Kritik

Greyhound

„Greyhound“ // Deutschland-Start: 10. Juli 2020 (Apple TV+)

Nach langem Zögern sind die USA Anfang 1942 nun offiziell im Krieg und unterstützen die Alliierten, wo sie nur können. Und so findet sich Ernest Krause (Tom Hanks), ein langjähriger Marine-Veteran, an Bord der USS Keeling wieder. Seine Aufgabe: Er soll einen Konvoi von 37 Schiffen beschützen, die mit Soldaten und Ausrüstung gefüllt den Atlantik überqueren, um in Europa für Nachschub zu sorgen. Doch der Weg ist weit und gefährlich, unterwegs lauert der Feind bereits. Tatsächlich dauert es nicht lang, bis deutsche U-Boote ihnen auf den Fersen sind und das Leben aller bedrohen. Auf Krause lastet die Verantwortung schwer, umso mehr, da er keinerlei Kriegserfahrung hat …

Bislang war es in erster Linie Netflix, das die Wut auf sich zog, wenn mal wieder ein Film aufgekauft wurde, der eigentlich für einen Kinostart geplant war. Werke wie Auslöschung nicht auf der großen Leinwand sehen zu dürfen, das war für so manchen Cineasten ein Affront. Inzwischen hat man sich daran schon ein wenig gewöhnt. Hinzu kommt, dass derzeit aufgrund der Corona-Pandemie ohnehin die Kinos in weiten Teilen der Welt geschlossen sind, was solche Shoppingtouren opportuner werden lässt. Dennoch ist es irgendwie bemerkenswert, wie wenig Wellen es geschlagen hat, als Greyhound dieses Schicksal ereilte – umso mehr, da es hier eben nicht die üblichen Verdächtigen waren, sondern Apple, die sich das Werk einverleibt haben.

Eine Heldentat alter Schule
Es mag durchaus sein, dass die derzeitigen Ereignisse weltweit nicht unbedingt die Lust auf einen weiteren Film rund um den Zweiten Weltkrieg befeuern. Dabei dürfte Greyhound gerade im Moment die Form von Eskapismus sein, derer sich gerade in den USA einige erfreuen können. Tom Hanks, der nicht nur die Hauptrolle übernommen, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat, nimmt uns mit in eine Zeit, in der alles irgendwie einfacher war. Wenn die Amerikaner gegen Nazis kämpfen, dann weiß schließlich jeder, wer die Guten und wer die Bösen sind. Außerdem weiß man, im Gegensatz zur derzeitigen Katastrophe, dass am Ende alles gut ausgehen wird, was schon ein bisschen Labsal für die geschundene und von Zweifeln zerfressene Seele ist.

Dabei war der zugrundeliegende Roman von C. S. Forester durchaus von Zweifeln geprägt. Die betrafen jedoch weniger die Aufgabe an sich als vielmehr den Protagonisten, der immer wieder unsicher ist, ob er der Aufgabe gewachsen ist. Der auch mit sich ringt, wie er den anderen an Bord begegnen soll, die jünger sind, einen niedrigeren Rang haben, dafür aber mit Kampferfahrung ausgestattet sind. In Greyhound ist davon nur hin und wieder mal was zu spüren. Die introspektiveren Momente wurden stark reduziert. Zwar dürfen wir erfahren, dass Krause auf eine derart monumentale Aufgabe nicht vorbereitet war. Doch das dient mehr dazu, ihn am Ende zu einem noch größeren Helden zu machen. Anders als bei Sully, wo Hanks bereits einen Helden wider Willen verkörperte, gibt es hier keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Liebe zum Schiffsdetail
Sehr viel mehr als für die Figuren interessiert sich der Film dabei für den Kampf gegen den unsichtbaren Feind. Und doch sollte man sich hiervon kein Action-Spektakel à la Midway – Für die Freiheit erwarten. Das lässt zum einen die Situation nicht zu, wenn hier eben keine gigantischen Truppen Jagd aufeinander machen, sondern man mehr oder weniger allein auf weiter Flur ist – Schauplatz ist ein Teil des Atlantiks, an dem Flugzeuge nicht zum Einsatz kommen können. Vor allem aber ist Hanks viel zu fasziniert davon, den technologischen Aspekt des Kampfes zu betonen. Wo andere gerne aufs große Ganze gehen, da ist Greyhound von einer Liebe zum Detail erfüllt, wenn Prozedere und Fachausdrücke auf das Publikum herabprasseln, so als hätte man gleich ganz mit einer Dokumentation geliebäugelt.

Fürs Auge gibt es dabei aber schon einiges. Den Titel des Films, der sich auf den Rufnamen der USS Keeling bezieht, nahm man irgendwie wörtlich: Zeitweise ist es nicht ganz einfach, das Grau des Schiffes von dem des Wassers und des Himmels zu trennen. Aber es ist eben auch sehr atmosphärisch, es gelingt Regisseur Aaron Schneider dabei gut, die aussichtslose Lage und das Gefühl des Ausgeliefertseins zu veranschaulichen. Und natürlich macht es wie immer Spaß Hanks zuzusehen, der hier den Kriegshelden von nebenan mimt, abseits vom Pomp und Pathos, den solche Filme normalerweise zelebrieren. Greyhound mag es da etwas zurückhaltender, schlichter, was sicher nicht jedem gefallen wird, aber doch auch irgendwie eine Wohltat ist – und mit gerade mal 90 Minuten Laufzeit abzüglich der Credits überraschend kurz.

Credits

OT: „Greyhound“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Aaron Schneider
Drehbuch: Tom Hanks
Vorlage: C. S. Forester
Musik: Blake Neely
Kamera: Shelly Johnson
Besetzung: Tom Hanks, Stephen Graham, Rob Morgan, Elisabeth Shue

Bilder

Trailer

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Greyhound
In „Greyhound“ spielt Tom Hanks einen Kommandanten, der im Zweiten Weltkrieg trotz fehlender Erfahrung ein Schiffs-Konvoi durchs feindliche Gewässer führen soll. Der Film ist dabei in mehrfacher Hinsicht minimalistisch, was ihm mal zugutekommt, mal weniger, gefällt aber durch seine Bilder und die Liebe zum Detail.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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