Kritik

Forgiven Children

„Forgiven Children“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Nachdem er selbst lange Zeit Opfer von Mobbing-Attacken gewesen war, hat der 13-jährige Kira Ichikawa (Yu Uemura) nun eine Gruppe von Gleichaltrigen um sich, deren Anführer er ist. In der kleinen Stadt, in der sie wohnen, gibt es nicht viel zu tun, sodass sie die meiste Zeit um die Häuser ziehen und ihre Klassenkameraden wie den schwächlichen Isuki (Shosei Abe) terrorisieren. Als Kira es wieder einmal auf ihn abgesehen hat und mit einer selbstgebauten Armbrust auf ihn zielt, löst sich der Abzug und er trifft Isuki, der verblutet. Zwar können Kira und seine Freunde fliehen, doch die Polizei ist ihnen schnell auf den Fersen und kann Kira zu einem Geständnis bringen. Kiras Mutter Mari (Kuroiwa Yoshi) ist fassungslos und will ihrem Sohn helfen, gibt ihm sogar ein Alibi, welches sich als entlastend im Verfahren gegen Kira auswirkt. Doch damit kehrt noch lange keine Ruhe in Kiras Alltag ein, denn zum einen wollen Isukis Eltern ein Zivilverfahren anstreben und zum anderen werden er und seine Eltern vor allem über soziale Netzwerke verfolgt, belästigt und beleidigt, sodass sie sich kaum noch aus dem Haus trauen. Zudem verfolgt Kira das Bild Isukis und seine Schuld an dessen Tod, was dazu führt, dass der ohnehin schon sehr introvertierte Junge sich noch weiter verschließt. Nur Momoko (Yukino Nagura), eine seiner Mitschülerinnen, die ebenfalls Opfer von Mobbingattacken wurde, findet einen Zugang zu ihm.

Eine Kultur des Mobbings
Bereits in seinem vorherigen Film Liverleaf setzte sich der japanische Regisseur Eisuke Naito (Litchi Hikari Club) mit dem Thema Mobbing auseinander, den Folgen für Täter und Opfer sowie der Kultur, welche dieses Phänomen bisweilen motiviert. Die Idee für seinen neuen Film Forgiven Children, der auf der diesjährigen Nippon Connection gezeigt wird, trug der Regisseur bereits seit langer Zeit mich sich herum und basiert auf zwei Mordfällen aus dem Jahre 1993 und 2015, die beide von Minderjährigen begangen wurden. Entstanden ist dabei ein berührendes, teils erschreckendes Drama über das Phänomen des Mobbings, das sowohl die Täter als auch die Opfer unter die Lupe nimmt und aufzeigt, inwiefern eine ganze Gesellschaft eine Mitschuld an diesen Taten hat.

Schon nach wenigen Minuten wird klar, dass Naitos Film Mobbing als ein Ereignis begreift, welches selbst die Grenzen des Privaten mühelos überschreitet. So wird das Bild immer wieder von Messenger-Nachrichten oder Tweets brutal zerschnitten, in denen aufgebrachte User nach der modernen Form der Lynchjustiz verlangen, beleidigen, verfolgen und sogar private Informationen preisgeben, sodass man die vollmundigen Worte in die Tat umsetzen kann. Schuld oder Unschuld scheinen schon bald keine Rolle mehr zu spielen, zu verführerisch sind die einfachen, die absoluten Schuldzuweisungen gerade in der Welt der sozialen Medien. Die spärlichen, aber mehrdeutigen Nachrichten, welche Kira Isuki schreibt, werden daher keinesfalls nur in den Sphären dieser Einzeltat gesehen, sondern als Symptom eines Phänomens, welches eine ganze Gesellschaft umfasst und auch außerhalb Japans, wie man an vielen Stellen sieht, praktiziert wird.

Interessant ist hierbei, wie sich hierbei die verschiedenen Narrative über die Tat, den Täter wie auch des Opfers und deren Familien, überlagern. Während die Medien im Film als Institution gezeigt werden, die nur allzu bereitwillig die Hetze im Netz mitmachen und schon bald das Haus von Kiras Eltern belagern, gerät die eigene Geschichte zunehmend aus dem Blick und man verliert die Kontrolle darüber. In einer Verzweiflungstat versucht Kiras Mutter über einen eigenen Artikel ihre Version der Ereignisse zu beschreiben, wie es auch die Eltern Isukis taten, doch die Welle der Entrüstung aus dem Netz und den Medien ist da schon zu groß und zerstörerisch.

Über Schuld und Sühne
Parallel zu diesen Handlungssträngen verliert der Film Yu Uemuras Kira nicht aus dem Blick, jenen Jugendlichen, über den nun jeder, einschließlich seiner Mutter, eine Geschichte zu berichten weiß oder ein Bild parat hat, der aber keinen an sich heranlässt. In einem Wechsel von Nähe und Distanz nähert sich Iju Morikadas Kamera diesem Jungen, der noch nicht einmal ansatzweise verarbeitet hat, was um ihn herum geschieht und der in einen Strudel hineingerissen wird, in dessen Sog er sich immer mehr in sich selbst zurückzieht. Dann gibt es wieder diese privaten Momente, in denen sich die angestaute Wut entleert und sich in der Aggression zeigt, was Worte schon lange nicht mehr ausdrücken können. Über alle dem, über Täter wie auch Opfer, zeigt sich die Vereinsamung eines jungen Menschen und wie leicht man innerhalb einer sozialen Hackordnung zum Opfer werden kann.

Credits

OT: „Yurusareta Kodomotachi“
Land: Japan
Jahr: 2020
Regie: Eisuke Naitô
Drehbuch: Eisuke Naitô
Musik: Hisashi Arita
Kamera: Iju Morikada
Besetzung: Yu Uemura, Shosei Abe, Kuroiwa Yoshi, Akana Ikeda, Oshima Kota, Ryuju Sumikawa, Shuya Haruna, Yukino Nagura

Bilder

Trailer



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Forgiven Children
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Forgiven Children
"Forgiven Children" ist ein beklemmendes Drama über Mobbing und dessen Folgen. Die unverbrauchten, tollen Darsteller sowie die Bilder Iju Morikadas sind nur zwei Aspekte, die den neuen Film Eisuke Naitos sehr sehenswert machen, welcher hoffentlich die Diskussion über das Phänomen des Mobbings nicht mehr länger an Einzelfällen festmacht, sondern auf eine breite gesellschaftliche Ebene verlagert.
9von 10

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