Der Fund war 1991 eine echte Sensation: Als zwei Bergwanderer in den Ötztaler Alpen eine mumifizierte Leiche entdeckten, stellte sich später heraus, dass diese seit rund 5300 Jahren dort liegen muss, was sie zur ältesten bekannten natürlichen menschlichen Mumie machte. Das gab Anlass, über vieles nachzudenken, was wir von der Steinzeit zu wissen glaubten. Der Fund war aber auch Anlass für kreative Spekulationen wie Der Mann aus dem Eis. In dem Steinzeitthriller spielt Jürgen Vogel den besagten Mann und zeigt die letzten Stunden vor dessen Tod. Am 27. Juli 2020 läuft der Film in der ZDF-Reihe „Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten“ und ist auch in der Mediathek zu finden. Das haben wir zum Anlass genommen, um uns mit dem Schauspieler über seine Rolle und die Dreharbeiten, aber auch unser Verhältnis zur Natur zu unterhalten.

Die Dreharbeiten zu Der Mann aus dem Eis waren bereits im Jahr 2016. Wie präsent ist dir der Film heute noch?
Ich denke inzwischen natürlich nicht mehr so oft darüber nach. Was aber ziemlich hängen geblieben ist, ist diese ganze Gegend in Südtirol, die Landschaft, die Natur. Das hat mich schon sehr geprägt. Ich war danach auch noch zweimal in Tirol und war auch in der Gegend, wo wir gedreht haben, weil ich die wahnsinnig schön fand. Man kann dort sehr gut wandern, essen und trinken.

Welche Erfahrungen bei den Dreharbeiten sind dir denn besonders in Erinnerung geblieben?
Das waren die gesündesten Dreharbeiten, die ich jemals hatte. Denn du konntest dort nichts anderes machen als laufen, joggen oder Sport. Die Dreharbeiten an sich waren ja schon gesund, weil man viel wandern war. Und am Wochenende hast du auch nichts anderes gemacht. Die meisten Hotels haben eine wunderschöne Sauna, man achtet dort schon sehr auf den Körper, Gesundheit und Ernährung. Die Bergseen sind auch toll. Wenn du nach einer langen Wanderung völlig verschwitzt in einen von diesen eiskalten Bergseen gehst, die gerade mal 5 Grad haben, dann denkst du, du stirbst. Aber es ist ein körperlich fantastisches Gefühl, das zu machen und danach weiterzuwandern.

Was hat dich an dem Film gereizt?
Zum einen war es schön, die Einsamkeit darzustellen in dieser unberührten Natur. Ich fand außerdem die ganze Geschichte spannend. Im Grunde ist Der Mann aus dem Eis ein Abenteuer-Rache-Film mit wenig Sprache, wo du mithilfe deines Körpers die Geschichte erzählst. Das war einfach mal eine Herausforderung.

Ein bisschen Sprache gibt es aber schon. Genauer sprichst du in Der Mann aus dem Eis eine archaische Sprache, wie man sie damals gesprochen hat. Wie lernt man Dialoge einer Sprache, die man gar nicht versteht?
Wir wussten natürlich schon, was das ungefähr bedeutet, weil uns ein Sprachwissenschaftler bei den Dreharbeiten unterstützt hat, der ein Buch über die Sprachen aus der Zeit und der Gegend geschrieben hat. Das war sehr spannend und super interessant. Im Film verwenden wir eine Art Tun-Sprache, eine simple Form der Kommunikation. Bei den frühen Fassungen von Sprachen, egal in welcher Kultur, werden ganz alltägliche Dinge, die man macht – töten oder jagen – mit Worten ausgedrückt, um so kommunizieren zu können. Wir haben also nicht einfach eine Fantasiesprache verwendet. Wenn wir ein Wort gesagt haben, wussten wir, das bedeutet für dieses Volk jetzt das.

Da du das Thema Rache angesprochen hast: Der Arbeitstitel des Films lautete ja auch Rache. Und man könnte durchaus sagen, dass Der Mann aus dem Eis ein steinzeitlicher Vorfahre der Rachethriller ist, die wir heute haben. Haben sich die Menschen in den 5000 Jahren so wenig geändert, dass man praktisch dieselben Geschichten erzählen kann?
Ich glaube tatsächlich, dass diese grundsätzlichen, existenziellen Gefühle zeitlos sind. Rache spielt immer noch eine große Rolle bei den Konflikten in dieser Welt. Deswegen fand ich auch, dass das nicht wirklich ein historischer Film war. Natürlich müsste man aus dieser Spirale der Gewalt raus, damit das mal ein Ende hat. Aber offensichtlich bekommen wir das nicht aus uns raus.

