in ihren letzten Filmen Wanja und Endzeit von Frauen erzählt, die ihren Weg in dieser Welt suchen. Beim einen war es eine Ex-Gefängnisinsassin, die von einem neuen Leben träumt, beim anderen hieß es, sich durch Zombiehorden durchkämpfen zu müssen. Im Vergleich dazu ist die Geschichte von Sunburned deutlich alltäglicher, weniger spektakulär. Und doch legt die schwedische Filmemacherin, die in Berlin lebt, mir diesem leisen Drama ihr bislang bestes Werk vor. Denn sie erzählt hier von universellen Gefühlen, von Leid und kaputten Beziehungen, wie sie jeder irgendwo kennt – selbst wenn er nicht darüber spricht.

Vieles bleibt in Sunburned dann auch unausgesprochen. Gerade die Geschichte der Familie selbst, die ohne Vater verreist und bei der es innerhalb der drei Frauen keine echte Gemeinsamkeit gibt, deutet die diversen Verwerfungen nur an. Erst gegen Ende hin findet Claire ihre Stimme, kann sich in einer Welt behaupten, in der alle nur für sich selbst kämpfen. Diese Coming-of-Age-Elemente werden jedoch mit einem gesellschaftlichen Thema verknüpft, ähnlich wie es Zu weit weg kürzlich getan hat. In beiden Fällen trifft ein deutsches Kind auf ein Flüchtlingskind, bekommt einen Einblick in die Probleme der Welt und lernt dabei auch etwas über sich selbst.

Das schwierige Verhältnis
Während dies dort jedoch im Rahmen eines Plädoyers für mehr Gemeinsamkeit und Offenheit geschieht, da ist Hellsgårds Version ambivalenter. So bringt die gut gemeinte Hilfe von Claire nur noch mehr Scherereien, ist zudem nicht allein Ausdruck von Altruismus – die 13-Jährige will sich gleichzeitig an ihrer Mutter rächen, von der sie sich im Stich gelassen fühlt. Bemerkenswert ist dabei, wie sehr die Verhältnisse durch Besitztümer definiert sind. Auch wenn sich die beiden Zufallsbekanntschaften über mehrere Themen ausdrücken, am Ende geht es doch ums Geld. Amram braucht es, um seinem Vater zu gefallen, Claire, um damit Amram näherzukommen. Idealismus sieht da doch etwas anders aus.

Das ist alles schön umgesetzt, mit Respekt auch vor dem Publikum, das sich eigene Gedanken machen darf. Dazu gibt es tolle Bilder, welche mal das Idyllische betonen, mal die Einsamkeit – was sich beides in den anonymen Zimmern des Massenhotels trifft. Zum Ende hin wird es versöhnlicher, Sunburned sollte dann eben doch wärmen, nicht nur verbrennen. Das ist dann zwar ein bisschen plötzlich und unvorbereitet, kommt dafür ohne Kitsch aus. Stattdessen bleibt das Drama auch hier eines der leisen Töne, das in Detailarbeit vom schwierigen Aufwachsen erzählt, von einer überwältigenden, gleichgültigen Welt, aber auch den kleinen Gesten, die am Ende wieder ein Lächeln aufs sonnenverbrannte Gesicht zaubern und einen etwas hoffnungsvoller in die Zukunft blicken lassen.

Credits

OT: „Sunburned“
Land: Deutschland, Niederlande, Polen
Jahr: 2019
Regie: Carolina Hellsgård
Drehbuch: Carolina Hellsgård
Musik: Alex Simu
Kamera: Wojciech Staron
Besetzung: Zita Gaier, Gedion Oduor Wekesa, Sabine Timoteo, Nicolais Borger

Bilder

Trailer

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Sunburned
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Sunburned
In „Sunburned“ freundet sich eine im Stich gelassene 13-Jährige im Urlaub mit einem senegalesischen Strandverkäufer an. Das Drama erzählt dabei leise, aber mit schöner Detailarbeit von einer Verbundenheit, ebenso von einer Welt, in der Besitztümer immer wieder entscheidend sind – eine Mischung aus Coming of Age und Gesellschaftsporträt.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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