Kritik

„Krautrock 1“ // Deutschland-Start: 18. Juni 2020 (Kino)

Wer sich für Progressive Rock interessiert, also jene Musikrichtung, die etwa durch ungewohnte Instrumente oder neuartige Songstrukturen die Definition erweitern wollten, was Rock genau bedeutet, der sollte sich die Namen Adele Schmidt und José Zegarra Holder merken. Seit Jahren schon drehen die beiden Dokumentarfilme rund um dieses Thema, 2010 ging es mit Romantic Warriors: A Progressive Music Saga los. Hierzulande bekam man relativ wenig davon mit: Während die DVDs online problemlos zu bekommen sind, fand sich bislang kein deutscher Verleih, der sich der Filme annehmen wollte. Erst mit dem vierten Teil Romantic Warriors IV: Krautrock (Part 1) ändert sich das, wenngleich der Titel aus naheliegenden Gründen in das leichter verkäufliche Krautrock 1 abgeändert wurde.

Gesehen haben muss man die „Vorgänger“ ohnehin nicht, mit Krautrock 1 wird ein zwar verwandtes, aber doch völlig eigenständiges Kapitel aufgeschlagen. Und eben eines, das für das hiesige Publikum interessant sein dürfte. Wer mit der etwas bieder klingenden Bezeichnung Krautrock nichts anfangen kann, der bekommt hier einen ersten Einblick in eine Musikszene, die so gar nicht mit dem zu vergleichen war, was in den 60ern und 70ern sonst so in Deutschland geschah. Denn während deutsche Musik sich entweder an englischsprachigen, erfolgreichen Vorbildern abarbeitete oder die eigene Schlagerkultur pflegten, wollten die Vertreter dieser Rockrichtung bewusst neue Wege einschlagen, experimentieren, etwas Eigenes schaffen.

Eine Musik abseits der Definitionen
Eine genaue Definition, was Krautrock ist, liefern Schmidt und Holder nicht, was bei einer Richtung, die genau solche Definitionen ablehnt, aber verständlich ist. Vielmehr war der Begriff der Versuch, etwas wieder einzufangen, das sich aufgemacht hatte, überall nach Inspirationen und Möglichkeiten zu suchen – was zu einem breit gefächerten Sammelsurium der unterschiedlichsten Klänge und Ausprägungen geführt hat. Krautrock 1 versucht dann auch nicht, bis ins letzte Detail alles aufzeigen zu wollen. Vielmehr werden stellvertretend einige bedeutende Vertreter herausgepickt, die dann ihre Version der Geschichte erzählen dürfen.

Als Laie werden einem diese Vertreter vermutlich wenig sagen. Lediglich Kraftwerk, die nach einer experimentellen Anfangsphase mit Synthesizer-Titeln wie Autobahn und Das Model internationale Hits hatten und zahlreiche andere Bands beeinflussten, stechen da etwas heraus. Krautrock 1 verfällt jedoch nicht der Versuchung, sich um dieses populäre Aushängeschild zu scharen. Vielmehr dient die 1970 in Düsseldorf gegründete Band als Beispiel dafür, wie sich die Szene weiterentwickelte, bei ihrer Abkehr vom Mainstream selbst zu einem solchen werden konnte – was nicht jedem gefallen hat.

Konventionell, aber spannend
Das ist aber nur eine von vielen Geschichten, die hier festgehalten werden, ob Can, La Düsseldorf oder Floh de Cologne, da wurde mit zahlreichen Wegbereitern gesprochen, die damals dabei waren, zum Teil auch heute noch munter weitermusizieren. Der Dokumentarfilm selbst ist dabei relativ konventionell, versucht sich selbst nicht an Experimenten, sondern setzt auf die in dem Bereich übliche Mischung aus Archivaufnahmen, Musikbeispielen und Interviews. Schmidt und Holder wollen über Menschen sprechen, die deutsche Musik mit Innovationen voranbringen wollen, auf eigene Innovationen verzichten sie.

Langweilig wird Krautrock 1 deshalb aber nicht. Zum einen haben sie Gesprächspartner gefunden, die sehr viel über die damalige Zeit zu sagen haben, die zwei Stunden sind vollgestopft mit Anekdoten und persönlichen Erlebnissen. Außerdem bringt eine Richtung, die nur bedingt als eine wirkliche Richtung durchgeht, quasi automatisch mit, dass es musikalisch abwechslungsreich wird. Als Einstieg für Neulinge ist das ideal, Experten dürfen sich zumindest darauf freuen, den Veteranen zuhören zu dürfen. Und weitere sind bereits in den Startlöchern: Nachdem sich der Film überwiegend um Band aus NRW kümmerte, sollen in zwei weiteren Filmen auch solche aus Bayern, Hessen und Berlin zu Wort kommen, darunter weitere große Namen wie Amon Düül II und Tangerine Dream. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Folgedokus ebenfalls ihren Weg zu uns finden – unter welchem Titel auch immer.

Credits

OT: „Romantic Warriors IV: Krautrock (Part 1)“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Adele Schmidt, José Zegarra Holder

Bilder

Trailer

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Krautrock 1
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Krautrock 1
„Krautrock 1“ nimmt uns mit in die 60er und 70er, als deutsche Bands mit ungewohnten Klängen und Instrumenten experimentierten. Der Dokumentarfilm ist zwar viel weniger abenteuerlich als die Musik der damaligen Zeit, ist aber sowohl für Einsteiger wie auch Experten interessant, wenn zahlreiche Vertreter einer ganz eigenen Szene zu Wort kommen.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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