Gäbe es denn einen Weg, diese Rachegelüste aus uns rauszubekommen?
Man merkt bei der Geschichte, die wir da erzählt haben, dass das nicht wirklich zu einer Erlösung geführt hat, wie sich der Protagonist das vielleicht gewünscht hätte. Das Ziel wird am Ende erreicht, aber tatsächlich befriedigend ist das nicht. Das mochte ich. Die Menschen müssten also lernen, dass Rache keine Lösung ist, auch wenn wir das Bedürfnis danach haben.

Der Mann aus dem Eis

Jürgen Vogel in „Der Mann aus dem Eis“ (© Port au Princes Pictures)

Der Mann aus dem Eis ist ein sehr spekulativer Film darüber, was sich damals zugetragen haben könnte. Was macht es für uns so faszinierend, über eine derart lange zurückliegende Vergangenheit nachzudenken?
Der Mensch macht das glaube ich, weil er wissen will, warum er eigentlich da ist und wie das alles angefangen hat. Welche Rolle spielen wir? Welche haben wir gespielt? Welche sollten wir spielen? Wir nehmen uns ja das Recht, alles so zu gestalten, wie wir es wollen, weil wir die einzigen denkenden Lebewesen sind. Ich finde es interessant, das immer wieder in Frage zu stellen und darüber nachzudenken, wie sich das alles entwickelt hat. Das sind für mich spannende philosophische Fragen. Deswegen schauen wir uns glaube ich gerne Filme wie Jurassic Park an, wenn wir die Macht verlieren und plötzlich nur noch Futter sind.

Hat sich durch den Film deine Einstellung zur Natur geändert?
Ich habe vorher mal fünf Wochen in Norwegen gedreht und fand das fantastisch, bei -35 Grad draußen zu drehen. Hart, aber fantastisch. Deswegen war ich, was Kälte angeht, auch nicht mehr so ängstlich bei unserem Film. Ich werde die Bilder damals nicht vergessen, die Anstrengungen, die Art und Weise, wie du deinen eigenen Körper spürst. Dieses Gefühl, Teil der Natur zu sein, das bekommst du in der Stadt natürlich nicht. Das ist so simpel und macht gleichzeitig viel mit einem.

Dadurch dann zum Naturmensch geworden?
Ja, schon, würde ich sagen.

Es gibt durchaus diesen Trend, dass die Menschen wieder zurück zur Natur wollen und ein Teil davon zu sein, wie du sagst. Aber das ist oft ein bisschen idealisierend, weil es mit einer romantischen Vorstellung verbunden ist, was es heißt, in der Natur unterwegs zu sein.
Stimmt, das ist super brutal. Aber das ist ein realer Zustand. Wir können das hier weniger nachempfinden, weil unsere Umstände ganz anders sind. In anderen Teilen der Welt, je nachdem, wo die Menschen leben, sind sie schon sehr viel näher an der Natur und damit deren Brutalität.

Können wir das dann überhaupt noch? Können wir wirklich zurück zur Natur?
Das ist eine gute Frage. Viele würden es vermutlich nicht können. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns nicht doch mehr damit auseinandersetzen können und sollen, wer wir sind und wie wir mit der Natur umgehen.

Zur Person
Jürgen Vogel wurde am 29. April 1968 in Hamburg geboren. Nach einer Reihe von Film- und Fernsehproduktionen gelang ihm 1992 mit der Filmkomödie Kleine Haie der Durchbruch als Tellerwäscher, der unverhofft zur Schauspielerei kommt. Seither war er in mehr als 100 weiteren Filmen und Serien zu sehen, unter anderem als Lehrer in Die Welle (2008), in der Impro-Comedy Die Schillerstraße (2009-2011) oder als Todkranker in dem Drama Club der roten Bänder – Wie alles begann (2019). 1997 erhielt er den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller für die Tragikomödie Das Leben ist eine Baustelle, zwei weitere Male war er seither nominiert.



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Jürgen Vogel [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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