Kritik

Blue Story

„Blue Story – Gangs of London“ // Deutschland-Start: 25. Juni 2020 (Kino)

Eigentlich waren Timmy (Stephen Odubola) und Marco (Micheal Ward) gute Freunde, verstanden sich in der Schule immer. Doch auf der Straße gelten andere Regeln, da sie in unterschiedlichen Vierteln im Süden Londons wohnen und damit verschiedenen Gangs angehören. Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen, in denen Menschen verletzt werden, wenn nicht noch mehr. Aus den beiden Freunden werden so mit der Zeit Feinde, die sich offen bekämpfen und irgendwann dazu bereit sind, in ihrem Kampf aufs Äußerste zu gehen …

Ein Film mit dem Titel Blue Story, der sich um schwarze Jugendliche dreht, das weckt in dem aktuellen Klima, das von Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus Schwarzen gegenüber geprägt ist, natürlich gewisse Erwartungen. Doch mit diesen hat der Film nichts zu tun. Tatsächlich ist er schon etwas älter, kam in England im November in die Kinos, wo er durchaus erfolgreich lief. Hierzulande gehört er zu den ersten, die nach den Wiedereröffnungen gezeigt werden. Ob dem englischen Krimidrama mehr Aufmerksamkeit zuteilwird, als es unter regulären Bedingungen der Fall gewesen wäre, das bleibt abzuwarten. Eins ist es jedoch sicher nicht: ein gefälliger Lückenbüßer.

Nur die Rache zählt
Vielmehr ist Blue Story – Gangs of London ein Film, der durch Mark und Bein geht. Hoffnungsschimmer gibt es in dem Werk kaum, nach ein paar schöneren Momenten zu Beginn der Geschichte geht es eigentlich nur noch bergab. Regisseur und Drehbuchautor Rapman, der in England durch seine YouTube-Serie bekannt wurde, zeigt uns eine Welt, in der es nur Gewalt und Rache gibt. Jeder Angriff muss bestraft werden, durch einen noch heftigeren Angriff. Aussicht auf Versöhnung gibt es nicht, auch weil in dem Film zwar viel geschimpft, aber wenig gesprochen wird. Dass das Ganze ein böses Ende nehmen muss, daran wird hier kein Zweifel gelassen, die zunehmenden Eskalationen lassen den Figuren keinen anderen Ausweg.

Blue Story – Gangs of London ist dabei eine etwas eigene Mischung aus Bekanntem und Eigenem, aus Authentischem und Künstlerischem. Auffällig ist, wie sehr die Figuren den Slang der Straße pflegen, eine Sprache, die man als Außenstehender nur hin und wieder mal verstehen wird. Nicht ohne Grund wurde der Film selbst in den USA teilweise mit Untertiteln gezeigt, um den Ausdrücken der englischen Hauptstadt folgen zu können. Wobei die Geschichte nicht zwingend voraussetzt, dass man jedes Wort der Dialoge kennt. Es wird ohnehin mehr durch das Auftreten der Figuren erzählt, die dem anderen keinen Zweifel lassen, was Sache ist. Und falls doch mal die Gefahr eines Missverstehens im Raum stehen sollte, dann wird einfach zugeschlagen.

Mehr Taten als Worte
Effektiv ist diese Sprache der Fäuste sicherlich, nach und nach werden die Figuren demontiert. Für eine tiefergehende Charakterarbeit ist eine solche Sprache jedoch eher weniger zu gebrauchen. Aber daran hatte Rapman wohl auch weniger Interesse. Er erzählt eine bewusst klassische Geschichte um Gangrivalitäten und Parallelgesellschaften, deren einzige Möglichkeit zur Selbstbehauptung die Unterdrückung ist. Über die Viertel und deren Bewohner hat Blue Story – Gangs of London hingegen relativ wenig zu sagen, die Handlung verengt sich auf die Eskalation. Die wenigen persönlichen Elemente werden nach und nach zerstört, bis nur noch Aggression übrigbleibt, alternativ ein damit verbundenes Ohnmachtsgefühl. Gerade den Frauenfiguren bleibt nichts anderes übrig, als verzweifelt am Rand der Arena zu stehen und dem sich anbahnenden Desaster zuzusehen.

Während das inhaltlich vielleicht nicht die größte Spannung mit sich bringt, ist die Umsetzung dafür interessant. Rapman drehte hier so etwas wie eine moderne Auflage eines klassischen Theaterstücks, untermalt mit passenden Rapklängen. Diese muss man dann selbst nicht mögen, aber sie verleihen dem Film doch eine eigene künstlerische Note und sind ein bewusster Gegenpol zu den rauen, dokumentarischeren Ansätzen, welche das Drama verfolgt. Das Ergebnis ist ein kraftvoller, energetischer Film, der auch das Publikum kräftig durchprügelt und einen im Anschluss betreten aus dem Kino schleichen lässt, in dem Wissen, dass selbst mit dem Abspann das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, so rhythmisch es auch vorgetragen wurde.

Credits

OT: „Blue Story“
Land: UK
Jahr: 2019
Regie: Rapman
Drehbuch: Rapman
Musik: Jonathon Deering
Kamera: Simon Stolland
Besetzung: Stephen Odubola, Micheal Ward, Eric Kofi-Abrefa, Khali Best, Karla-Simone Spence, Richie Campbell

Bilder

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Blue Story – Gangs of London
„Blue Story – Gangs of London“ erzählt von zwei Freunden, die zu rivalisierenden Gangs gehören und in diesen Begegnungen nach und nach zu Feinden werden. Das Krimidrama bleibt bei den Figuren an der Oberfläche und verzichtet auf Überraschungen. Dafür ist die Umsetzung interessant, verbindet Authentizität mit Theatralik zu einem Film, der einen hoffnungslos zurücklässt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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