Kritik

Night Tide

„Night Tide“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Während seines Landurlaubs in Santa Monica trifft der junge Matrose Johnny Drake (Dennis Hopper) auf die schöne, aber mysteriöse Mora (Linda Lawson). Wie verzaubert ist er von der jungen Frau, die ihm beim ersten gemeinsamen Frühstück von ihrer seltsamen Arbeit berichtet, denn sie arbeitet in einem Kuriositätenkabinett als Meerjungfrau. Bereits am selben Tag besucht Johnny sie auf der Arbeit und macht sogleich Bekanntschaft mit Kapitän Murdock (Gavin Muir), Besitzer des Kabinetts und so etwas wie Moras Ersatzvater, da er sie einst von der griechischen Insel Mykonos in die Vereinigten Staaten brachte. In seiner Verliebtheit ignoriert Johnny die Warnungen von Moras Nachbarin, die ihm sagte, dass die letzten beiden Liebhaber der jungen Frau tot am Strand aufgefunden wurden. Als die Beziehung zwischen Johnny und Mora ernster wird, gesteht sie ihm, dass sie sich für eine Sirene hält, jene mythische Kreatur, deren Schönheit und Gesang für viele Seeleute den Tod bedeutete. Seitdem sie Murdock einst vor deren Einfluss rettete, versucht Mora verzweifelt ihrer Natur zu entfliehen, sich dem Einfluss der Sirenen und dem Ruf des Meeres zu erwehren, was schon zwei Männer das Leben gekostet hat. Aufgrund seiner Liebe zu ihr und weil er an eine Erklärung für all die seltsamen Vorkommnisse in Moras Leben glaubt, versucht Johnny ihr zu helfen, doch damit bringt er sich in große Gefahr.

Zwischen Romantik und Wirklichkeit
Nach einer ganzen Reihe von sehr ambitionierten Kurzfilmen, die auf US-amerikanischen Festivals sehr viel Beachtung fanden, legte Independent-Regisseur Curtis Harrington mit Night Tide sein Spielfilmdebüt vor. Wie Harrington in seinen treffend betitelten Memoiren Nice Guys Don’t Work in Hollywood schreibt, war der Weg dahin vor allem wegen der leidigen Finanzierung sehr steinig und geprägt von Hindernissen, wie einem Unfall Dennis Hoppers kurz vor dem letzten Drehtag, welcher die gesamte Produktion ordentlich ins Schleudern brachte. Trotz all dieser Hürden ist ein Film entstanden, der lange verloren schien und dessen Mischung aus Romantik, Mythos und Horror seinen Zuschauer in den Bann zieht.

Anders als das Metier des Jahrmarktes und des Kuriositätenkabinetts vermuten lässt, ist Curtis Harrington kein Regisseur der großen Effekte, sondern einer, der viel Wert auf eine unheimliche, unberechenbare Atmosphäre legt. Diese Mischung aus Budenzauber, verschiedener Motive aus dem Bereich der antiken Mythen sowie Schwarz-Weiß-Fotografie Vilis Lapenieks’ tragen zu der Gesamtwirkung eines Films bei, der seinen Zuschauer lange im Unklaren lässt. Das Surreale in Harringtons Film hat viel gemein mit anderen Independent-Produktionen der Zeit, vor allem Werken wie Herk Harveys Tanz der toten Seelen.

Mit dem Übertritt in das Reich des Jahrmarkts, der Kuriositäten und der Karussells betritt der Zuschauer gemeinsam mit dem von Dennis Hopper gespielten Johnny ein Universum, in dem das Rational-Erklärbare der modernen Welt nicht mehr funktioniert. Wie in Trance oder in einem Tanz vermischen sich beide Ebenen der Wahrnehmung, sodass die Möglichkeit einer Meerjungfrau in der heutigen Welt nicht mehr unmöglich scheint.

Der verführerische Ruf des Meeres
Die visuellen Landschaften, die ständige Nähe zum Meer und den damit verbundenen Mythen ist nicht nur eine mystische, sondern immer auch eine psychologische Landschaft. Die an Symbolik reichen Drehorte, vom Jahrmarkt bis hin zum Strand, verweisen auf eine tiefe Sehnsucht, eine nach dem Tod und nach der Liebe eines Menschen gleichermaßen. Sowohl Hoppers Johnny als auch Linda Lewtons Mora sind solche Heimatlosen, die sich nach dem festen Boden des Landes sehnen, aber die den verführerischen Ruf des Meeres nicht überhören können, was ihrer Liebe einen gewissen Fatalismus gibt.

Ergänzt wird ihre Geschichte durch die Filmmusik des berühmten Komponisten David Riskin, die gerade diese Mischung aus Sehnsucht und Fatalismus, zwischen Traum und Wirklichkeit betont. Schön ist in diesem Zusammenhang das Zusammenspiel von Musik und Bild, wenn Mora auf Zuruf eines Musikers einen Tanz aufführt, der sich mehr und mehr in eine Art Fieber steigert, dem sich Johnny wie auch die Umstehenden nicht mehr entziehen können.

Credits

OT: „Night Tide“
Land: USA
Jahr: 1961
Regie: Curtis Harrington
Drehbuch: Curtis Harrington
Musik: David Raskin
Kamera: Vilis Lapenieks
Besetzung: Dennis Hopper, Linda Lawson, Gavin Muir, Luana Anders

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Night Tide
4.45 (89.09%) 11 Artikel bewerten

Night Tide
„Night Tide“ ist ein visuell suggestiver, schön fotografierter Film, in dem sich Traum und Wirklichkeit vermischen. Trotz kleineren technischen Mängeln, die wohl dem knapp bemessenen Budget des Films geschuldet sind, ist Curtis Harringtons Film eine wahre Fundgrube für Cineasten und alleine schon wegen des Auftritts des noch jungen Dennis Hopper sehenswert.
8von 10

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