Kritik

Songs of Repression

„Songs of Repression“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Gerade in der heutigen Welt der Digitalisierung und der Leistungsorientierung erleben wir eine Neu-Definition des Individuums. Während auf der einen Seite einmalige, individuelle Erfahrungen gelobt werden, so werden auf der anderen Seite einheitliche Werte in den Vordergrund gestellt, solche, die vergleichbar und universell sind. Diese Entwicklung hat nicht nur zur Entwicklung der heutigen Leistungsgesellschaft beigetragen, sie setzt auch den Menschen von heute unter eine enorme Belastung sowohl körperlicher wie auch emotionaler Art. Für viele scheint mehr und mehr die kollektive Erfahrung erstrebenswert, alleine schon, weil die Erfahrung zeigt, dass gerade die Sicherheit einer Gruppe auch förderlich für die einzelne Person sein kann. Andererseits, mit Blick auf beispielsweise die populistische Wende in vielen Teilen der Welt, öffnet diese Re-Orientierung hin zum Kollektiv auch jenen Tür und Tor, die eine andere Agenda oder Politik im Sinn haben und die das Individuum am liebsten ausmerzen würden.

Dass gerade in einer Zeit, in der sich solche Entwicklungen auf globaler Ebene zeigen, die Erinnerung an die monströsen Auswüchse des Kollektivs wie auch des Individuums nötig ist, mag wohl auch eine der treibenden Kräfte hinter Songs of Repression sein, der neuen Dokumentation von Estephan Wagner und Marianne Hougon-Moraga. In dieser gehen sie den Spuren der Colonia Diginidad nach, einer Kolonie und Sekte, die 1961 von dem deutschen Paul Schäfer gegründet wurde und vor allem wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen unter dem Pinochet-Regime, welches Schäfers Kolonie unterstützte, bekannt wurde. Neben diesem Aspekt ihrer Geschichte sprechen die beiden Filmemacher mit den Bewohnern der seit 1988 Villa Baviera betitelten Gemeinde über ihre Vergangenheit unter dem Regime Schäfers, die Hierarchie der Colonia Dignidad und wie allgemein die Menschen mit dieser Vergangenheit umgehen.

Bilder der falschen Freiheit
Alleine auf Basis der Landschaftsaufnahmen möchte man als Zuschauer der Meinung der zahlreichen Touristen zustimmen, welche die Villa Baviera tagtäglich besuchen und sie für paradiesisch halten. Fast wie im deutschen Heimatfilm muten einige der Aufnahmen an, vor allem, wenn dann auch noch eine Gruppe Menschen anfängt zu singen, zu jodeln und gottesfürchtige Lieder zitiert. Der Eindruck dieser Gemeinde und ihrer Bewohner wird in dessen leitenden Personen, mit denen sich die Filmemacher auch unterhalten, perfekt gespiegelt, vereinen sie doch die provinzielle Spießigkeit mit einer gewissen Weltoffenheit, was sich gerade in dem sehr gut laufenden Tourismus zeigt, den der Gesprächspartner Wagners und Hougon-Moragas passenderweise als wichtiges Fundament seiner Gemeinde betrachtet.

Doch wie im Heimatfilm ist das Paradiesische der weiten Landschaften und der saftig grünen Natur zugleich eine Falle, eine falsche Freiheit. Hinter dem touristisch gut verkäuflichen Image verbirgt sich eine dunkle Wahrheit oder vielmehr ein Trauma, welches noch nicht für alle Mitglieder der Gemeinde überwunden ist und dessen volles Ausmaß wohl irgendwo in den zahlreichen Massengräbern rund um die Kommune begraben liegt, jenen Gräbern also, die man, als man im Namen Pinochets Gefangene quälte und tötete, aushob.

In einem groß angelegten Akt des „Vergebens und Vergessens“ beschloss die Gemeinde vor vielen Jahren ihre Vergangenheit und ließ damit das Kapitel Paul Schäfer hinter sich. Nun ist dies, daran lassen viele der Gesprächspartner keinen Zweifel, eine Weiterführung jener Repression, die man als Heranwachsender ertrug, von denen noch immer die Ausstellungen auf dem Gelände der Villa Baviera berichten. Albträume, Wut, Frustration und eine nicht zu ergründende Angst sind Emotionen, die man auf den Gesichtern vieler Menschen erkennen kann, während andere wiederum das „Vergeben und Vergessen“ akzeptiert haben. Verurteilen tut das Auge der Kamera wahrlich nicht, aufdecken allerdings schon.

Credits

OT: „Songs of Repression“
Land: Dänemark
Jahr: 2020
Regie: Estephan Wagner, Marianne Hougon-Moraga
Kamera: Estephan Wagner, Marianne Hougon-Moraga

Bilder

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Songs of Repression
„Songs of Repression“ ist eine beeindruckende, teils sehr bedrückende Studie über die Colonia Dignidad, ihre Strukturen und ihre Spuren bis heute samt dem noch immer zu spürenden Trauma, das sie bei vielen hinterlassen hat. Mit ihren Bildern und Gesprächspartnern weisen Estephan Wagner und Marianne Hougon-Moraga auf das Heute, auf unsere Welt und die Auswüchse von Individualismus wie auch des Kollektivismus.
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