Kritik

Der große Crash Margin Call

„Der große Crash – Margin Call“ // Deutschland-Start: 29. September 2011 (Kino) // 24. Februar 2012 (DVD/Blu-ray)

Im Rahmen einer groß angelegten Entlassungswelle in einer namhaften New Yorker Bank wird auch der erfahrene Risikomanager Eric Dale (Stanley Tucci) entlassen. Bevor er der Bank ganz den Rücken kehrt, gibt Peter Sullivan (Zachary Quinto), einem jungen Mitarbeiter und Kollegen Dales, einen USB-Stick mit der Bitte, seine letzte Arbeit zu vervollständigen. Als Sullivan die Daten auf dem Stick sichtet, entdeckt er, dass seine Firma kurz vor dem Bankrott steht aufgrund von Einkäufen völlig wertloser Papiere. Während er zunächst nur einige seiner Kollegen, darunter der langjährige Mitarbeiter Will Emerson (Paul Bettany), in den brisanten Fund einweiht, wird schnell klar, dass sie noch am gleichen Abend die Leitung der Bank informieren müssen, da schnell gehandelt werden muss, wenn man das Schlimmste vermeiden will. In einem eilig anberaumten Meeting, an dem Sullivans Boss Sam Rogers (Kevin Spacey), die Chefin der Abteilung Risikomanagement Sarah Robertson (Demi Moore) und der Manager der Bank John Tuld (Jeremy Irons) teilnehmen, wird beraten, wie man nun weiter verfährt. Allen Beteiligten wird klar, dass ein Verkauf der Papiere zwar die Firma retten kann, aber dafür ein gefährliches Ungleichgewicht an der Börse verursachen wird. Die Folgen ihres Handelns hätten somit für das ganze Land, wenn nicht gar die ganze Welt katastrophale Folgen.

Die Ideologie des Marktes
Mit Der große Crash – Margin Call kehrte der mittlerweile bekannte Regisseur J. C. Chandor im Jahre 2011 sein ambitioniertes, sehr brisantes Debüt hinter der Kamera vor, welches ihm sogleich eine Oscar-Nominierung für das beste Original-Drehbuch einbrachte. Als Sohn eines Anlagebankiers kennt sich Chandor gut aus im Milieu, welches der Film beschreibt und dessen Praktiken und Persönlichkeiten er im Rahmen der Finanzkrise 2007 genauer beleuchtet. Herausgekommen ist dabei ein Film über den Vorabend einer Katastrophe und vor allem über die Mentalität, welches es überhaupt so weit hat kommen lassen.

Mittlerweile gibt es mit Filmen wie beispielsweise Adam McKays The Big Short viele Geschichten, welche sich mit der Finanzkrise und ihren Folgen befassen. Chandors Ansatz ist zu vergleichen mit dem eines Katastrophenfilms, mit dem Unterschied, dass in Der große Crash diese nicht mehr zu verhindern ist und das eigentliche Ereignis erst nach den Ereignissen des Filmes stattfindet, wissentlich ausgelöst von eben jenen Akteuren, welche die Grundvoraussetzungen dafür geschaffen haben. In den Gleichungen der Handelnden haben die Menschen auf den Straßen keinen Platz, sind bestenfalls nur ein vager Gedanke, dem man sich, abgeschirmt in den Eckbüros eines Wolkenkratzers, nährt. Was zählt, sind die Zahlen auf den vielen Bildschirmen, die Sekunden, in denen man einen Deal abschließen kann sowie das eigene „Überleben“, also, dass man am Abend des gleichen Tages noch einen Job hat, zu dem man am Morgen zurückkehren kann. Freilich geht dann das „Spiel“ wieder von vorne los.

Konsequenterweise spielt sich die Handlung von Der große Crash beinahe ausschließlich in den Geschäftsräumen der Bank ab. Die Katastrophe und deren Abwicklung wird in kühlen Zahlen und Fakten in Konferenzräumen dargelegt und schlussendlich abgewickelt, immer unter der Prämisse des eigenen „Überlebens“, einer Mentalität, die sich nur wenig von der „Gier ist gut“-Rede eines Gordon Gekko aus Oliver Stones Wall Street unterscheidet. Das Ich und die Firma sind die einzig signifikanten Aspekte, es ist alles nur ein Geschäft und Geld, wie es Jeremy Irons’ Figur an einer Stelle abgeklärt sagt, ist letztlich nur abstrakt, nur eine Zahl auf dem Bildschirm.

Die Musik ist aus
Wie in vielen seiner Filme zeigt Chandor Figuren, die vor ein tiefes persönliches wie auch moralisches Dilemma gestellt sind. Während andere für sich keine andere Wahl mehr sehen, als, um es in den Worten einer der Charaktere zu sagen, weiter zu tanzen, obwohl die Musik schon lange aus ist, stellen andere das System und dessen Ideologie infrage. Gerade in dieser Hinsicht zeigt sich das Gespür für Besetzung und das Talent des phänomenalen Ensembles, welches Chandor für seinen Film versammelt hat. Neben Spacey, der seine Figur mit einer Mischung aus Routine und Erschöpfung spielt, ein Resultat aus Jahren des Übergangenwerdens, sind es vor allem Figuren wie der von Paul Bettany gespielte Emerson oder Stanley Tuccis Eric Dale, welche die emotionalen Extreme einer Arbeit offenbaren, die zur Selbstsucht erzieht, zu unpersönlichem Denken und Skrupellosigkeit.

Credits

OT: „Margin Call“
Land: USA
Jahr: 2011
Regie: J. C. Chandor
Drehbuch: J. C. Chandor
Musik: Nathan Larson
Kamera: Frank DeMarco
Besetzung: Kevin Spacey, Paul Bettany, Zachary Quinto, Jeremy Irons, Demi Moore, Simon Baker, Stanley Tucci

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2012 Bestes Originaldrehbuch J. C. Chandor Nominierung
Film Independent Spirit Awards 2012 Bester Debüt-Film Sieg
Bestes Debüt-Drehbuch J. C. Chandor Nominierung
Bestes Ensemble Sieg

Filmfeste

Sundance Film Festival 2011
Berlinale 2011
Zurich Film Festival 2011

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Der große Crash – Margin Call
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Der große Crash – Margin Call
"Der große Crash" ist eine spannende Mischung aus Thriller und Drama. Regisseur J. C. Chandor zeigt sich als ambitionierter Geschichtenerzähler, der, unterstützt durch ein tolles Schauspielerensemble, seinen Zuschauer selbst durch die komplexesten Wendungen und Aspekte führt und die Aktualität der Themen seines Films betont.
8von 10

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