Kritik

Ich brauche euch

„Ich brauche euch“ // Deutschland-Start: 11. Mai 2020 (TV)

Für Silvi Jäger (Mavie Hörbiger) könnte der Schock nicht größer sein. Auch wenn das Verhältnis zu ihrer Schwester nicht mehr das beste war, deren Tod geht ihr schon sehr nahe – zumal sie auch noch von ihrem eigenen Mann ermordet wurde. Nun liegt es an Silvi, sich um ihren Neffen Jani (Elias Eisold) und ihre Nichte Alexandra (Geraldine Schlette) zu kümmern, die erst einmal ohne Zuhause sind. Einfach ist das nicht. Zum einen sind die Kinder völlig traumatisiert und wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Zum anderen ist Silvi ausgesprochen freiheitsliebend, ist es gewohnt alle auf Abstand zu halten – und muss nun ihr komplettes Leben auf den Kopf stellen …

Wird jemand zu Beginn eines Films ermordet, dann lautet im Krimi immer die Frage: Wer hat es getan? Sollte dies bereits geklärt sein, wie es bei Ich brauche euch der Fall ist, könnte stattdessen die Geschichte darum aufgebaut sein, ob der Täter erwischt wird. Aber auch das geschieht hier zum Auftakt. Die dritte naheliegende Frage zielt auf das Motiv ab, denn aus reiner Willkür mordet man normalerweise nicht. Doch auch dieser Überlegung entzieht sich das Drehbuchduo Max Färberböck und Catharina Schuchmann, kommt erst viel später zurück darauf zu sprechen. Stattdessen stehen die Überlebenden im Vordergrund und der Versuch, nach dieser Tragödie wieder ein neues Leben zu beginnen.

Zwischen Abhängigkeit und Freiheitsliebe
Das kann ausgesprochen bewegend sein, wie der französische Kollege Mein Leben mit Amanda vorgemacht hat – dort war es ein junger, noch nicht ganz reifer Mann, der sich um die Tochter seiner getöteten Schwester kümmern muss und gemeinsam mit einem sinnlosen Mord rang. Einfach ist eine solche Situation nicht, für keinen der Beteiligten. Nicht für die Kinder, die nicht verstehen können, warum der geliebte Elternteil nicht mehr da ist. Nicht für freiheitsliebende Angehörige, die nun auf einmal Kinder versorgen müssen, ohne eine Ahnung zu haben, wie das geht. Eine ganze Weile hält sich Ich brauche euch in diesem Themenkomplex auf, zeigt die Schwierigkeiten von Silvi, Teile ihres Lebens aufgeben zu müssen, plötzlich abhängig zu werden. Zeigt aber auch Jani, der seine Mutter nicht einfach gehen lassen kann und sich deshalb in die Vorbereitungen für die Beerdigung stürzt.

Alexandra gibt es natürlich auch, doch Färberböck und Schuchmann interessieren sich kaum für sie. Eingeführt wird sie mit den Worten, dass sie wenig spricht, was bereits darauf schließen lässt, dass da etwas nicht gut lief in der Familie. Direkt im Anschluss spielt das aber schon keine Rolle mehr, wenn sie sich frei mit allen unterhält, als wäre nie etwas gewesen. Meistens wird eine solche Wandlung in Filmen irgendwie erarbeitet, durch eine allmähliche Annäherung beispielsweise. Ich brauche euch unterschlägt diese, geht einfach zum nächsten Punkt über. Und von denen gibt es eine ganze Menge, war im Hause Jäger doch irgendwie alles und jeder kaputt, vom dominanten Großvater über das unglückliche Ehepaar bis zu den Enkeln, die keine wirklich normale Entwicklung durchgemacht haben. Aber das scheint auch für Silvies Teilzeitfreund Alexander (Fabian Hinrichs) zu gelten, der in seiner unerwiderten Liebe die Eigenschaften eines Stalkers entwickelt, ohne das zu merken.

Ein Wust aus vielsagenden Nichtigkeiten
Das wirft viele Fragen auf, allen voran die: Was genau will der Film eigentlich sagen? Tatsächlich eindeutig wird das nicht. Einerseits ist es natürlich schön, wenn ein TV-Film mal der Versuchung widersteht, alles ordentlich zusammengefaltet in Schubladen zu verteilen. Das Leben ist oft kompliziert, manchmal richtig hässlich, ohne dass es dafür erlösende Antworten gibt. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass ein Film einfach nur willkürlich Szenen aneinanderreihen sollte, ohne roten Faden, ohne Konzept. Umso mehr, wenn daraus eben nicht ein komplexes, widersprüchliches Bild entsteht, sondern eine Mischung aus schlimmen Klischees und unglaubwürdigen Phrasen, die durch nichts zusammengehalten werden.

Ich brauche euch wirkt in der Folge nur selten real, man hat fast nie den Eindruck, es mit einem wirklichen Menschen zu tun zu haben. Verschlimmert wird das durch die sehr aufdringliche, dabei monotone musikalische Untermalung, die uns ständig daran erinnert, dass wir hier in einem Film sind, uns eine Emotionalität aufzwingt, die der Film selbst nicht leistet. Dabei wird zwischendurch durchaus geschrien, mal auch was durch die Gegend geworfen. Schließlich soll das Publikum nicht vergessen, dass da hinter der Fassade eine ganze Menge los ist. Das sollte nur im Idealfall dann auch interessant sein. Leider ist es das aber nicht, trotz eines engagierten Ensembles. Das Drama will sehr viel, scheitert aber an der Aufgabe, auch nur eines der Themen wirklich aufzubereiten und mehr daraus zu machen als inhaltliche Placebos.

Credits

OT: „Ich brauche euch“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Max Färberböck
Drehbuch: Max Färberböck, Catharina Schuchmann
Musik: Martin Grube
Kamera: Daniela Knapp
Besetzung: Mavie Hörbiger, Elias Eisold, Geraldine Schlette, Fritz Karl, Fabian Hinrichs

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Ich brauche euch
4.04 (80.77%) 52 Artikel bewerten

Ich brauche euch
„Ich brauche euch“ erzählt von einer freiheitsliebenden Frau, die sich um die Kinder der entfremdeten Schwester kümmern muss, nachdem die von ihrem Mann ermordet wurde. Und das ist nur die Spitze des emotionalen Eisbergs, der in dem TV-Drama vor sich hergeschoben wird. Themen gibt es hier jede Menge, jedoch keinen Tiefgang, der Versuch auf zwischenmenschliche Komplexität endet in von aufdringlicher Musik begleiteter Willkür.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

6 Responses

    • Nicolai Gestermann

      Hallo Niemann,
      Die Musik stammt u. A. von Olafur Arnalds (So Far, The Journey), Daugther (Smother) und von Moby (Natural Blues).
      Meines Erachtens hat Herr Armknecht den Film leider nicht ganz verstanden.
      Viele Grüße

      Antworten
  1. Martin

    Wenn ich es gestern Abend im ZDF richtig erkannt habe, sind die meisten atmosphärischen Titel von Olafur Arnalds, wohl aus dem Album Living Room Songs.

    Antworten
  2. Martin

    Habe noch ein wenig recherchiert: Der Haupttitel ist „So Far“ von Olafur Arnalds aus dem Album Broadchurch. Vermutlich auch noch einige andere Titel 🙂

    Antworten

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